Was treibt Menschen dazu an, Dinge zu sammeln, die andere längst im Regal verstauben lassen? Diese Frage lässt sich leicht mit einem Wort beantworten: Wert – sowohl aus emotionaler als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Sammelobjekte sind aber mehr als Besitz. Sie vereinen Geschichte, Identität und Erinnerungskultur.
Sammeln ist kein neues Phänomen. Schon in der Antike häuften Herrscher seltene Objekte an, nicht zuletzt als Machtdemonstration. Später legten Adlige Kunst- und Wunderkammern an und präsentierten dort Exponate aus Wissenschaft und Kultur. Ab dem 19. Jahrhundert erreichte das Sammeln eine breitere Masse und wurde zum Hobby, wie wir es heute kennen. Den Reiz daran machen seit jeher Seltenheit, Zustand und Herkunft aus – vielleicht aber auch die Hoffnung, ein Stück Geschichte in den Händen zu halten, das morgen vielleicht mehr wert ist als heute.
Zwischen digital vernetzten Sammler-Communitys und Vereinsabenden zeigt sich, dass Sammeln nach wie vor boomt.
Glanz im Booster
Von Pokémon bis Yu-Gi-Oh!
Ein 27-Jähriger aus Tirol, der anonym bleiben möchte, sammelt seit seinem achten Lebensjahr. „Damals ganz klassisch Fußballsticker, Yu-Gi-Oh! und Pokémon-Karten. Im Hof habe ich die Sticker getauscht.“ Was als Kindheitshobby begann, ist heute noch seine große Leidenschaft.
Im Mittelpunkt seiner Sammlung stehen frühe Karten aus Yu-Gi-Oh! und Pokémon, vor allem Drucke bis 2005 sowie spezielle Turnierformate ab 2010. Besonders stolz ist er auf eine Sammelkarte, die eigentlich ein Fehldruck ist. Der „Rainbow Dragon“, erschienen im November 2007, ist eine sogenannte „Ghost Rare“, nur in englischen Boostern eines bestimmten Sets erhältlich und mit falschem Kartenbild bedruckt. Der Sammler schätzt ihren aktuellen Marktwert auf 4.000 bis 5.000 Euro. „Im Internet wird sie oft teurer gelistet, aber das ist nicht realistisch.“ Gekauft hat er sie vor sieben Jahren um rund 650 Euro – eine deutliche Wertsteigerung also.
Rainbow Dragon

Franchise: Yu-Gi-Oh!
Besonderheit: Fehldruck mit falschem Kartenbild, Ghost Rare
Verfügbarkeit: Nur in englischen Boostern eines bestimmten Sets
Kaufpreis (ca. 2019): 650 Euro
Aktueller Marktwert (Schätzung): 4.000–5.000 Euro
Wertfaktoren: Seltenheit, Zustand, keine Nachdrucke, Sammlernachfrage
Der Wert entstehe dabei durch mehrere Faktoren, wie er erklärt. Seltenheit, Zustand, historische Relevanz und limitierte Auflagen spielen eine entscheidende Rolle. Alte Karten würden nicht mehr nachgedruckt werden, manch andere Karten hätten aufgrund von Rechtsstreitigkeiten keine Lizenz mehr. „Bei Karten, die 20 Jahre alt sind, gibt es nicht mehr so viele in gutem Zustand.“
Der Zustand entscheidet tatsächlich über Welten. Bewertungsfirmen wie PSA (Professional Sports Authenticator) stufen Sammelkarten auf einer Skala von 1 bis 10 ein. Eine perfekt zentrierte, unbeschädigte Karte mit dem Prädikat PSA 10 vervielfacht oft ihren Wert.
So auch bei einer besonderen chinesischen Pokémon-Karte mit Pikachu-Motiv. Ungegradet kostet sie rund 400, mit Topbewertung etwa 1.000 Euro. Chinesische Karten verfügen darüber hinaus über Sicherheitsmerkmale, die an Banknoten erinnern. „Bei dieser Karte ist unten ‚Pokémon‘ eingraviert, man sieht es aber nur, wenn man sie ins Licht hält.“
Pikachu Art Rare
(chinesische Ausgabe)

