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Wirtschaftsmotor Spitzenküche

Neue Mitte

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Kulinarik kann den Skilift nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen: In den Randlagen Tirols werden exzellente Restaurants zu zusätzlichen Ankern der Regionalentwicklung. Sie geben Gästen einen weiteren Grund, sich bewusst für eine Destination zu entscheiden, holen neue Zielgruppen ins Dorf, halten Wertschöpfung vor Ort und verleihen Gemeinden ein zeitgemäßes Profil jenseits klassischer Tourismuslogiken.

 

Ein Restaurant kann heute mehr bewirken als nur kulinarische Anerkennung. Es bringt Menschen ins Dorf, erzeugt Aufmerksamkeit und schafft Identität. Während urbane Zentren längst um Sterne und Hauben konkurrieren, findet eine der spannendsten kulinarischen Entwicklungen Tirols abseits der großen Städte statt. In Orten, die früher als zu klein, zu abgelegen oder zu riskant galten, wird Spitzenküche zu einem wichtigen zusätzlichen Standbein – gegen Leerstand, Abwanderung und Austauschbarkeit.

„Ein Wirtshaus wie der Unterwirt hat für eine Gemeinde einen greifbaren Wert – anders als klassische Infrastruktur, aber keineswegs weniger bedeutend“, sagen Sabrina und Katrin Steindl aus Ebbs. „Gastronomie schafft Identität, Begegnungen, lokale Wertschöpfung und regionale Sichtbarkeit.“

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„Wir wollen Gäste, die bleiben, übernachten und Sinn für Handwerk und Qualität mitbringen – nur dann entsteht Wohlstand für eine Stadt.“
Christian & Sigrid Winkler, WINKLERS Cuisine, Rattenberg

Dieses Phänomen hat einen Namen: Destination Dining. Gäste reisen nicht mehr nur wegen der Landschaft oder der Pisten an, sondern treffen ihre Buchungsentscheidung zunehmend auch aufgrund eines kulinarischen Angebots. Sie entdecken die Region, bleiben länger, erzählen anderen von ihrem Erlebnis. Kulinarik wird so zu einer weichen Infrastruktur, deren Umwegrentabilität für Gemeinden spürbar ist – gerade in einem Bundesland, in dem der klassische Ausbau an natürliche und strukturelle Grenzen stößt.

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Rattenberg

Stadtbelebung im Miniaturformat

In der kleinsten Stadt Österreichs zeigt sich bei WINKLERS Cuisine, wie sorgfältig entwickelte Gastronomiekonzepte umgesetzt werden können. Im revitalisierten Alten Rathaus kombiniert die Familie Winkler im Erdgeschoß eine Tagesbar mit einem Fine-Dining-Angebot im ersten Stock – in Form eines Barockstüberls und Chef’s Tables. Dieser bietet Platz für zwölf bis maximal sechzehn Gäste, die Stube für sechs bis acht Personen. Ab sechs Gästen können die Räume exklusiv reserviert werden. Für Einzelgäste oder kleinere Gruppen findet am Wochenende regelmäßig ein „Genuss-Nachmittag am Chef’s Table“ statt, der bewusst ungewöhnlich früh um 14 Uhr beginnt.

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                Für Christian und Sigrid Winkler ist Rattenberg mehr als eine charmante Kulisse. Es ist der Ort, an dem sich Eigentum, familiäre Wurzeln und eine klare Vision von Kulinarik und Stadtentwicklung treffen. „Wir haben in Kitzbühel gesehen, dass sich Eigentum dort kaum mehr realistisch finanzieren lässt – Rattenberg ist wie geschaffen dafür, unsere Leidenschaft dauerhaft zu verankern“, sagt Sigrid Winkler.

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WINKLERS Cuisine

Rattenberg

Konzept: Tagesbar + Chef’s Table (12–16 Plätze) und Barock­stüberl (6–8 Plätze) im Alten Rathaus

Profil: International geprägte Küche von Pizza bis Fine Dining, urbane Dramaturgie

Rolle im Ort: Frequenzbringer für die Altstadt

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Anstatt auf Masse zu setzen, folgt das Konzept einem eigenen Rhythmus: Tagsüber sorgt die Bar für Frequenz in der Altstadt, später kommen Gäste, die eigens anreisen und im Ort übernachten. Die Kooperation mit dem Boutiquehotel und dem Hotel Traube sowie die Einbindung lokaler ProduzentInnen – vom Rattenberger Bleikristall bis zur Keramikerin gegenüber – verstärken diese Dynamik. „Wir wollen Gäste, die bleiben, übernachten und Sinn für Handwerk und Qualität mitbringen – nur dann entsteht Wohlstand für eine Stadt“, so Winkler.

