Nach mehr als 25 Jahren steht das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay vor der Umsetzung. In Tirol fallen die Reaktionen dazu unterschiedlich aus.
Die Verhandlungen über das Handelsabkommen begannen 1999 und stehen nun kurz vor dem Abschluss. Am 9. Jänner 2026 stimmte der Rat der Europäischen Union mehrheitlich für die Unterzeichnung, die voraussichtlich am 17. Jänner in Paraguay erfolgen soll. Neben Frankreich, Polen, Irland und Ungarn stimmte auch Österreich dagegen und berief sich auf einen Nationalratsbeschluss aus 2019. Für das Inkrafttreten braucht es noch die Zustimmung des Europäischen Parlaments.
Das Abkommen zielt auf den schrittweisen Abbau von Zöllen und die Schaffung der größten Freihandelszone der Welt mit über 700 Millionen VerbraucherInnen. 2024 lag der Warenhandel bei über 111 Milliarden Euro, der Dienstleistungshandel 2023 bei über 42 Milliarden Euro. Laut EU-Kommission könnten die EU-Exporte mit dem Abkommen jährlich um bis zu 39 Prozent steigen. Der Rat sieht im Abkommen generell eine Stärkung der wirtschaftlichen Beziehungen in Zeiten globaler Unsicherheit.
Landwirtschaft warnt vor Wettbewerbsdruck
Josef Hechenberger, Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer, kritisiert hierbei die ungleichen Rahmenbedingungen zwischen EU-Landwirtschaft und importierten Lebensmitteln: „Agrarindustrie mit unklaren Produktionsbedingungen gegen heimische Familienbetriebe mit höchsten Standards – das ist ein unfaires Match.“ Er fordert wirksame Schutzmechanismen, eine gesicherte Gemeinsame Agrarpolitik und transparente Kennzeichnung der Lebensmittelherkunft. Besonders beim Rindfleisch drohe zusätzlicher Preisdruck, auch die Abhängigkeit von Importen könne steigen. Hechenberger betont: „Meine Botschaft an die EU-Entscheidungsträger ist daher: Eine starke, produzierende Landwirtschaft ist ein wesentliches Element der Sicherheitspolitik.“ Er kündigt an, dass man auch nach der Unterzeichnung des Abkommens für faire Wettbewerbsbedingungen kämpfen werde.
Industrie sieht Chancen für Tirol
Max Kloger, Präsident der Tiroler Industriellenvereinigung, sieht im Mercosur-Abkommen einen „dringend notwendigen Impuls für den Exportstandort Tirol“. Er betont, dass der Abbau von 91 Prozent der Zölle direkte finanzielle Erleichterungen für Unternehmen bringt – etwa 20 Prozent weniger Zoll auf Maschinen, 18 Prozent auf Fahrzeugteile – und damit Spielräume für Innovation und Standortstärkung entstehen. „Zudem öffnet sich der Markt für öffentliche Aufträge in Südamerika – ein Volumen von 300 Milliarden Euro.“ Kloger sieht darin einen notwendigen Schritt zur Diversifizierung und eine Chance, die Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu reduzieren. Das Abkommen sichert nach seiner Einschätzung bestehende Arbeitsplätze in der Tiroler Industrie ab. „Mit Mercosur stellen wir uns breiter auf.“