Der Tiroler Immobilienmarkt steht seit geraumer Zeit vor großen Herausforderungen. Wir haben bei sechs Immo-ExpertInnen nachgefragt, wie sie den Wohnmarkt beschreiben würden, welche Chancen und Risiken sie sehen und welche Botschaft sie
an die Tiroler Politik richten wollen.

Wolfgang Novak
Geschäftsführer WAT
Das größte Risiko 2026 …
… geht weiterhin von politischen Eingriffen aus, die unsere KundInnen unmittelbar betreffen. Zwar ist die KIM-Verordnung ausgelaufen, dennoch signalisiert die Politik weiterhin deutlich, dass sie eine Ausweitung der Kreditvergabe kritisch beobachtet. Parallel dazu hat sich auch die Projektfinanzierung spürbar erschwert. Zusätzlich treiben laufend neue technische Auflagen die Baukosten weiter in die Höhe. Auffällig ist, dass immer dann, wenn politisch von „leistbarem Wohnraum“ die Rede ist, zugleich neue Verordnungen erlassen oder bestehende Kosten – etwa für Erschließung, Kanal und Wasser – angehoben werden.
Die
… ergeben sich derzeit aus dem weiterhin knappen Angebot für ProjektentwicklerInnen, wodurch sich die Verwertungszeiten neuer Projekte allmählich wieder verkürzen. Gleichzeitig sorgen erste leicht positive Wirtschaftssignale für zusätzliche Nachfrageimpulse, da das Vertrauen in langfristige Immobilieninvestitionen langsam zurückkehrten.
Mein Lieblingsprojekt derzeit ist …
… ein Projekt in Kufstein. Besonders hervorzuheben ist dabei die Möglichkeit der Realisierung in Kooperation mit der Stadt Kufstein. Seitens der Stadt besteht das klare Verständnis, dass der Eigentumsmarkt maßgeblich durch private Wohnbauträger bedient wird, weshalb entsprechende Kooperationen aktiv unterstützt werden – unter anderem durch eine anpassbare Wohndichte. Die dadurch ermöglichte Höherverdichtung ist jedoch verpflichtend anteilig dem geförderten Wohnbau zu widmen. Der wesentliche Vorteil dieses Modells liegt darin, dass sich die ohnehin hohen Grundstückskosten durch die erhöhte Dichte für alle Beteiligten spürbar reduzieren.
Ein Satz an die Politik:
Zielführend wäre aus unserer Sicht, dass die Politik stärker über einzelne Legislaturperioden hinausdenkt – insbesondere bei Immobilienprojekten mit naturgemäß langfristigem Planungshorizont. Beispielhaft sei der Generationenkredit genannt, der in mehreren europäischen Ländern etabliert ist und dort gut funktioniert, hierzulande jedoch politisch abgelehnt wird. Gleichzeitig begibt die Republik Österreich Staatsanleihen mit Laufzeiten von bis zu 100 Jahren. Diese Diskrepanz ist aus unternehmerischer Sicht schwer nachvollziehbar. Die Unternehmen im Land beweisen täglich hohe Anpassungsfähigkeit und wirtschaftliche Disziplin, während die politischen Rahmenbedingungen diesem langfristig orientierten Denken nicht immer in gleicher Weise folgen.


Alexander Wolf
Geschäftsführer ZIMA Wohn- und Projektmanagement
Ein Wort, das den Tiroler Wohnmarkt beschreibt:
unausgewogen
Größtes Risiko 2026:
steigende Zinsen
Größte Chance 2026:
der von der Regierung garantierte Bürokratieabbau
Lieblingsprojekt:
das Nächste
Meine Botschaft an die Politik:
Mehr Vertrauen in die Stimmen der Wirtschaft und Unternehmen. Diese erkennen drohende Risiken schneller. Ohne Wirtschaft keine Steuern und somit kein Wohlstand, keine Bildung, keine Gesundheitsversorgung, keine Infrastruktur. Die Politik muss für das Volk und das Land arbeiten und nicht für die EU-BeamtInnen.


