Künstliche Intelligenz stellt das Bildungssystem vor grundlegende Fragen: Was müssen Menschen überhaupt noch lernen, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist? Antworten darauf hat KI-Experte Markus Kirchmair.
Herr Kirchmair, warum ist künstliche Intelligenz gerade im Bildungsbereich ein so herausforderndes Thema?
Markus Kirchmair: Unser traditionelles Modell, das stark auf reiner Wissensvermittlung basiert, gerät durch KI ins Wanken. Da Faktenwissen heute allgegenwärtig ist, erfährt es zwangsläufig eine gewisse Entwertung. Die entscheidende Kompetenz ist nicht mehr das „Wissen“ an sich, sondern die Fähigkeit, Informationen kritisch zu verarbeiten und anzuwenden.
Dies stellt unser Bewertungssystem auf den Kopf: Wenn Schüler:innen Aufgaben in Sekunden von einer KI lösen lassen, verliert eine reine Ergebnisbenotung ihre Funktion. Sie bevorzugt KI-generierte Resultate und benachteiligt jene, die sich die Mühe der Ausarbeitung selbst machen. Es geht künftig also viel stärker darum, den Lösungsweg, die Reflexion und die Einordnung zu bewerten statt nur das nackte Resultat. Der Bildungsschwerpunkt muss sich verschieben: weg vom Auswendiglernen hin zu kritischem Denken, emotionaler Intelligenz und Persönlichkeitsentwicklung.
Wie lassen sich diese Kompetenzen konkret fördern?
Indem man Lernprozesse stärker in den gemeinsamen Austausch verlagert. Anwesenheitszeiten in Hörsälen oder Klassenzimmern sollten intensiv für Diskussionen, Meinungsbildung und kritische Reflexion genutzt werden. Auch Projektarbeiten mit anschließender Präsentation und kritischer Befragung sind effektive Methoden. Dabei wird sofort sichtbar, ob jemand ein Thema wirklich durchdrungen und sich inhaltlich damit auseinandergesetzt hat.
„Wenn SchülerInnen Aufgaben in Sekunden von einer KI lösen
lassen, verliert eine reine Ergebnisbenotung ihre Funktion.“
- Markus Kirchmair
Bedeutet das, dass klassische Haus- und Abschlussarbeiten an Bedeutung verlieren?
Teilweise. Die Basis muss sitzen: In der Volksschule bleiben Schreiben, Rechnen und grundlegende Kulturtechniken unverhandelbar. Es ist wie beim Kopfrechnen – man lernt es, auch wenn man später den Taschenrechner nutzt. Doch weiter oben im Bildungsweg verlieren rein textbasierte Hausarbeiten an Aussagekraft, da KI diese mühelos generiert. Wichtiger werden daher Formate, die Eigenleistung sichtbar machen – etwa empirische Projekte oder mündliche Prüfungen. Letztere lassen sich übrigens hervorragend mit einer KI als Sparringspartnerin trainieren.
Wie verändert KI die Art, wie Studierende lernen?
Der Prozess wird radikal individueller. Wir verabschieden uns vom „Gießkannenprinzip“, bei dem alle denselben Stoff im gleichen Tempo lernen. KI agiert hier als geduldigste Tutorin der Welt: Sie erkennt Muster, liefert anschauliche Analogien und erklärt komplexe Themen so lange, bis sie wirklich verstanden wurden.
Tools wie Google NotebookLM zeigen das eindrucksvoll: Man lädt Lernunterlagen hoch und lässt sich daraus in Minuten einen Podcast, ein Quiz oder eine Zusammenfassung erstellen. KI demokratisiert also Bildung in vielerlei Hinsicht, auch weil exzellente Nachhilfe plötzlich keine Frage des Geldbeutels mehr ist.
Wie sollte KI-Kompetenz SchülerInnen vermittelt werden?
Es muss nicht zwingend ein eigenes Fach sein, sollte aber systematisch behandelt werden. Während technische Grundlagen im IT-Unterricht Platz finden, ist die praktische Anwendungskompetenz weitaus wichtiger. KI sollte fächerübergreifend eingesetzt und gleichzeitig kritisch hinterfragt werden – inklusive aller rechtlichen und ethischen Aspekte.
Gibt es auch Risiken?
Ja, vor allem zwei zentrale: Wenn Aufgaben von KI übernommen werden, ohne dass nachhaltige Lernprozesse stattfinden, drohen wir uns in eine „kollektive Kompetenzsimulation“ zu manövrieren. Wir wählen den schnellsten Weg zum Ergebnis, verinnerlichen aber den Lösungsweg nicht. Entscheidend ist also, wie bewusst und reflektiert Lehrpersonen KI in den Unterricht integrieren.
Die zweite, drängendere Gefahr lauert beim Berufseinstieg. Viele klassische Einstiegsjobs für Absolvent:innen werden von KI übernommen. Die Stellenangebote in diesen Bereichen gehen seit Monaten zurück. Für junge Talente ist es essenziell, dass ihr Bildungsweg viel Praxiserfahrung vermittelt – und dass wir sie nicht für Berufe ausbilden, die KI-bedingt in eine Sackgasse führen.
„KI demokratisiert Bildung in vielerlei Hinsicht, auch weil exzellente Nachhilfe plötzlich keine Frage des Geldbeutels mehr ist.“
- Markus Kirchmair

Wie können Bildungseinrichtungen darauf reagieren?
Indem sie die Ausbildung so praxisnah gestalten, wie KI in der Wirtschaft tatsächlich genutzt wird. Die Fähigkeit, KI produktiv zur Problemlösung einzusetzen, muss zum entscheidenden Asset der Absolvent:innen werden.
Da Lehrpläne der Realität oft hinterherhinken, ist es wichtig, dass das Bildungssystem die notwendige Neugierde und Agilität vorlebt. Die Bereitschaft zur stetigen Veränderung wird für die Zukunft eine echte Kernkompetenz.
Wie offen sind Hochschulen aktuell gegenüber KI?
Das ist sehr unterschiedlich. Für viele Studierende und Lehrende fühlt sich vieles in dieser hochdynamischen Zeit wie ein Experimentierfeld an. Die Möglichkeiten und Grenzen von heute können morgen schon wieder verschoben sein.
Viele Einrichtungen reagieren bereits proaktiv und bauen KI-Kompetenzzentren auf – einerseits, um selbst am Ball zu bleiben, andererseits, um den Studierenden diese Entwicklung mit auf den Weg zu geben. Es ist wichtig, diese Dynamik aktiv ins System zu holen und nicht zu ignorieren, denn KI ist gekommen, um zu bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Markus Kirchmair ist Strategieberater für digitale Transformation und künstliche Intelligenz sowie Autor mehrerer KI-Publikationen.