 

Nauders

Urbaner Anspruch am Reschenpass

Noch weiter draußen liegt s’Kammerli. Das Gourmetrestaurant mit Überraschungsmenü, Reservierungspflicht und urbanem Flair befindet sich in einem klassischen Bergdorf am Reschenpass. Hinter dem Konzept stehen Michi Ploner, Olli Mijic und Jürgen Mathoy. Seit Beginn an wird s’Kammerli von einer Vielzahl von KüchenmeisterInnen und begnadeten Sommeliers aus dem erweiterten Freundes- und Kollegenkreis unterstützt – ein Netzwerk, das Erfahrung, Neugier und internationale Einflüsse bündelt.

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Gegessen wird in einer über 500 Jahre alten Stube, deren historische Hülle mit einem mutigen, zeitgenössischen Design kontrastiert. An nur wenigen Abenden pro Woche serviert das Team ein 13-gängiges Überraschungsmenü für maximal zwölf Gäste. Die Plätze sind Wochen im Voraus vergeben, reserviert wird ausschließlich auf persönliche Anfrage – spontane Besuche sind praktisch unmöglich. „Der Reschenpass ist keine klassische Fine-Dining-Adresse – aber genau das macht den Reiz aus. Wer zu uns kommt, entscheidet sich ganz bewusst für diesen Ort“, sagt Michi Ploner.

„Der Reschenpass ist keine klassische Fine-Dining-Adresse – aber genau das macht den Reiz aus. Wer zu uns kommt, will bewusst hierher.“

Michi Ploner & Team, s’Kammerli, Nauders

Für Nauders bedeutet das weniger eine Frage der Bettenanzahl als eine der Wahrnehmung. Gäste, die sich vielleicht ursprünglich für eine andere Ski- oder Bikeregion entschieden hätten, finden ihren Weg nach Nauders, entdecken neben dem Fine Dining auch die Destination – und empfehlen sie weiter. s’Kammerli kann damit als Türöffner zu einer Region wirken, die oft unterschätzt wird. Gleichzeitig vernetzt sich das Restaurant eng mit anderen Betrieben und Institutionen vor Ort. Gemeinsam mit KollegInnen, dem Tourismusverband und der Bergbahn Nauders wurde das Kulinarikformat „Food Vibration“ ins Leben gerufen – ein Slope-Food- und Street-Food-Festival, das im Winter ausschließlich im Skigebiet stattfindet und im Sommer ins Dorfzentrum verlagert wird (19. bis 22. März 2026). Gastgeber aus Nauders – von s’Kammerli über die Ibex Musikbar bis hin zu Betrieben wie dem Traditionsgasthaus Löwen, dem Hotel Central, dem Hotel Neue Burg, dem Hotel Bergblick und vielen weiteren – bringen ihre Küche an ungewöhnliche Orte.

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„Hier sieht man, dass qualitativ hochwertige Gastronomie nicht nur unter KollegInnen funktioniert, sondern auch von Institutionen im Ort wertgeschätzt und aktiv unterstützt wird“, beschreibt Ploner die Zusammenarbeit. Ziel sei es, kulinarische Qualität niedrigschwellig erlebbar zu machen: für Gäste ebenso wie für Menschen aus Nauders und der näheren Umgebung, die mit dem Thema Gourmetküche bisher vielleicht wenig Berührung hatten. Die lockere Atmosphäre und ein im Vergleich moderater Preis ermöglichen einen Zugang, der Neugier weckt statt zu distanzieren.

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s’Kammerli

Nauders

Konzept: Gourmetrestaurant, Menü only, limitierte Plätze

Profil: Weltläufige Küche in alpinem Setting

Rolle im Ort: Kulinarisches Aushängeschild abseits von Bergsport

Tipp: Am 25. Mai um 0 Uhr startet der Buchungszeitraum für den Sommer

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Ebbs

Das Wirtshaus als soziales Rückgrat

Der Unterwirt ist ganz anders, aber genauso wirksam. Das seit 1991 durchgehend haubenprämierte Traditionshaus ist tief in der Region verwurzelt und verbindet Gourmetküche mit Wirtshauskultur, Kunst und Landwirtschaft. Hier geht es nicht um eine spektakuläre Neuerfindung, sondern um Kontinuität mit Anspruch – getragen von der nächsten Generation.

