Es ist zur Zeit sehr einfach, in den Kanon rund um Europas Untergang einzustimmen. Nicht nur KulturpessimistInnen sehen den einst glorreichen Kontinent mit nicht bewältigbaren Problemen konfrontiert. Man hat den Anschluss an die Zukunft verloren, ja wahrscheinlich sogar den an die Gegenwart.
Die rund 450 Millionen EU-BürgerInnen seien vor allem ein wokes, selbstoptimiertes und mitleidiges Volk geworden. Sie beschäftigten sich viel mit Life und wenig mit Work, widmeten sich im Rahmen ihrer Viertagewoche am liebsten Nebenschauplätzen wie dem Gendern, und das vorzugsweise aus dem Homeoffice. Verwaltet sei der Kontinent in dieser Dystopie von einem korrupten Apparat an PolitikerInnen und Lobbyisten, die vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht seien und den größten Binnenmarkt der Welt am liebsten überregulierten, um ständig mit ebenso neuen wie sinnlosen Vorschriften eine wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit auf der weltweiten Bühne zu verhindern. Ein Kontinent als größtes Freiluftmuseum der Welt, in dem sich die EinwohnerInnen um ein paar schaulustige TouristInnen kümmern und sich gegenseitig nur noch die Haare schneiden – so lautet das letzte Kapitel im Buch zum Untergang, der für viele kurz bevorsteht.
Nicht mit mir! Da ich mit dem plötzlichen Wegfall von lukullischen Genüssen und Alkohol in der Fastenzeit historisch betrachtet keine allzu beeindruckende Erfolgsbilanz vorweisen kann, verzichte ich heuer 40 Tage auf diesen Pessimismus und blende die europäischen Probleme, die es auch in neutraler Betrachtungsweise natürlich gibt, nicht nur aus, sondern konzentriere mich voll und ganz auf ein positives Zukunftsbild unseres Kontinents – auf eines, das von einem neuen Selbstbewusstsein geprägt sein wird, das uns nicht kleiner macht, als uns manche ohnehin sehen wollen.
Europa darf nämlich nicht nur stolz auf seine Geschichte sein, sondern auch auf seine Gegenwart.
Wenn auch unter erschwerten Bedingungen, so wird doch immer noch viel erfunden und geschaffen. Und es wird auch gearbeitet.
Bei genauerer Betrachtung ist Europas zwar abnehmende, aber immer noch präsente Unterwürfigkeit gegenüber Amerika auch ein Charakterzug der Überlegenheit. Wir sind kultivierter, zurückhaltender und vielleicht manchmal zu höflich. Aber auch das macht unsere europäische Identität aus. Oder glauben Sie wirklich, dass Europas schlauste Hirne keine Druckmittel gegen den willkürlichen Wahnsinn aus der ehemals ältesten Demokratie der Welt parat hätten? Wie schnell würde sich der Wind drehen, wenn wir androhten, internationale Bankgeschäfte künftighin in Euro statt in Dollar abzuwickeln? Wie viele Zollfantasien würden zerplatzen, wenn wir keine Waffen mehr in Amerika bestellten oder endlich auf Fracking-Gas verzichteten? Nur weil wir nicht jedes Druckmittel sofort einsetzen, bedeutet das nicht, dass wir es nicht irgendwann tun werden. Nicht auf die gleiche Art zu reagieren, wie ein Trump agiert, muss nicht Schwäche, sondern kann auch Haltung bedeuten.
Es ist jedenfalls Zeit für ein neues europäisches Selbstbewusstsein, basierend auf einer ganz eigenen Daseinsberechtigung, die mit Amerika so viel zu tun hat wie Island mit Grönland oder Ex-Prinz Andrew mit der Unschuldsvermutung.
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