Eingabehilfen öffnen

Skip to main content
Rankings - top.tirol - Wirtschaftsnachrichten aus Tirol
Rankings
Unternehmensverzeichnis - top.tirol - Wirtschaftsnachrichten aus Tirol
Unternehmen
Newsletter - top.tirol - Wirtschaftsnachrichten aus Tirol
Newsletter
Aurel Hallbrucker im Porträt

Der Retter gebrochener Rahmen

Aurel Hallbrucker im Porträt

Der Retter gebrochener Rahmen

Artikel teilen

Sündteure und ultraleichte Carbon-Rennräder zählen zu den wenigen Wachstumsparten in der kriselnden Fahrradbranche. Der Innsbrucker Aurel Hallbrucker hat sich mit seinem Unternehmen Cult Composites darauf spezialisiert, die filigranen Schönheiten vor dem Sondermüll zu bewahren.  

„Das ist jetzt der Klassiker, die Sattelstrebe“, sagt Aurel Hallbrucker und hebt den Rennradrahmen hoch, bei dem offensichtlich die dünne Strebe am Hinterbau kaputt ist. „Die ist gebrochen. Aber das kann man ohne Probleme richten“, sagt er im unaufgeregten Tonfall. Leidenschaftlichen Rennradlern kann so ein Bruch oder Riss im Carbon-Rahmen Nervenzusammenbrüche bescheren. Immerhin liegen die Topmodelle preislich jenseits der 10.000 Euro. Gemeinhin gilt ein gebrochener Carbon-Fahrradrahmen als Fall für den Sondermüll. Denn der Kunststoff ist nicht recyclebar. Aber – was viele nicht wissen – man kann ihn meistens problemlos reparieren. Und genau das ist Aurels täglich Brot: er rettet Fahrradrahmen aus Carbon. In einem unscheinbaren Mehrparteienhaus-Keller in Völs bei Innsbruck hat der 42-jährige seine kleine Werkstatt eingerichtet. Seit zehn Jahren repariert der gelernte Leichtflugzeugbauer schon Räder aus Carbon. Seit Herbst 2024, nachdem er seinen Anteil an einer Innsbrucker Segelflugschule verkauft hat, ist diese anfängliche Nebentätigkeit unter dem Firmennamen Cult Composites zum Hauptberuf geworden.

Das Geschäft läuft gut, in Aurels Büro stapeln sich die Rahmen. Denn obwohl die Fahrradbranche insgesamt mit sinkenden Absatzzahlen zu kämpfen hat, gelten Rennräder als eine der wenigen Wachstums-Nischen. 2023 wurden hierzulande 12.377 Rennräder verkauft, was einem Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprochen hatte. 2024 stieg dieser Wert erneut um 20,8 Prozent. Angesichts der oft fünfstelligen Preise von ultraleichten Carbon-Rennrädern, die in der obersten Klasse oft nur mehr 6 Kilogramm wiegen, ist es nachvollziehbar, dass ein solcher Rahmenbruch für die Besitzer eine mittlere Katastrophe darstellt.  

Nachhaltiges Geschäftsmodell

Auf Aurels Werkbank liegen zwei solche Patienten, jeweils hochwertige Rennrad-Rahmen mit gebrochenen Kettenstreben. Er kann die Verbundenheit der Besitzer mit ihren Sportgeräten nachfühlen, auch wenn er selbst kein passionierter Biker ist: „Ich habe zwar selber eines, aber benutze es hauptsächlich als Fortbewegungsmittel.“ Ihn treibe die Freude an schöner Ingenieurskunst sowie der Beitrag zu nachhaltigem Umgang mit Ressourcen an. Denn Carbon, speziell in Form eines Fahrradrahmens, kann nicht recycelt werden. Und wer auf einen gebrochenen Carbon-Rahmen Garantieansprüche anmeldet, erhält vom Hersteller – sofern die Reklamation akzeptiert wird – einen Neurahmen. Den alten muss man einschicken oder nachweislich zerstören. Keine sehr nachhaltige Praxis, denn mit dem richtigen Fachwissen wäre eine Reparatur meistens möglich, wie Aurel täglich beweist.

Sein Faible für den modernen Werkstoff hat der begeisterte Segelflieger und Fliegenfischer über diese Hobbies entwickelt. Wobei er dem Kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff eben nicht nur unkritisch gegenübersteht: „Denn wenn Carbon kaputt geht, ist es im Grunde Sondermüll.“ Seine Arbeit sieht Aurel daher als Beitrag zu einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. „Wenn ich einen gebrochenen Rahmen repariert habe, ist diese Bruchstelle von den Materialeigenschaften her so gut wie neu. Das hält ewig“, versichert Aurel. Anders als bei Alurahmen. Diese können nur selten geschweißt werden, wenn etwas bricht, weil der Rahmen durch Hydroforming unterschiedliche Wandstärken aufweist und sich daher verziehen würde.