Dietmar Waldeck
Technischer Vorstand GHS
Beschreiben Sie den Tiroler Wohnmarkt mit einem Wort:
herausfordernd
Größtes Risiko 2026:
die langen Verfahrens- und Genehmigungsdauern
Größte Chance 2026:
die konsequente Stärkung des gemeinnützigen Wohnbaus als verlässliche Säule für leistbares Wohnen
Lieblingsprojekt:
jedes geförderte Wohnbauprojekt, das nachhaltigen und leistbaren Wohnraum schafft
Ein Satz an die Politik:
Durch eine Vereinfachung von Vorschriften und gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie durch eine gezielte Ausweitung der Förderungen kann leistbarer Wohnraum nachhaltig gestärkt und attraktiver gestaltet werden.


Stephanie Mark
Geschäftsführerin IMMA Immobilien Mark
Wie lässt sich der Tiroler Wohnmarkt derzeit am treffendsten beschreiben?
angespannt
Wo sehen Sie das größte Risiko im Jahr 2026?
Eine weitere Verknappung leistbaren Wohnraums drängt Einheimische und Fachkräfte verstärkt in den Mietwohnungsmarkt. Dadurch wird die Anschaffung von Eigentum – gerade als langfristige Lebens- und Vorsorgeentscheidung – für viele noch schwerer erreichbar.
Welche Chance bietet das kommende Jahr dennoch?
Die Chance liegt darin, bereits ausgearbeitete Lösungskonzepte endlich konsequent umzusetzen und erfahrene Expertinnen und Experten einzubinden – etwa bei der Verfahrensbeschleunigung, der intelligenten Nutzung vorhandener Flächen und der wirtschaftlichen Realisierung neuer Baukonzepte, anstatt immer wieder nur darüber zu diskutieren.
Welches Projekt hat Sie zuletzt besonders überzeugt?
Besonders beeindruckt haben mich das Projekt am Zeughaus (ARE) sowie das Stadtcarré Wilten (ZIMA). Beide zeigen, wie qualitätsvolle, großstädtisch gedachte Entwicklungen auch in Tirol funktionieren können: mit klarer architektonischer Haltung, durchdachter Nutzungsmischung und einem echten Mehrwert für das jeweilige Umfeld. Solche Projekte leisten nicht nur Wohnraumschaffung, sondern auch Stadtentwicklung im besten Sinn.
Welchen Appell richten Sie an die Politik?
Es braucht jetzt schnellere Entscheidungsprozesse und vor allem echten Reformbedarf in zentralen Bereichen: Bodenpolitik, Verfahren und Umsetzung, Raumordnung, Mietrecht und Wohnbauförderung. Nur wenn hier klare, verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, kann wieder ausreichend leistbarer Wohnraum entstehen.


Anton Rieder
Geschäftsführender Gesellschafter Riederbau
Größtes Risiko 2026:
Wohnungsverkauf
Größte Chance 2026:
Wohnungsverkauf
Lieblingprojekt:
Clarapark in Kufstein
Ein Satz an die Politik:
Lasst uns einfacher planen und bauen, damit leistbares Wohnen möglich wird!


Christian Switak
Geschäftsführer Tiroler Wohnbau
Tiroler Wohnmarkt mit einem Wort beschrieben:
viel-Luft-nach-oben
Größte Chance 2026:
Den Mut zu haben, KI-Systeme und intelligente Agenten konsequent in Unternehmen und ganze Branchen zu integrieren.
Größtes Risiko 2026:
Die Fortsetzung des restriktiven FMA-Regimes. Es erschwert dem Mittelstand den Zugang zu Krediten und macht den Weg ins Eigentum beinahe unmöglich. Sicherheit ja – aber man sollte regionalen Banken bei guten Vor-Ort-Investitionen wieder mehr Entscheidungsfreiheit zugestehen.
Lieblingsprojekt:
Gramais – gemeinnütziger Wohnbau in der kleinsten Gemeinde Österreichs. Ein starkes Bekenntnis zum ländlichen Raum. Vier neue Wohneinheiten bei rund 40 EinwohnerInnen. Wohnraum für mehr als 10 % der gesamten Gemeindebevölkerung.
Ein Satz an die Politik:
Mut zur Lücke: Weniger Regulierung, weniger Bürokratie, weniger Hürden – raus aus dem Vollkasko-Denken, zurück zur Selbstverantwortung.