Nach hohen Investitionen in den vergangenen Jahren steht dem Pharmastandort Kundl ein spürbarer Einschnitt bevor: Der Arzneimittelhersteller Sandoz plant einen Personalabbau und will Teile seiner Entwicklungsorganisation ins Ausland verlagern.
Allein in den vergangenen zwei Jahren hat Sandoz nach eigenen Angaben rund 200 Millionen Euro in den Tiroler Produktionsstandort investiert. Dennoch wurde die Belegschaft zu Wochenbeginn über geplante Einsparungen informiert.
Das Unternehmen kündigte an, das Development Center in Kundl schließen zu wollen. Die Einheit, die derzeit auf die Entwicklung generischer Arzneimittel ausgerichtet ist, beschäftigt rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach Unternehmensangaben unterstützt das Zentrum ein breites Spektrum an Medikamenten und ist nicht ausschließlich auf Antibiotika spezialisiert.
Sandoz betont, die geplanten Maßnahmen beträfen ausschließlich die Entwicklungsorganisation und nicht den Antibiotika-Produktionsstandort in Kundl. Derzeit laufe ein Konsultationsprozess mit dem örtlichen Betriebsrat. Betroffene Beschäftigte sollen nach Angaben des Unternehmens mit Unterstützungsangeboten begleitet werden, um ihnen den Übergang in neue berufliche Perspektiven innerhalb oder außerhalb des Konzerns zu erleichtern.
Betriebsrat rechnet mit deutlich mehr Betroffenen
Der Betriebsrat bestätigt den geplanten Stellenabbau, geht allerdings von einem deutlich größeren Ausmaß aus. Demnach könnten in Kundl insgesamt zwischen 170 und 190 Arbeitsplätze wegfallen. Diese Zahl wurde von Unternehmensseite bislang weder bestätigt noch dementiert.
Nach Angaben des Betriebsrats sollen in zwei Abteilungen Stellen reduziert und eine aufgelöste Einheit nach Slowenien und Indien verlagert werden. Die Antibiotika-Forschungsabteilung hingegen soll am Standort Kundl bestehen bleiben.
Sandoz verweist zugleich auf die strategische Bedeutung des Tiroler Werks. Der Standort bleibe das zentrale Drehkreuz für Penicilline. Nicht betroffen von den Änderungen sei außerdem die kommerzielle Organisation in Wien, die für die Versorgung von Patientinnen und Patienten in Österreich zuständig ist.
Einordnung: Wie schwer wiegen die Stellen?
Um das Ausmaß einordnen zu können: Sandoz beschäftigt an seinen österreichischen Standorten in Kundl, Kufstein und Wien insgesamt rund 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen gilt als einer der größten privaten Arbeitgeber Tirols. Sollten tatsächlich bis zu 190 Stellen wegfallen, würde das einem Rückgang von etwa sieben Prozent der Gesamtbelegschaft entsprechen – ein spürbarer, aber kein existenzieller Einschnitt für den Standort.
Bereits im vergangenen Sommer hatte Sandoz in Kundl auf wirtschaftlichen Druck reagiert. Damals sprach das Unternehmen wegen hoher Kosten und sinkender Nachfrage nach sterilen Antibiotika von einem Anpassungsbedarf beim Personal, der über natürliche Fluktuation und Änderungen bei den Schichtmodellen aufgefangen werden sollte.
Druck durch niedrige Arzneimittelpreise – ein europaweites Problem
Der Schweizer Pharmakonzern, der Ende 2023 von Novartis abgespalten wurde, hat wiederholt auf den Preisdruck im Medikamentensektor hingewiesen. Besonders bei Antibiotika seien die Verkaufspreise seit Jahren niedrig, während die Produktionskosten deutlich gestiegen seien.
Österreich-Chef Marco Pucci hatte zuletzt kritisiert, dass eine Arzneimittelpackung vor 30 Jahren im Schnitt umgerechnet rund 10 Euro gekostet habe, heute aber nur noch etwa 6 Euro einbringe – trotz erheblich höherer Kosten. Er forderte deshalb, Medikamentenpreise regelmäßig an die Inflation anzupassen.
Sandoz steht damit nicht allein. In Österreich verlassen monatlich rund 20 Medikamente den Erstattungskodex, weil eine wirtschaftliche Vermarktung nicht mehr möglich ist. In Europa haben bereits über ein Viertel der Generika in den letzten zehn Jahren den Markt verlassen. Auch der Österreichische Generikaverband, dem Sandoz angehört, warnt seit Jahren vor einer Verschlechterung der Marktbedingungen durch erzwungene Preissenkungen. Branchenvertreter fordern eine Entlastung der pharmazeutischen Industrie, anstatt den Druck weiter zu erhöhen. Der Abbau in Kundl ist damit symptomatisch für eine Branche, die europaweit unter Druck geraten ist.