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Hotels gegen Booking.com

Europas Gastgeber rufen zum Aufstand

Ein tolles Haus allein reicht heute oft nicht mehr aus, um seine Gäste anzusprechen. An Buchungsplattformen kommen die meisten nicht vorbei.
Hotels gegen Booking.com

Europas Gastgeber rufen zum Aufstand

Ein tolles Haus allein reicht heute oft nicht mehr aus, um seine Gäste anzusprechen. An Buchungsplattformen kommen die meisten nicht vorbei.

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Tausende Hotels quer durch Europa schließen sich einer Sammelklage gegen den Buchungsriesen Booking.com an. Sie wehren sich gegen eine jahrelange Praxis, die ihrer Ansicht nach den Wettbewerb untergräbt – und ihnen bares Geld kostet.

Die Abhängigkeit von Plattformanbietern wie Booking.com empfinden viele Hoteliers inzwischen als Zwang. Preise und Vertragsbedingungen seien ihnen diktiert worden, Spielräume kaum vorhanden. Für viele Betriebe ist nun ein Punkt erreicht, an dem sie das nicht länger hinnehmen wollen.

Digitale Marktmacht – für viele alternativlos

Ganz gleich, ob man eine Städtereise nach Paris plant, eine Auszeit in den Alpen oder einen Wochenendtrip nach Wien – wer heute seine Unterkunft sucht, wird im Netz schnell fündig. Plattformen wie Booking.com bündeln Angebote und präsentieren sie nutzerfreundlich, oft mit Preisvergleichen und Bewertungen. Was für Urlauber praktisch ist, führt in der Branche zunehmend zu Unmut.

Denn wer nicht auf diesen Plattformen gelistet ist, findet in der Reiseplanung vieler Nutzer schlicht nicht statt. Rund 29 Millionen Unterkünfte hat Booking.com weltweit im Portfolio. In Österreich läuft etwa jede fünfte Buchung über eine Onlineplattform – und auch hier dominiert Booking. Für die meisten der etwa 5000 heimischen Hotels ist eine Präsenz dort unumgänglich. Mal geht es darum, die Auslastung in der Nebensaison zu verbessern, mal um Geschäftskunden oder internationale Sichtbarkeit. Bei manchen Stadthotels kommen bis zu 70 Prozent der Buchungen über diese Kanäle. Alternativen? Kaum – höchstens noch Expedia.

Wie top.tirol bereits berichtet, brodelt es in der Branche schon lange. Hohe Provisionen – zwischen zwölf und über zwanzig Prozent des Zimmerpreises –, intransparente Rankings, kaum Mitspracherecht bei der Präsentation des eigenen Angebots: Die Kritik ist vielschichtig. Und sie wird zunehmend laut.

Sammelklage gegen die Paritätsklausel

Europaweit schließen sich nun Hotels zusammen. Organisiert von Hotrec, dem Dachverband der europäischen Hotels und Restaurants mit Sitz in Brüssel, wollen sie Booking.com über eine Sammelklage zur Rechenschaft ziehen. Rund 800.000 Betriebe sind potenziell betroffen – und könnten Anspruch auf Rückerstattung geltend machen.

Im Zentrum steht dabei die sogenannte Paritätsklausel. Diese verpflichtete Hotels, auf Booking.com stets den gleichen oder einen besseren Preis anzubieten als auf der eigenen Website oder bei anderen Plattformen. Aus Sicht vieler Konsumenten ein Vorteil – für Hoteliers aber ein Ärgernis, das ihre Vertriebshoheit untergräbt.

In Deutschland und Österreich ist diese Klausel mittlerweile verboten. Im September des Vorjahres urteilte auch der Europäische Gerichtshof: Die Praxis verstoße gegen EU-Wettbewerbsrecht. Sie behindere den Preiswettbewerb, benachteilige Direktbuchungen und verursache finanziellen Schaden bei den Anbietern. Booking.com verweist in einer Stellungnahme darauf, dass diese Klauseln mittlerweile abgeschafft worden seien – seit Juli 2024 im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum. Zudem handle es sich um Einzelfälle, die individuell zu prüfen seien.

Bis zu 30 Prozent Rückzahlung möglich

Für die Hotels geht es nun ums Geld. „Vorläufige Schätzungen deuten darauf hin, dass bis zu 30 Prozent oder mehr der seit 2004 gezahlten Provisionen plus Zinsen rückerstattet werden könnten“, heißt es auf der Website der Initiatoren. Die Klage soll noch vor Jahresende beim zuständigen Gericht in den Niederlanden eingebracht werden. Hotrec spricht bereits jetzt von „überwältigender Resonanz“: Über 15.000 Hotels hätten sich registriert – die meisten aus Italien, Deutschland, den Niederlanden, Griechenland und Österreich. Auch hierzulande ist das Interesse groß. Rund 750 Betriebe sind bereits dabei.

Für Georg Imlauer, Obmann des Fachverbands Hotellerie in der Wirtschaftskammer Österreich, ist das ein klares Signal: „Das zeigt, wie groß das Interesse an einer rechtlichen Klärung ist“, lässt er wissen.

„Endlich auf Augenhöhe“

Was erwarten sich die Hoteliers konkret? Öffentlich wollen sich viele nicht äußern – zu groß ist die Abhängigkeit vom System Booking. Doch hinter den Kulissen ist die Hoffnung groß: Für manche Häuser könnte es um sechsstellige Summen gehen. In der Branche rechnet man mit einem Vergleich.

In Hotelkreisen heißt es, die Klage sei derzeit „die einzige Möglichkeit, wie sich kleine und mittlere Betriebe gegenüber internationalen Plattformen behaupten können“. Dabei gehe es nicht nur um finanzielle Rückforderungen, sondern auch um ein Zeichen: Der Fall könne Signalwirkung für andere Wirtschaftsbereiche haben – etwa für kleinere Händler, denen große Onlineplattformen ihre Bedingungen vorgeben. Man dürfe sich das nicht länger gefallen lassen, heißt es.

Branchenvertreter Martin Stanits will trotz aller Kritik den Blick aufs Positive richten: In Österreich erfolgen noch immer rund zwei Drittel aller Buchungen direkt bei den Hotels. Für ihn ein Auftrag: Die Betriebe sollten den Direktvertrieb weiter stärken. Denn: „Wer nur auf einem Bein steht, kippt leicht um.“

29. August 2025 | AutorIn: David Wintner | Foto: Shutterstock

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