Mit dem Kommunikationsdesaster der letzten Tage hat die Wirtschaftskammer genau das erreicht, was sie ansonsten tunlichst vermeiden möchte: eine Grundsatzdiskussion über ihre Arbeit und ihre Daseinsberechtigung. Dabei entwickelt sich die Debatte in eine völlig falsche Richtung. Auch wenn Harald Mahrer zu Fall gebracht wurde und sich Tirols WK-Präsidentin plötzlich vorstellen kann, die Erhöhung ihrer Bezüge rückgängig zu machen, ändert das nichts an den wesentlichen Problemen des Systems Wirtschaftskammer:
1.) Warum hat die Wirtschaftskammer überhaupt so viel Geld?
Die Rücklagen der Wirtschaftskammer betrugen 2022 rund 1,9 Milliarden Euro. Warum hat die Kammer diese 1.900 Millionen Euro überhaupt? Als oberste Interessenvertreterin der österreichischen Unternehmerschaft gegenüber Politik und Öffentlichkeit finanziert man sich bekanntermaßen aus Pflichtbeiträgen. „Gewinne“ aus ebendiesen Vorschreibungen sollten logischerweise direkt oder indirekt an die Unternehmerschaft zurückfließen. In der aktuellen Wirtschaftslage gäbe es wohl genug Möglichkeiten, wie man der Wirtschaft mit der absurd hohen WK-Rücklage unter die Arme greifen könnte.
2.) Kann man mit so viel Geld wirklich sparsam umgehen?
Zu viel Geld führt meistens nicht zum sorgsamen Umgang mit ebendiesem. Bestes Beispiel: Braucht die Kammer wirklich 5.800 Angestellte in Österreich? Großzügig gerechnet kommen auf jede/-n dieser MitarbeiterInnen gut 100 Unternehmen. Zieht man Ein-Personen-Unternehmen ab, sind es sogar nur 39.
Auch 10 PräsidentInnen, rund 50 VizepräsidentInnen und Hunderte Funktionäre und Funktionärinnen, die ja auch eine Aufwandsentschädigung erhalten, führen automatisch zu der Frage: Hat die Kammer die richtige Größe oder ist ihr aktueller Umfang mittlerweile eher den finanziellen Möglichkeiten geschuldet?
3.) Wie viel sollte man in der Kammer verdienen dürfen?
Wie alle öffentlichkeitsnahen Unternehmen zahlt auch die Kammer ordentliche Löhne. Zusätzlich gibt es auch noch Top-Gagen, die völlig unter dem Radar laufen. Allein Tirols Wirtschaftskammer-Direktorin Evelyn Geiger-Anker soll angeblich fast doppelt so viel verdienen wie ihre Präsidentin Barbara Thaler. Und auch sonst finden sich viele Kammer-Jobs im sechsstelligen Jahresbrutto-Bereich, bei denen man sich fragen muss, ob eine ähnliche Stelle in der Privatwirtschaft annähernd so entlohnt werden würde oder entlohnt werden könnte.
Kurzum: We created a monster … die Frage ist nur, wie wir da jetzt wieder rauskommen.
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