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Demografin im Gespräch

Die stille Krise der Geburtenrate

Demografin im Gespräch

Die stille Krise der Geburtenrate

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Österreichs Geburtenrate hat mit 1,3 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstand erreicht. Was das wirtschaftlich bedeutet, warum Betreuungsausbau allein nicht reicht und weshalb die Antwort auf den demografischen Wandel längst bekannt, aber politisch unbequem ist, erklärt Demografie-Expertin Elisabeth Gruber.

 

Frau Gruber, der aktuelle Geburtenbarometer weist mit 1,3 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstand aus. Was sagt uns diese Zahl?

Elisabeth Gruber: Der Wert ist vor allem deshalb so bedeutsam, weil er unter das fällt, was Bevölkerungsforscher als „lowest low fertility" bezeichnen, also ein besonders niedriges Niveau, das man bisher eigentlich nur aus Ländern wie Japan, Südkorea oder Spanien kannte. Gesellschaften, die für ihre stark alternde Bevölkerung bekannt sind. Man hatte lange geglaubt, das sei ein Phänomen ganz bestimmter Länder. Dabei war eigentlich schon der Wert davor alarmierend: Die Gesamtfertilitätsrate ist in Österreich schon in den 1970er Jahren unter den Schwellenwert der „Nettoreproduktion“ (also eine Generation ersetzt sich selbst) von 2,1 gesunken. Seit dem Jahr 2020 ist die Geburtenbilanz (das heißt die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen) negativ und es gibt kein natürliches Wachstum mehr. Wobei auch schon lange zuvor die natürliche Bevölkerungsentwicklung nur geringfügig zum Bevölkerungswachstum beigetragen hat.

Dann ist das kein neues Problem. Warum schlägt der Wert trotzdem gerade jetzt so hohe Wellen?

Vielleicht weil in der Forschung, Gesellschaft sowie Politik lange eine Rückkehrerwartung existierte: die Idee, die Fertilitätsrate werde sich irgendwann von selbst wieder einpendeln. Inzwischen sehen wir, dass das in vielen Ländern schlicht nicht passiert ist. Manche Staaten liegen mittlerweile sogar unter einer Fertilitätsrate von 1,0. Was der Wert von 1,3 also zeigt, ist keine vorübergehende Delle, sondern die Verfestigung eines langfristigen Trends. Für die unmittelbare Bevölkerungsentwicklung ändert sich damit allerdings kaum etwas: Österreich wächst seit Jahrzehnten nicht durch Geburtenüberschüsse, sondern durch Zuwanderung. Das bleibt so.

Wo zeigen sich die wirtschaftlichen Folgen des demografischen Wandels zuerst?

Er ist bereits spürbar. Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer gehen gerade in Pension und dahinter kommt keine vergleichbar große Generation nach. Das erzeugt erheblichen Druck am Arbeitsmarkt. Im Moment wird dieser durch Zuwanderung abgefedert, aber künftig wird es noch mehr davon brauchen. Dabei sollte man sich eines klarmachen: Österreich ist seit Langem eine Zuwanderungsgesellschaft. Das ist kein neues Phänomen, keine Notlösung, sondern einfach die Realität. Selbst wenn die Geburtenrate morgen deutlich ansteigen würde, stünden diese Kinder dem Arbeitsmarkt erst in zwanzig Jahren zur Verfügung. Der kurzfristigen Bedarf lässt sich anders nicht decken.

Und langfristig? Ist Zuwanderung allein die Antwort?

Notwendig, aber nicht genug. Was dabei oft übersehen wird: Wir haben schon jetzt ein Bildungssystem, das nicht alle Kinder optimal auf den Berufseinstieg vorbereitet. Wenn wir über Fachkräftemangel reden, müssen wir auch fragen, wie gut jene performen können, die bereits hier sind. PISA-Ergebnisse, Leseschwäche, Abbrüche im Pflichtschulbereich – das klingt nach Bildungspolitik, ist aber eine handfeste Standortfrage. Gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund braucht es deutlich mehr integrative Angebote, damit Spracherwerb und schulische Eingliederung wirklich gelingen. Wer da jetzt nicht investiert, wird den Fachkräftemangel der nächsten Jahrzehnte nicht in den Griff bekommen.

Welche strukturellen Ursachen hat der Geburtenrückgang aus ökonomischer Sicht?

