In seinem neuen Buch „Welt ohne Wahrheit“ analysiert APA-CEO Clemens Pig die Veränderungen der digitalen Öffentlichkeit – von Fake News und KI-Bots bis zur Macht globaler Plattformen. Im Interview erklärt er, warum Demokratie einen gemeinsamen Faktenraum braucht und weshalb er trotz allem optimistisch bleibt.
top.tirol: Ihr neues Buch trägt den Titel „Welt ohne Wahrheit“. Erleben wir derzeit vor allem eine Krise der Demokratie oder eine Krise der digitalen Öffentlichkeit?
Clemens Pig: Die beiden Krisen sind untrennbar miteinander verbunden. Demokratie braucht einen gemeinsamen Faktenraum, in dem öffentliche Debatten geführt und fundierte Entscheidungen getroffen werden können. Dieser Raum wird durch die Mechaniken der digitalen Öffentlichkeit zunehmend fragmentiert. Plattformen, die auf maximale Aufmerksamkeit statt auf gesellschaftliche Verständigung ausgerichtet sind, fördern Polarisierung und Emotionalisierung. Das Ergebnis ist eine Erosion gemeinsamer Wirklichkeit, die sowohl die Demokratie als auch die digitale Öffentlichkeit gefährdet. Mein Buch ist ein Plädoyer dafür, diese Entwicklung nicht nur zu beklagen, sondern aktiv gegenzusteuern.
Sie warnen vor Fake News, KI-Bots und algorithmischer Manipulation. Wird Künstliche Intelligenz den Qualitätsjournalismus am Ende stärken oder ihn zunehmend verdrängen?
Künstliche Intelligenz ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bietet sie enorme Chancen, etwa durch die Automatisierung von Routineaufgaben oder die Personalisierung von Inhalten. Andererseits birgt sie erhebliche Risiken, insbesondere wenn KI-Modelle auf unsauberen Daten basieren und Manipulation ermöglichen. Der entscheidende Punkt ist, wie wir KI einsetzen: Sie muss journalistische Integrität wahren und darf nicht zur Konkurrenz für den Qualitätsjournalismus werden. Medien müssen wachsam bleiben und ihre Inhalte schützen, etwa durch klare Rechte- und Lizenzierungsmodelle. KI kann den Journalismus stärken, wenn sie als Werkzeug genutzt wird – nicht als Ersatz.
Große Plattformen und Algorithmen entscheiden heute darüber, welche Informationen sichtbar werden. Haben klassische Medien gegen Big Tech überhaupt noch eine realistische Chance?
Die Chancen klassischer Medien hängen davon ab, ob sie sich den digitalen Raum zurückerobern können. Das erfordert einen Paradigmenwechsel: Medien müssen stärker kooperieren, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Gemeinsam können sie Infrastrukturen schaffen, die ihnen Sichtbarkeit und wirtschaftliche Stabilität sichern. Entscheidend ist, dass Medien ihre Stärken – die Newsrooms und die journalistische Qualität – bewahren und gleichzeitig innovative Lösungen entwickeln, um NutzerInnen aktiv einzubinden. Es ist spät, aber nicht zu spät, Alternativen zu den bestehenden Plattformen zu schaffen.
In Ihrem Buch skizzieren Sie eine „europäische demokratische Informationsordnung“. Wie könnte so eine Ordnung konkret aussehen und was müsste Europa dafür jetzt tun?
Eine europäische demokratische Informationsordnung basiert auf gemeinsamen Infrastrukturen, die Medien Unterstützung bieten und gleichzeitig die digitale Souveränität Europas stärken. Das könnte mit einer Cloud, einer Login-Infrastruktur oder einer Plattform für Paid Content beginnen. Wichtig ist, dass diese Strukturen nicht kommerziellen Plattforminteressen unterliegen, sondern journalistisch und gesellschaftlich legitimiert sind. Europa muss jetzt handeln – durch strikte Regulierung, aber auch durch Innovation. Es braucht einen europäischen Schulterschluss, um den digitalen Raum zurückzuerobern und eine neue Kommunikationsordnung zu schaffen.
Das Vertrauen in Medien sinkt vielerorts. Wie kann Qualitätsjournalismus dieses Vertrauen zurückgewinnen, gerade in Zeiten von Desinformation und Polarisierung?
Qualitätsjournalismus muss sich der Wahrheit so weit wie möglich annähern und eine gemeinsame Grundlage für Diskussionen bieten. Das bedeutet, nicht nur Inhalte zu liefern, sondern auch Orientierung und Kontext. Medien müssen die NutzerInnen aktiv einbinden und ihnen die Möglichkeit geben, sich auf Augenhöhe zu beteiligen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Mechanismen der sozialen Medien zu verstehen und ihnen mit alternativen Angeboten zu begegnen. Vertrauen entsteht durch Transparenz, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, komplexe Themen verständlich zu machen. Medien dürfen das Feld der Kommunikation nicht allein den Plattformen überlassen.
Trotz aller Risiken: Sind Sie persönlich optimistisch, dass Demokratie und Wahrheit in dieser neuen Kommunikationsära bestehen können?
Ja, ich bin optimistisch. Die Geschichte zeigt, dass dominante Strukturen immer wieder durch neue ersetzt oder ergänzt wurden. Es liegt an uns, die Initiative zu ergreifen und Alternativen zu schaffen, die Orientierung, Vertrauen und Teilhabe ermöglichen. Demokratie und Wahrheit können bestehen, wenn wir bereit sind, gemeinsam zu handeln – als Medien, Politik, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Herausforderungen sind groß, aber sie bieten auch die Chance, eine neue, gerechtere Informationsordnung zu gestalten. Wandel beginnt mit Medien und Technologie, und ich glaube fest daran, dass wir diesen Wandel aktiv mitgestalten können.

Zur Person
Clemens Pig ist geschäftsführender Vorstand der APA – Austria Presse Agentur. Morgen ist er um 17 Uhr mit einem Vortrag am MCI zu Gast und am Donnerstag um 13.50 Uhr beim Mediengipfel in Seefeld zu hören.