Franchise: Pokémon
Motiv: Pikachu mit Enton
Besonderheit: Chinesische Ausgabe mit Sicherheitsmerkmal
Ungegradeter-Preis: ca. 400 Euro
Marktwert mit PSA-10-Bewertung: ca. 1.000 Euro
Wertfaktoren: Zustand, Seltenheit, Sammlernachfrage
Gehandelt wird über Plattformen wie Cardmarket, die Preise orientieren sich an internationalen Märkten. Sprache, Zollregion und selbst minimale Zustandsunterschiede beeinflussen den Kurs. „Nur weil man eine Karte frisch aufmacht, heißt das nicht, dass sie PSA 10 ist.“
Der Sammler ist selbst bei Sammelkarten-Turnieren in Tirol anzutreffen und spielt regelmäßig alte Yu-Gi-Oh!-Formate. Leidenschaft und Wertanlage schließen einander nicht aus. „Als Beimischung zum Investment ist es gut“, so der Sammler. Die Renditen können beachtlich sein. Eine Karte hat er 2020 um 3.700 Euro gekauft, ein Jahr später verkaufte er sie um 13.000 Euro. Ihm geht es aber um mehr als Geld: „Es macht auch einfach Spaß, die Karten aufzumachen, sie in der Hand zu haben und anzuschauen.“
Geprägte Geschichte
10 Kreuzer aus Hall
Ein ganz anderes Sammelgebiet hat es Daniela angetan. Die 28-Jährige sammelt Münzen mit historischem Bezug zu Hall in Tirol, insbesondere Prägungen von Erzherzog Ferdinand II., der im 16. Jahrhundert Landesfürst von Tirol war und die Münzprägung in Hall entscheidend mitgestaltete.
Das 10-Kreuzer-Stück aus Danielas Sammlung ist mehr als ein Geldstück. Er ist ein materielles Zeugnis der frühen Neuzeit, entstanden in einer Epoche, in der Hall zu den bedeutendsten Münzstätten Europas zählte.
10 Kreuzer von Erzherzog Ferdinand II.

Prägeherr: Erzherzog Ferdinand II.
Epoche: Frühe Neuzeit, 1566
Prägeort: Hall in Tirol
Material: Silber
Marktwert: ca. 200 Euro
Besonderheit: Historische Hammerprägung
Wertfaktoren: Erhaltungsgrad, Prägequalität, Seltenheit, historische Bedeutung
Die Sammlerin interessiert sich dabei besonders für die historische Dimension: „Geschichte hat mich schon immer interessiert, vor allem die Geschichte von Hall. Durch das historische Interesse kam ich zu den Münzen.“ Andere Herrscher wie Kaiser Maximilian I. seien ebenfalls spannend, doch entsprechende Münzen oft teuer oder sehr selten. Sie konzentriert sich deshalb bewusst auf überschaubare und auch zugängliche Serien.
Für sie steht die Freude im Vordergrund. „Wenn es um vierstellige Summen geht, verliere ich den Spaß.“ Gleichzeitig weiß sie, dass Sammeln finanzielle Disziplin verlangt. Gefällt ihr ein Stück, prüft sie zunächst, ob es ins Budget passt, und legt für größere Erwerbungen gezielt Geld zurück.
Nicht jede alte Münze ist automatisch wertvoll. Entscheidend sind Seltenheit, Erhaltungsgrad und Prägequalität. Bei historischen Stücken unterscheidet man etwa zwischen Hammer- und Walzenprägung. Dabei ist entscheidend, wie klar Schrift und Motiv abgebildet sind.
„Natürliche Patina gehört einfach zu jeder Münze“, sagt Daniela. Vom Reinigen rät sie daher dringend ab. Zahnbürste oder Politur würden die Oberfläche beschädigen und den Sammlerwert mindern. Was Laien als Makel empfinden, gilt für KennerInnen als Echtheitsmerkmal.
Auch die Lagerung der gesammelten Münzen folgt klaren Regeln. Statt ungeeigneter, teils mit Weichmachern versetzter Plastikhüllen, bevorzugt Daniela spezielle Laden mit Samteinlage, die auch Luft zirkulieren lassen. Das Betrachten der Sammlerstücke wird zum Erlebnis: „Man muss sie bewusst rausholen und sich Zeit nehmen.“
Daniela engagiert sich zudem in der Tiroler Numismatischen Gesellschaft und betreut dort die Fachbibliothek mit ihren historischen Auktionskatalogen und Standardwerken. Der Austausch mit anderen SammlerInnen ist für sie Teil des Erlebnisses. Sammeln bedeutet für sie auch Gemeinschaft und Wissenstransfer.

Zwischen Leidenschaft und Rendite
Ob bedruckter Karton oder geprägtes Silber, beide Sammlungen folgen denselben Grundprinzipien. Seltenheit schafft Wert, der Zustand entscheidet über den Preis und die geschichtliche Einordnung erhöht die Relevanz.
Sammeln ist längst auch ein Wirtschaftsfaktor. Internationale Plattformen, Messen, Grading-Unternehmen, spezialisierte HändlerInnen und Auktionshäuser bilden ein wirtschaftliches Ökosystem.
„Man muss nicht alles als Investment sehen.“
Gleichzeitig bleibt das Sammeln aber zutiefst persönlich. Der Kartenliebhaber spricht von Nostalgie und Leidenschaft, Daniela von Geschichte und bewusster Betrachtung. Für beide darf ihr Hobby Rendite bringen, steht aber nicht zwangsläufig im Vordergrund. Oder, wie es der Kartensammler formuliert: „Man muss nicht alles als Investment sehen.“