Neben Fahrradrahmen sind es vor allem Carbon-Laufräder, die Aurel zur Reparatur bekommt. Lenker, Gabeln und andere Anbauteile lehnt er prinzipiell ab. Nur einmal habe er für einen Kunden eine Ausnahme gemacht, und dessen Sattelstütze verlängert: „Der ist so groß, dass ihm kein Rennradrahmen gepasst hat. Also habe ich ihm aus zwei Sattelstützen eine lange gebaut. Seither ist er der glücklichste Rennradler überhaupt“, freut sich Aurel mit seinen zufriedenen Kunden. Diese Zufriedenheit belegen die Zahlen: in den vergangenen zehn Jahren kamen genau sechs Räder wegen erneutem Defekt an der reparierten Stelle zurück in Aurels Werkstatt: „Und in so einem Fall erfolgt die Reparatur auf Kulanz.“

Sattelstrebe ab 400 Euro

Wer seinen gebrochenen oder gerissenen Carbon-Rahmen bei Cult Composites reparieren lassen will, muss zuerst ein Foto des Schadens per E-Mail an Aurel schicken. Ein wichtiger erster Schritt, wie er erklärt: „Denn die Wahrnehmung, was ein Schaden ist, kann oft extrem von der tatsächlichen Schwere des Defekts abweichen.“ Schmunzelnd zeigt Aurel Fotos, die ihm Kunden geschickt haben. Bei einer völlig zerfledderten Kettenstrebe, die kaum noch als solche erkennbar ist, meinte der Einsender, es handle sich bloß um einen Kratzer. Aurel musste den Auftrag ablehnen, weil der Schaden selbst für den Experten zu viel war. Andere wiederum schicken Fotos von leichten Kratzern in der Carbon-Felge und befürchten, damit sei ihr Laufrad hinüber. „Denen antworte ich dann, sie können beruhigt weiterradeln. Die Rennradler sind da oft besonders pingelig…“, lacht er.

Für eine durchschnittliche Reparatur, wie etwa einer gebrochenen Sattelstrebe, verlangt Aurel rund 400 Euro. Der Preis variiert je nach Aufwand der Arbeit. Zwei bis drei Wochen dauert es in der Regel, bis man den fertigen Rahmen zurückbekommt. Wer nicht so lange warten will, kann gegen Aufpreis einen Express-Service buchen. Wichtig ist, dass Kunden Aurel den völlig nackten Rahmen ohne jeglichen Anbauteile per Post schicken. Denn am Ende muss das Werkstück zum Aushärten in den Ofen und das wäre für die Anbauteile meist nicht ideal.

Sichtbare Werbung

Der Service von Cult Composites umfasst die reine Carbon-Reparatur. Lackiert wird die Stelle, die gebrochen oder gerissen war, nur mit Klarlack. „Einen Carbon-Rahmen mit Farbe zu lackieren, ist aufwendig. Wer das unbedingt will, den kann ich an einen befreundeten Autolackierer weitervermitteln“, erklärt er. Die Sichtbarkeit der Reparatur nutzt Aurel zugleich als kostenlose Werbung für Cult Composites: „Wer mit so einem Carbon-Rahmen herumfährt, bei dem die Stelle sichtbar ist, die ich bearbeitet habe, wird meistens darauf angesprochen. Für mich ist das die effektivste und einfachste Form der Werbung.“

So kritisch Aurel den Werkstoff Carbon hinsichtlich des ökologischen Fußabdruckes sieht, so überzeugt ist er von dessen Belastbarkeit und Langlebigkeit. Als passionierter Segelflieger – Aurel ist mehrfacher Staatsmeister und schaffte einst bei der Weltmeisterschaft Platz 7 – vertraut er auf die harzverklebten Gewebeschichten. „Carbon hält ewig und Witterungseinflüsse machen ihm praktisch nichts aus“, erklärt er. Aber der Kunststoff hat auch seine Schwächen: „Carbon ist steif und will sich nicht bewegen. Es genügt ein seitlicher Umfaller auf die Betonkante und der Rahmen ist kaputt.“

Neben Fahrrädern repariert Cult Composites auf Nachfrage auch Langlaufstöcke, Kajak-Paddels, Motorrad-Verkleidungen, Surf-Bretter und sogar Auto-Karosserieteile. Einzige Voraussetzung: sie müssen aus Carbon gefertigt sein.

01. Februar 2026 | AutorIn: Steffen Kanduth | Foto: Flo Lechner

top.tirol Newsletter

Wir informieren Sie kostenlos und wöchentlich über Tirols Wirtschaftsgeschehen