Roboter im Stall, GPS am Feld und VR-Brillen im Seminarraum – was futuristisch klingt, ist in der Tiroler Landwirtschaft längst Realität.
Zwischen Almromantik, Heustadeln und Lederhosen vollzieht sich seit Jahren ein Wandel: Kühe werden automatisiert gefüttert, Traktoren per Satellit gesteuert, Pflanzen zielgenau bewässert. Digitalisierung und Automatisierung erleichtern Routinetätigkeiten und fördern nachhaltiges Wirtschaften, ohne dabei traditionelles Know-how zu ersetzen. So kann auf aktuelle Herausforderungen wie Klimawandel, Fachkräftemangel und steigende Kosten reagiert werden.
Nicht alle Betriebe stehen dem sogenannten „Smart Farming“ offen gegenüber oder können sich solche Aufrüstungen für ihre kleinstrukturierten Betriebe leisten. Zudem ist das romantisierte Bild bäuerlicher Arbeit mit Lederhose und Sense kaum mit Software und Sensoren in Einklang zu bringen. Aus der Lebensmittelproduktion in landwirtschaftlichen Großbetrieben ist die Digitalisierung jedoch kaum mehr wegzudenken.
Für einen Blick hinter die Kulissen haben uns Landwirte erzählt, wie sie moderne Hilfsmittel nutzen – von punktgenauem Pflanzenschutz bis hin zu intelligenter Bewässerung.

Jedes Grad zählt
Digitale Wetterstationen im Obstbau, Ulrich Zeni

Seit Jahrzehnten setzt die Landwirtschaftskammer (LK) Tirol auf digitale Wetterstationen. 22 Stück finden sich von Prutz bis Lienz. Sie liefern Daten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Blattnässe, Wind, Bodenfeuchte und Globalstrahlung. Diese fließen in Berechnungsmodelle ein, die Schädlingsbefall oder Pilzkrankheiten punktgenau vorhersagen und zielgerichtete Pflanzenschutzmaßnahmen ermöglichen. „Das macht das Ganze effizienter und auch umweltschonender“, so Ulrich Zeni von der LK Tirol. Über die frei zugängliche Website www.warndienst.lko.at erhalten LandwirtInnen, aber auch HobbygärtnerInnen praxisnahe Warnungen.
Facts
→ 22 digitale Wetterstationen der LK Tirol
→ Gemessene Werte: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Blattnässe, Bodenfeuchte, Wind, Globalstrahlung
→ Datenübertragung: Mobilfunk
→ 850.000 Website-Zugriffe pro Jahr
→ Gesamtkosten aller Stationen: 60.000 € Erstanschaffung
→ Erhaltungskosten pro Station und Jahr: 1.000 €

Von Tieren und Robotern
Fütterungsroboter in der Rinderhaltung, Josef Hetzenauer

Was mit einem selbst gebauten Futterroboter begann, ist heute ein international tätiges Unternehmen: Josef Hetzenauer aus Langkampfen automatisiert mit seiner Firma Hetwin die Stallarbeit. Roboter wie der „Aranom“ verteilen Futter vollautomatisch – ohne Schienen und ohne Diesel. „Der Vorteil bei der Automatisierung ist, dass man sich viel Arbeitszeit und Energiekosten sparen kann“, so Hetzenauer. Die Systeme sind per App steuerbar und auch auf Hetzenauers eigenem Hof mit 150 Tieren im Einsatz. Viel Potenzial sieht er künftig in der Integration von KI – unter anderem, wenn es um die Anpassung von Futterrationen geht.

Facts
→ Unternehmen: Hetwin (gegründet 2004, 40 MitarbeiterInnen)
→ Hauptprodukte: Fütterungs- und Einstreuroboter (z. B. „Aranom“, „Athos“)
→ Kosten Roboter „Aranom“: ca. 150.000 € (kleinere Modelle auch billiger)
→ Energieeinsparung: bis zu 50 Prozent gegenüber Kraftstoffbetrieb
→ Steuerung per App
→ Photovoltaik und Akkubetrieb