Die Rolle von Kindern hat sich im Lauf der Zeit fundamental gewandelt. In vorindustriellen Gesellschaften war ein Kind auch eine Arbeitskraft. Es hatte einen konkreten wirtschaftlichen Nutzen für die Familie. Heute ist es – zum Glück – umgekehrt: Ein Kind bedeutet erhebliche Investitionen – an Zeit, Energie und Geld. Für viele Haushalte geht sich das einmal aus, manchmal zweimal, selten öfter. Das ist kein Zufall, sondern ein tief verankerter ökonomischer Mechanismus und der eigentliche Grund, warum die Fertilitätsrate in wohlhabenden Gesellschaften strukturell sinkt. Dazu kommen wirtschaftliche Unsicherheiten und Krisen, die dazu führen, dass der Kinderwunsch auf unbestimmte Zeit verschoben wird. Und was lange aufgeschoben wird, wird häufig gar nicht mehr realisiert.

Kann die Politik diesen Mechanismus überhaupt beeinflussen? Oder ist das schlicht ein Naturgesetz wohlhabender Gesellschaften?

Ganz einflusslos ist sie nicht. Der Staat kann zwar keine Kinder verordnen, aber er kann die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sich die Entscheidung für ein Kind leichter anfühlt. Und da gibt es in Österreich noch erheblichen Nachholbedarf – angefangen beim Ausbau der Kinderbetreuung.

Wäre das also der entscheidende Hebel?

Ein wichtiger, ja – aber kein Allheilmittel. Frankreich und Schweden zeigen, dass flächendeckende, leistbare Angebote wirklich etwas bewirken: staatlich mitfinanziert, mit langen Öffnungszeiten, gesellschaftlich selbstverständlich. In Österreich hingegen schließen viele Einrichtungen über den Sommer, Plätze sind knapp und wer sein Kind früh abgibt, muss sich mitunter noch immer erklären. Das ist nicht nur kulturell problematisch, sondern auch wirtschaftlich irrational: Wenn gut ausgebildete Frauen nach der Geburt aus dem Beruf gedrängt werden – durch fehlende Strukturen oder sozialen Druck –, verschenkt der Arbeitsmarkt Potenzial, das er sich schlicht nicht leisten kann.

Wien hat österreichweit das umfangreichste Betreuungsangebot für Eltern und trotzdem die niedrigste Geburtenrate im Land. Ist das nicht ein Widerspruch?

Auf den ersten Blick schon. Aber der Stadt-Land-Vergleich ist bei diesem Thema generell mit Vorsicht zu genießen. Städte haben traditionell niedrigere Geburtenraten. Das hängt auch mit der Bevölkerungsstruktur zusammen, mit dem höheren Anteil jüngerer, mobiler Menschen und einem anderen Lebensumfeld und Lebensstil insgesamt. Und selbst wo die Betreuungsinfrastruktur besser ist, gibt es andere Faktoren, die bremsen. Forschende des Vienna Institute for Demography erwähnen etwa in einer aktuellen Studie, dass die Wohnverhältnisse – und hier vor allem Wohnungsgröße und eine langfristig sichere Wohnsituation – eine Rolle dabei spielen Kinderwünsche zu realisieren oder eben nicht. Gute Kinderbetreuung allein reicht also nicht, wenn gleichzeitig eine Familie mit zwei Kindern keine passende Wohnung findet oder sich diese nicht leisten kann. Es ist immer ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Wer nur an einer Schraube dreht, wird das Gesamtbild kaum verändern. Ich fürchte auch, dass kurze Instagram-Videos jedenfalls nicht ausreichen werden.

Müssen wir uns also damit abfinden, dass die Geburtenrate nicht mehr steigt?

So fatalistisch würde ich das nicht sehen. Aber wir sollten aufhören, so zu tun, als käme das alles überraschend. Der demografische Wandel ist ein langfristiger, sich verfestigender Prozess – kein plötzlicher Einschnitt. Was der Tiefstand von 1,3 signalisiert, ist, dass ohne gezielte und alltagstaugliche Maßnahmen eine weitere Absenkung realistisch ist. Mehr Druck auf den Arbeitsmarkt, mehr Belastung für die Sozialsysteme, noch höherer Bedarf an Zuwanderung. Wobei ich eines ergänzen möchte: Global betrachtet hat ein Fertilitätsrückgang auch eine andere Seite. Noch vor ein paar Jahren wurde das globale Bevölkerungswachstum als das große Problem diskutiert. Und die Weltbevölkerung wächst auch heute noch mit einer großen Dynamik. Dass sich das Wachstum heute verlangsamt, ist aus dieser Perspektive keine schlechte Nachricht. Nur lässt sich dieser positive Effekt auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene, wo das Thema einerseits emotional aufgeladen ist und andererseits sich auch direkt auswirkt nur schwer direkt übersetzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person:

Elisabeth Gruber ist Humangeographin an der Universität Innsbruck. Sie forscht zu demografischen Prozessen und deren räumlichen Auswirkungen mit besonderem Fokus auf Bevölkerungsbewegungen, demografische Alterung sowie die Entwicklung peripherer und ländlicher Räume.

22. Mai 2026 | AutorIn: Anna Füreder | Foto: privat

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