Im Rahmen des 1. Wirtschaftsgipfels in Seefeld, einem top.tirol KLUB-Event, sprach Strategieberater Markus M. Kirchmair über den „Erfolgsfaktor KI“. Wir wollten vom Experten wissen, wie die neue Technologie unsere Arbeitswelt verändert.
Herr Kirchmair, wie schätzen Sie die Auswirkung von KI auf unsere Jobs und Arbeitsprozesse ein?
Markus M. Kirchmair: In Europa klammern sich viele an das Narrativ, wonach KI die Arbeit für alle angenehmer mache. Man vergleicht die Entwicklung mit der Dampfmaschine und übersieht den fundamentalen Unterschied: Erstmalig ist eine Technologie nicht mehr nur Werkzeug, sondern Akteur, der kognitive Arbeiten zunehmend eigenständig übernimmt. Entscheidend ist also, wie die Arbeitgeber auf KI blicken: In einer aktuellen BSI-Studie sehen 41 Prozent der CEOs in KI die Chance zur Personalreduktion. 39 Prozent geben an, dass bereits Einstiegsrollen gestrichen wurden.
Müssen bestimmte Branchen Ihrer Meinung nach wirklich um ihre Jobs bangen?
Wo KI auf Funktionen mit einer unelastischen Nachfrage trifft, baut sich großer Druck auf: Erst letzte Woche wurde bekannt, dass ein deutscher Versicherer bis zu 1.800 Stellen abbaut, weil ihre Arbeit aufgrund von KI nicht mehr benötigt werde. Es gibt heute schon viele Berufsfelder, in denen sich die Bearbeitungszeit mit KI um ein Vielfaches verkürzen lässt. Wo gleichzeitig dazu nicht der Bedarf gesteigert wird (in diesem Fall die Anzahl an Schadensmeldungen), stellt sich die Frage, wie sich die Betroffenen weiterhin beschäftigen lassen.
Und wo können sich Unternehmen und Beschäftigte eher entspannt zurücklehnen?
Als vergleichsweise sicher nennen Studien Bereiche mit einem hohen Maß an persönlicher und physischer Interaktion, von der Pflege bis zum Live-Event. Tatsächlich lässt sich das Angebot gerade in Branchen wie dem Gesundheitswesen, Handwerk oder Freizeit stark ausweiten – sie vertragen viele zusätzliche Arbeitskräfte. Voraussetzung dafür ist eine hohe Kaufkraft beziehungsweise Finanzierbarkeit. Es geht also aus meiner Sicht nicht um eine Flucht in vermeintlich „sichere Häfen“, sondern darum, dass uns mit dem Einsatz von KI in der breiten Wirtschaft ein echtes Wachstum gelingt – und eben nicht nur eine Effizienzsteigerung auf der Kostenseite.
Welche konkreten Chancen sehen Sie für Unternehmen?
Die Chance liegt in Flexibilität, Qualität und Wachstum. Durch KI-Agenten erhalten kleine Teams plötzlich Konzern-Schlagkraft. Wer KI nicht nur zum Sparen, sondern als Qualitätshebel nutzt, kann Märkte bedienen, die vorher unzugänglich waren, und sich so entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern.
Und welche Gefahren müssen wir im Blick behalten?
In der Spieltheorie spricht man von einem „Gefangenendilemma“: Unternehmen müssen automatisieren. Wer das verpasst, gerät durch die niedrigere Kostenstruktur der Konkurrenz massiv unter Druck.
Unternehmen müssen also mitmachen und verstärken dadurch dieselbe Dynamik. Und irgendwann lauert das systemische Risiko, nämlich dass wir uns in dieser Wettbewerbsdynamik in eine Krise hineinsparen: Woher kommt die Nachfrage, wenn die Automatisierung gleichzeitig zu mehr Angebot und weniger Beschäftigung führt?
Im Silicon Valley gilt dieses Szenario als unausweichlich. Es ist der Grund dafür, warum sich dieselben Köpfe, die das KI-Rennen heute anführen, seit 2016 für ein Bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen. Sie wissen, wie sehr ihre Technologie die Arbeitswelt verändern wird – aber KI konsumiert nicht. Damit das System funktioniert, braucht es die Menschen weiterhin im Konsum.
Gerade US-Konzerne investieren massiv in KI. Welche strategischen Folgen hat diese technologische Dominanz für Europa?
Bei den beispiellosen Summen für den Ausbau von KI-Infrastruktur geht es für viele InvestorInnen nicht um die Nutzerlizenzen aus den IT-Budgets. Sie schielen auf die ungleich größeren Personalbudgets. MIT-Forscher schätzen, dass bereits mit den heute verfügbaren Technologien 11,7 Prozent der Arbeitsplätze ersetzt werden könnten – das entspricht einer Gehaltssumme von 1,2 Billionen US-Dollar. In meinem Buch lege ich die Logik dahinter offen und gebe dem Modell den einzigen Namen, der dieser Brutalität gerecht wird: „Replacement as a Service“.
Für Europa geht es in dieser Entwicklung um mehr als die technologische Abhängigkeit. Ohne eigene Angebote – und dazu zählt auch die energieintensive Infrastruktur – laufen wir in Gefahr, Teile unserer Lohnsumme ins Ausland zu transferieren. Und verhängnisvollerweise sind die betriebswirtschaftlichen Anreize für die Automatisierung dort am größten, wo Betriebe unter hohen Personalkosten und Abgaben stöhnen.
In der zunehmenden Entkoppelung von Arbeit und Geld ist die Politik gefordert, viele sozialpolitische, wirtschaftspolitische und fiskalpolitische Mechanismen neu zu denken. Um die Kontrolle und Wertschöpfung im Land zu behalten, sind europäische KI-Angebote und Infrastruktur ein wichtiger Teil in der Lösung dieser Fragen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person:
Markus M. Kirchmair ist Strategieberater für digitale Transformation und KI. In seinem neuen Buch „Job Angst – Replacement as a Service: Was bleibt, wenn KI alles (besser) macht?“ analysiert er jenseits der üblichen PR-Floskeln die ökonomische Härte der KI-Revolution. Kirchmair verbindet Insider-Wissen mit einer schonungslosen Analyse der Arbeitsmarktdaten und liefert damit keine Panikmache, sondern das notwendige Rüstzeug und konkrete Lösungsansätze, um in einer Ära der umfassenden Automatisierung handlungsfähig zu bleiben.