Was vor zwei Jahren noch als technisches Hilfsmittel abgetan wurde, hat inzwischen eine Dimension der Leistungsfähigkeit angenommen, die man nicht einfach mit der industriellen Revolution vergleichen kann. Wurden damals vor allem Jobs im Arbeiterbereich durch Maschinen ersetzt, geht der Sensenmann diesmal in den Büros der Welt umher, und das in unglaublichem Ausmaß.
Aktuell begegnet man dieser totalen Disruption vielerorts mit diversen Abwehrhaltungen. Man versucht, die KI zu reglementieren, und erzählt dem arbeitenden Teil der Bevölkerung, dass zwar viele Jobs verschwinden, aber auch ganz viele neue entstehen werden. Die Realität wird wesentlich dramatischer werden. Würde man ein Unternehmen heute neu gründen, würde man im Verwaltungsbereich locker mit einem Viertel des Personals das Auslangen finden. Den Rest erledigen immer besser werdende KI-Agenten, die nicht nur einen Bruchteil kosten, sondern auch 24 Stunden am Tag arbeiten – ohne Wochenenden, Krankenstand und Urlaub. Und das betrifft nicht nur einfache Verwaltungstätigkeiten. Die KI hilft bei rechtlichen Fragen, erledigt die Buchhaltung, erstellt Präsentationen und Analysen auf Basis komplexer Zahlen und großer Datenmengen, hilft in der Finanz- und Controlling-Welt und managt das Marketing inklusive Content und Onlinewerbeplan ganz nebenbei. Ganze Abteilungen werden plötzlich überflüssig. Natürlich braucht es auch in Zukunft noch Menschen, aber erstens nur noch wenige und zweitens nur noch speziell ausgebildete. Das könnte im Extremfall bedeuten, dass es nicht nur 80 Prozent der MitarbeiterInnen nicht mehr braucht, sondern gleich 100 Prozent, die durch 20 Prozent neue ersetzt werden.
Vorbereitet auf dieses Szenario, das nicht in der Ferne lauert, sondern bereits vor unserer Tür steht, sind wir in Europa keineswegs. Wir nehmen das Thema zu wenig ernst und machen im Grunde weiter wie bisher. In der Schule lernen wir nach wie vor Latein statt KI, und wenn ein schlauer Bildungsminister das bekrittelt, darf er sich gleich dafür abwatschen lassen. Das Schulsystem, das schon lange vor der KI veraltet war, wird von Lobbyisten dort gehalten, wo es ist:
Eine in die Jahre gekommene Gleichmachungsmaschine, die uns auf ein Leben einstimmt, das es nicht mehr gibt.
Die gute Nachricht für den Start ins Berufsleben: Es gibt nur noch drei Möglichkeiten. Entweder man wählt ein Fach, das immer gebraucht wird und eine spezielle Ausbildung benötigt (Medizin zum Beispiel), man gründet sein eigenes Unternehmen (verlockender denn je) oder man sucht sich einen Job im öffentlichen oder halböffentlichen Bereich. Dort nämlich wird man noch recht lange einen recht sicheren Arbeitsplatz haben, weil es die öffentliche Hand tunlichst vermeiden wird, wegen KI Arbeitsplätze abzubauen. Das ist durchaus zynisch, wenn man bedenkt, dass man genau dort schon jetzt am meisten Personal einsparen könnte. Das Land Tirol und die Stadt Innsbruck beschäftigen zum Beispiel, wie an dieser Stelle bereits öfters erwähnt, gemeinsam 6.500 Menschen in der Verwaltung. Selbst ohne KI würde man in der Privatwirtschaft vermutlich bereits jetzt mit der Hälfte auskommen. Mit dem richtigen Einsatz von KI kann der Output dieser 6.500 Menschen, großzügig gerechnet, sehr wahrscheinlich von nur mehr 1.000 Menschen generiert werden.
Wo führt das alles hin? Nachdem die meisten Menschen die unendlichen Möglichkeiten, die KI mit sich bringt, nicht als Chance, sondern eher als Bedrohung empfinden werden, kann das zumindest in Europa nur in eine Richtung führen: Das bedingungslose Grundeinkommen wird kommen müssen. Doch auch hiervon sind wir nicht nur in Sachen Finanzierung meilenweit entfernt. Derzeit machen wir nämlich noch das Gegenteil: Wir versteuern etwas, das eigentlich schon längst gar nicht mehr versteuert werden sollte, am allerhöchsten und noch höher, wenn viel davon geleistet wird: die Arbeit.