Ob beim Wocheneinkauf oder beim schnellen Griff ins Regal: Die Preise sind in den letzten Jahren spürbar nach oben geklettert. Aber was steckt wirklich dahinter – höhere Produktionskosten, Inflation oder schlicht Profitgier? Max Breitenlechner von der Universität Innsbruck ordnet im Interview ein.
Warum sind Lebensmittel in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ teuer?
Lebensmittelpreise in Österreich liegen im europäischen Vergleich tatsächlich relativ hoch. Dieser sogenannte „Österreich-Markup“ ist aber kein neuer Effekt der jüngsten Inflation, sondern ein struktureller Preisunterschied, der schon seit längerem besteht. Es erklärt daher nicht die aktuelle Inflationsdynamik, sondern spiegelt längerfristige Unterschiede wider.
Mögliche Gründe für dieses höhere Preisniveau liegen unter anderem in der Struktur der heimischen Landwirtschaft. Österreich hat im Vergleich zu anderen Ländern eine kleingliedrigere Agrarstruktur, was tendenziell mit höheren Produktionskosten einhergeht. Hinzu kommt der hohe Stellenwert regionaler und biologischer Produkte bei den Konsumentinnen und Konsumenten – das führt einerseits zu einer bewussten Kaufentscheidung für teurere Produkte, andererseits schränkt es das Angebot günstig produzierter Importware etwas ein.
Ist die Inflation allein verantwortlich für die hohen Preise?
Nein, die Inflation ist nicht die Ursache der hohen Preise – sie beschreibt vielmehr die Veränderung des Preisniveaus über die Zeit. Die teils starken Preissteigerungen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass die Inflationsrate zeitweise deutlich über dem langjährigen Durchschnitt lag. Diese Entwicklungen sind das Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren: einerseits einer erhöhten Nachfrage nach dem Ende der COVID-bedingten Einschränkungen, andererseits erheblichen Störungen in den globalen Lieferketten sowie der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. In dieser Situation haben Unternehmen ihre Preise angehoben – sei es zur Deckung gestiegener Kosten oder aus Vorsicht zur Wahrung von Gewinnmargen in unsicheren Zeiten. Diese Preissteigerungen schlagen sich letztlich in der Inflationsrate nieder.
Steht das Preisniveau noch in einem angemessenen Verhältnis zu den Einkommen der KonsumentInnen?
In Österreich gibt es eine lange sozialpartnerschaftliche Tradition, wonach sich die jährlichen Lohnabschlüsse an der Entwicklung von Preisen und Produktivität orientieren. Diese Praxis ist auch unter dem Namen Benya-Formel bekannt. In den vergangenen Jahren wurden die Kollektivvertragslöhne – wie in Österreich üblich – meist über der reinen Inflationsrate abgeschlossen, was bedeutet, dass die Reallöhne im Durchschnitt gesichert oder sogar leicht erhöht wurden. Das trägt dazu bei, dass das Preisniveau weiterhin in einem gewissen Verhältnis zu den Einkommen steht – zumindest im aggregierten Durchschnitt. Allerdings können bestimmte Bevölkerungsgruppen, etwa Personen ohne Kollektivvertrag oder mit geringem Einkommen, stärker von der Inflation betroffen sein, insbesondere wenn Preissteigerungen bei Grundbedürfnissen wie Wohnen, Energie oder Lebensmitteln auftreten.
Wie wirkt sich die Wahrnehmung von Preisen auf das Kaufverhalten der KonsumentInnen aus?
Aus makroökonomischer Sicht würden steigende Inflationserwartungen theoretisch zu einem Anstieg des Konsums führen: Wenn Konsumentinnen und Konsumenten erwarten, dass Preise in Zukunft weiter steigen, liegt es nahe, größere Anschaffungen vorzuziehen. Dieses Verhalten könnte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kurzfristig sogar zusätzlich ankurbeln.
Empirisch ist dieser Zusammenhang jedoch schwach ausgeprägt. In vielen Studien zeigt sich keine klare Evidenz, dass Haushalte bei höheren Inflationserwartungen systematisch mehr konsumieren. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Inflation gesellschaftlich oft als negatives Signal wahrgenommen wird – etwa als Zeichen wirtschaftlicher Unsicherheit oder sinkender Kaufkraft. In der Praxis führt das dazu, dass viele Menschen aus einem Vorsichtsmotiv heraus eher zurückhaltend konsumieren und versuchen, ihre Ersparnisse abzusichern, um für künftig höhere Lebenshaltungskosten gewappnet zu sein.
Gibt es einen Punkt, ab wann Preisgestaltungen als ungerechtfertigt oder als gefühlt ungerecht empfunden werden?
Ja, Preisgestaltungen werden als ungerechtfertigt empfunden, wenn Konsumentinnen und Konsumenten den Eindruck haben, dass Unternehmen Preise erhöhen, ohne dass dafür nachvollziehbare Kostensteigerungen vorliegen. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufiger diskutiert wird, ist jener der „Gierflation“. Damit ist gemeint, dass Unternehmen in einem Umfeld allgemein steigender Preise – wie in den letzten Jahren – die Gelegenheit nutzen, ihre Margen zu erhöhen, selbst wenn ihre eigenen Produktionskosten kaum oder gar nicht gestiegen sind.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die hohe Inflation der vergangenen Jahre primär durch andere Faktoren verursacht wurde – etwa durch stark gestiegene Energiepreise, globale Lieferkettenprobleme sowie eine starke Nachfrage in der Erholungsphase nach der Pandemie. „Gierflation“ kann somit eventuell einzelne Preisbewegungen erklären, war aber aus ökonomischer Sicht nicht der Haupttreiber der allgemeinen Teuerung.

Zur Person
Max Breitenlechner ist Assistenzprofessor an der Fakultät für Volkswirtschaftslehre der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geldpolitik und Transmission, makroökonomische Schocks sowie internationale Makroökonomik.