Benjamin Kneisl ist Obmann des Verbands der Tiroler Tourismusverbände. Mit seiner freundlichen Erlaubnis dürfen wir seinen Kommentar von LinkedIn übernehmen.
Ich muss schon schmunzeln, wenn ich die aktuellen Schlagzeilen lese: „Rekord-Jänner“, „Tirol boomt“, „Keine Spur von Flaute“. Ich frag mich ernsthaft, in welchem Tirol manche Journalisten und Funktionäre unterwegs sind. Die Realität in den Tälern sieht verdammt anders aus als in der Hochglanz-Presseaussendung.
Warum jubilieren wir eigentlich immer zu früh?
Was mich echt triggert: Warum ist der Tourismus der einzige Wirtschaftszweig, der schon vor der Saison den totalen Sieg verkündet? Keine andere Industrie macht das so. Ein Maschinenbauer feiert erst, wenn die Maschine geliefert und bezahlt ist. Wir hingegen sehen eine Schneeflocke und rufen das „Goldene Zeitalter“ aus.
Sündenbock für die Inflation? Ernsthaft?
Und dann diese ewige Leier von der Inflation. Ich habe es ehrlich gesagt satt, dass Gastronomie und Hotellerie immer als Preistreiber herhalten müssen. Warum werden wir überhaupt in diesen Warenkorb gewichtet, als wären wir ein Grundnahrungsmittel?
Butter vs. Bett: Wie viele Österreicher konsumieren täglich ein 4-Sterne-Menü oder eine Suite? Für wen ist ein Skiurlaub lebensnotwendig wie ein Stück Butter oder ein Liter Milch?
Die Realität: Wir sind ein Luxusgut. Uns die Schuld an der Inflation in die Schuhe zu schieben, ist fachlich lächerlich, fühlt sich aber für jeden Touristiker wie ein gezielter Schlag auf den Schlips an.
Kosten-Hammer frisst Marge
Während wir medial „Rekorde“ feiern, drückt die Kostenexplosion das Ergebnis der Betriebe gnadenlos in den Keller. Energie, Personal, Wareneinsatz – die Kosten galoppieren, während die Kaufkraft unserer Kernmärkte, allen voran der Deutschen, spürbar wegbricht. Wer glaubt, dass ein voller Parkplatz auch ein voller Geldbeutel bedeutet, hat keine Ahnung von betriebswirtschaftlicher Kalkulation.
Die Verschiebungs-Falle: Vermeintlicher Jänner-Hype erkauft durch März-Loch?
Was viele bei ihrem Jubel übersehen: Wir spüren massiv, dass sich Buchungen vom März in den Jänner vorverlegen. Ja, dann ist der Jänner vielleicht stärker, aber wir züchten uns damit sehenden Auges ein gewaltiges Märzloch heran. Unter dem Strich ist das ein Nullsummenspiel – nur dass wir im Jänner bei höheren Energiekosten und härteren Bedingungen arbeiten.
Der Sonderfall: Wo das Geld noch locker sitzt
Man muss fair bleiben: Es gibt sie, die Ausnahmen. „Après-Ski-Orte” haben meist eine bessere Buchungslage. Da ziehen Gruppen und Vereine durch, die keine Schulferien brauchen. In diesen speziellen Blasen sitzt das Geld tatsächlich noch locker – da wird bestellt und nicht gerechnet. Aber: Ein paar volle Schirmbars sind kein Spiegelbild für ein ganzes Land!
Abgerechnet wird zum Schluss!
Hören wir auf mit dem Vorab-Jubeln und der Selbsttäuschung. Abgerechnet wird zum Schluss – nämlich am Ende der Saison, wenn wir die Bilanz gegen die reale Teuerung halten. Alles andere ist nicht professionell, sondern naiv.