Auf den Punkt genau
Tröpfchenbewässerung im Beerenanbau, Markus Mair

Markus Mair aus Rietz führt gemeinsam mit seinem Bruder „Mair’s Beerengarten“ und setzt auf innovative Produktion. Ihre Himbeeren wachsen als Substratkulturen, also ohne Erde, aber mit Substratersatz, in Töpfen unter Folientunneln heran – Tröpfchenbewässerung und Lichtsensoren inklusive. Gedüngt wird ebenfalls über das Bewässerungssystem, mit dem jede Pflanze durch einen Schlauch verbunden ist. So kann exakt auf die Bedürfnisse der Pflanzen eingegangen werden, der Wasserverbrauch sinkt um bis zu 70 Prozent, und: „Dadurch ergibt sich auch eine massive Ertragssteigerung“, so Mair.
Facts
→ Substratkultur-Ertrag bei Himbeeren: 20–30 Tonnen pro Hektar (10–12 t/ha konventionell)
→ Wasserbedarf: bis zu 5 Liter pro Tag und Himbeer-Pflanze im 7,5 Liter Topf
→ Tröpfchenbewässerung: spart ca. 70 Prozent Wasser (Grundwasser)
→ Kosten:
• 15.000–20.000 € pro Hektar für Tröpfchenbewässerungstechnik
· 25.000 € für Steuerungstechnik
→ Flächen: 12 Hektar Beeren und Obst; 1,5 Hektar Himbeeren im Substrat

Vom Satelliten gelenkt
GPS-Steuerung bei der Feldarbeit, Walter Plank

Für Walter Plank aus Hall ist Präzision Teil des Alltags. Auf seinem Gemüsebaubetrieb fahren Traktoren seit über 15 Jahren GPS-gesteuert – und zwar zentimetergenau mit Spurführungs-Assistenz. „Mit den Arbeitsbreiten, die wir mittlerweile haben, ist das eine große Effizienzsteigerung.“ Hinzu kommt eine automatische Reifendruckregelung, die auf Knopfdruck Luft aus oder in die Reifen lässt. Das spart Diesel, Saatgut und Zeit, schont den Boden und verbessert Pflanzenschutz, Düngung und Saat. Zusätzlich setzt der Betrieb auf Planiergeräte mit GPS zur gezielten Flächenoptimierung.

Facts
→ GPS-Spurführung
· Genauigkeit: auf bis zu 2 cm
· Investition: ca. 25.000 € pro Traktor
· Laufende Kosten: ca. 500 € pro Jahr
→ Reifendruckregelanlage
· Acker: 0,6 bar / Straße: 1,8 bar
· Kosten: 10.000–15.000 € pro Traktor
· Bodenschonung, geringerer Verschleiß,
mehr Sicherheit
→ Flächenoptimierung durch Planieren
· Technik: GPS-Sensoren
· Gleichmäßige Bewässerung
ohne Staunässe

Ein Blick in die Kuh
Virtual Reality in der landwirtschaftlichen Ausbildung
Um eine Kälbergeburt in den Seminarraum zu bringen, setzt das Ländliche Fortbildungsinstitut (LFI) Tirol auf Virtual Reality. Seit Jänner 2025 wird in Kooperation mit der Fachabteilung der Landwirtschaftskammer und der Landesveterinärdirektion ein interaktives 3D-Trainingsmodul angeboten. Mit VR-Brillen werden Geburtsszenarien von Vorbereitung bis Nachsorge durchgespielt. „Wir bieten eine sichere, kontrollierte Umgebung, in der NutzerInnen praxisnahe Szenarien erleben und kritische Fähigkeiten trainieren können“, erklärt Landwirtschaftskammer Tirol Bildungsmanagerin Nikola Kirchler. Das Pilotprojekt kommt bereits in Kursen und Schulungen zum Einsatz – mit großer Nachfrage.

Facts
→ Projektträger: LFI Tirol, unterstützt von Land und LK Tirol
→ Dauer der Simulation: 20–30 Minuten
→ Anschaffungskosten pro Brille: 600–800 €
→ Module:
· Vorbereitung (Hygiene, Hilfsmittel)
· Geburt (Ablauf, Komplikationen)
· Nachsorge (Versorgung von Kuh & Kalb)
→ Gruppengröße: max. 10 Personen
→ Zielgruppen:
· NeueinsteigerInnen in die Tierhaltung
· Erfahrende LandwirtInnen zur Vertiefung