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Für Sabrina und Katrin Steindl ist der Unterwirt gelebte Familiengeschichte und zugleich Bühne für ihre eigene Auffassung von zeitgenössischer Tiroler Spitzengastronomie. „Unsere Handschrift ist die DNA der neuen Generation in einem erfolgreichen Familienunternehmen“, sagt Sabrina Steindl. „Wir entwickeln Strategien weiter, die tragen, und verabschieden uns von dem, was nicht mehr zu uns passt.“

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„Unsere Handschrift ist die DNA der neuen Generation in einem erfolgreichen Familien­unternehmen.“
Sabrina und Katrin Steindl mit Küchenchef Christian Ranacher und Souschef Max Kieckbusch, Unterwirt, Ebbs

Der Unterwirt ist Treffpunkt und Genussadresse zugleich – ein Haus mit 500-jähriger Geschichte, bestehend aus Wirtshaus, Garten und Kunstatelier im ehemaligen Stall. Im Sommer finden niederschwellige Food-Sharing-Events, Sommerkino im Hof und Ausstellungen regionaler KünstlerInnen statt. „Der Unterwirt ist Stammtisch, Garten, Kunstatelier und Veranstaltungsort – ein Haus, das ein Dorf zusammenhält“, so die Gastgeberinnen. „Hochwertige Gastronomie stärkt die Region, bringt junge Talente ins Dorf und schafft Austausch zwischen Einheimischen und Gästen.“

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Unterwirt

Ebbs

Konzept: Historisches Wirtshaus + Gourmetrestaurant

Profil: Alpine Slow-Food-Küche, regionale Tiefe

Rolle im Ort: Sozialer und kulinarischer Mittelpunkt

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Hintertux

Spitzenküche am Ende des Tals

Die Genießerstube im Alpenhof beweist, dass Destination Dining auch im klassischen Tourismuskontext funktioniert. Die kleine Gourmetstube am Ende des Zillertals hat sich vom Insidertipp zum international beachteten Ziel entwickelt. Küchenchef Maximilian Stock, der „eigentlich gar nicht bleiben wollte“, hat sich gemeinsam mit der Familie Dengg vom Ein-Hauben-Niveau zu vier Hauben und einem Michelin-Stern hochgekocht.

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„Wir sind am Ende des Tales, also müssen wir etwas ganz Besonderes bieten, sonst kommt niemand extra wegen uns hierher“, sagt Stock. Die ersten Jahre waren hart: „Trotz 130 Betten im Haus war die Genießerstube kein Selbstläufer – es gab am Anfang Wochen ohne einen einzigen Gast.“ Erst mit den Auszeichnungen kamen mehr externe Gäste und ein internationales Publikum, das gezielt wegen des Menüs nach Hintertux reist.

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„Wir sind am Ende des Tales, also müssen wir etwas ganz Besonderes bieten, sonst kommt niemand extra wegen uns hierher.“
Maximilian Stock, Genießerstube im Alpenhof, Hintertux

Möglich ist das nur, weil Fine Dining und Hotelbetrieb Hand in Hand gehen – von der Produktlogistik bis zur Mitarbeiterstruktur. „Ohne das Hotel im Rücken wäre Spitzenküche in dieser Lage undenkbar, denn nur gemeinsam können wir nachhaltig arbeiten, da wir unsere Produkte im ganzen Haus verwerten“, betont Stock. Für Hintertux bedeutet das: neue Gästegruppen, ein höheres kulinarisches Profil und zusätzliche Gründe, auch außerhalb der klassischen Skisaison anzureisen.

Kulinarik als Standortfaktor

Was diese vier Beispiele verbindet, ist nicht die Anzahl der Hauben, sondern eine klare Haltung: Mut zur Peripherie, starke Gastgeberpersönlichkeiten und Konzepte, die Ort und Betrieb zusammendenken. Destination Dining schafft Wertschöpfung dort, wo klassische Infrastruktur an ihre Grenzen stößt. Es stärkt das Image, bindet junge Fachkräfte, belebt Ortskerne und schärft das Profil ganzer Regionen – von der Unteren Schranne über das Zillertal bis zum Reschenpass.

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Die Frage ist nicht mehr, ob sich Spitzengastronomie auf dem Land rechnet, sondern ob Gemeinden das Potenzial erkennen, das darin steckt, und sie entsprechend behandeln – von der Immobilienentwicklung über Genehmigungsverfahren bis zur gemeinsamen Vermarktung. „Wir sind nicht nur Gastgeberinnen, sondern auch mutige Impulsgeberinnen und kluge Botschafterinnen der Tiroler Spitzengastronomie“, sagen die Steindl-Schwestern. Infrastruktur einer neuen Generation entsteht dort, wo der Herd zum Herz eines Ortes wird. Die Quintessenz: Hochwertige Kulinarik ersetzt weder Skilifte noch klassische touristische Infrastruktur – sie ergänzt sie. Als zusätzliches Standbein stärkt sie Regionen, schärft ihr Profil und wird für viele Gäste zu einem entscheidenden Argument bei der Wahl ihrer Destination.

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Genießerstube

Hintertux

Konzept: Exklusive Genießerstube im Urlaub erleben

Profil: Alpine Taste

Rolle im Ort: Destination Dining am Talende

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28. März 2026 | AutorIn: Linda Pezzei | Foto: Jürgen Schmücking (3), West.Fotostudio Wörgl, Aria Sadr Salek, Tom-Pircher-Bildartisten, Michaelreidinger, Hotel Alpenhof Hintertux

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