Von Schneesturm-Bildern bis Dauerstreaming: Pünktlich zum Welttag des Fernsehens am 21. November zappen wir uns durch sieben Jahrzehnte rot-weiß-roter TV-Geschichte.
Als am 1. August 1955 in Österreich das 30-minütige Fernsehversuchsprogramm startet, sind Begeisterung und Empfang ähnlich schwach. Fernseher kosten damals noch fast so viel wie ein VW Käfer, das Sendernetz ist löchrig und Konzepte für Sendungsformate existieren kaum. Auch für den ehemaligen Bundeskanzler Julius Raab ist das neue Medium nur ein „Manderl-Radio“ – schließlich greift man für die ersten Quiz- und Kabarettprogramme im TV auf beliebte Radiostimmen wie Karl Farkas zurück.
Bald flimmert die Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper über die ersten Bildschirme – als Versuch, Österreichs Ruf als Kulturnation nach dem Zweiten Weltkrieg wiederherzustellen. Und der Funke springt über. Wer sich keinen eigenen Apparat leisten kann, schaut kurzerhand im nächsten Gasthaus mit – Public Viewing, bevor es den Begriff überhaupt gibt.

„I wer‘ narrisch“
Ein weiterer Verkaufsschlager ist auch der Sport: Ob Toni Sailers Start bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo oder Hans Krankls legendäre Tore gegen Deutschland bei der Fußball-WM im argentinischen Córdoba – sie haben nicht nur den Nationalstolz beflügelt, sondern auch den Absatz von Fernsehgeräten angekurbelt.
Im Jänner 1957 geht das Fernsehen dann in den sogenannten „Vollbetrieb“, und zur Zeit der Ski-WM 1958 in Bad Gastein gehen bereits 35.000 Fernsehgeräte über den Ladentisch. Ein Jahr später stehen in Österreich bereits 100.000 Fernsehgeräte in den Wohnzimmern – und das, obwohl ein Apparat etwa 6.000 Schilling kostet, also rund das Vierfache eines durchschnittlichen Monatseinkommens.

Skandale „on Air“
Schon wenige Jahre später sorgt ein Ein-Personen-Stück namens „Der Herr Karl“ für den ersten großen TV-Skandal – Morddrohungen inklusive. Da scheiden sich schließlich die Geister: Während sich die einen bestens unterhalten fühlen, warnen Kritiker vor einer drohenden Massenhypnose der Kinder. Auch Hausfrauen gelten plötzlich als gefährdet – weil sie durch das Fernsehen angeblich vom Haushalt abgelenkt werden und das Familienleben darunter leide.

Zwischen Zensur und Farbe
Mit „Bild des Tages“ startet 1955 die erste Nachrichtensendung im österreichischen TV, kurz darauf wird daraus die „Zeit im Bild“. Anfangs erinnert das Ganze jedoch eher an einen Wochenrückblick: Die Produktion ist aufwendig, das Material daher meist veraltet. Darüber hinaus zensurieren die regierenden Parteien ÖVP und SPÖ viele Berichte. Hugo Portisch kämpft mit einem Rundfunk-Volksbegehren dagegen an – und zwingt die Regierung zur Reform. Ein Sieg für die Pressefreiheit, wie wir sie uns heute nur wünschen können.
Das Jahr 1969 markiert gleich zwei Meilensteine: Die Mondlandung wird ganze 28 Stunden lang live übertragen – und das Farbfernsehen hält Einzug. Portisch wird in den folgenden Jahren zur Stimme des ORF, berichtet vom Prager Frühling, den Pariser Studentenprotesten oder anderen Brennpunkten der Weltgeschichte – stets mit dem berühmten Abschiedsgruß: „Auf Wiederhören – und auf Wiedersehen!“.

Kabarett und Kassetten
Ab 1970 startet beim ORF ein umfassendes Reformprogramm: Mit „Panorama“, „Horizonte“ oder „Teleobjektiv“ kommen neue Formate auf den Bildschirm – kritisch, investigativ und vielfältig. Und im Jahr 1975 betritt mit Annemarie Berté erstmals eine Frau als Nachrichtenmoderatorin die TV-Bühne. Serien wie „Kottan ermittelt“ und „Ein echter Wiener geht nicht unter“ polarisieren, Abendshows wie „Wünsch dir was“ machen mit provokativen Spielen eigene Schlagzeilen. Und während Karl Merkatz als Mundl grantelt, sorgt Nina Hagen mit einer offenkundigen Erklärung weiblicher Lust im „Club 2“ für reichlich Aufsehen – und für das vorzeitige Karriereende des Moderators.
Bald zieht auch der Videorekorder ein und macht Kabarett plötzlich zum Erlebnis, das man zurückspulen kann: Alfred Dorfer, Roland Düringer und Co. finden so ihren Weg in die heimischen Wohnzimmer. In den späten 1980er-Jahren wächst die Vielfalt: Mit „Bundesländer heute“ werden die Nachrichten lokaler, dazu gesellen sich Minderheitensendungen.

Im Wandel der Zeit
In den 1990er-Jahren wird Fernsehen dank neuer Technik und journalistischer Methoden zum Echtzeit-Erlebnis – sei es in der Kriegsberichterstattung oder bei unterhaltenden Live-Shows wie „Wetten, dass...?“. In den 2000er-Jahren verschwimmen die Grenzen weiter: Familienformate wie „Starmania“ oder „Millionenshow“ gehen auf Sendung, während mit ATV erstmals ein Privatsender die heimische TV-Landschaft aufmischt. Und Reality-TV-Serien von „Taxi Orange“ bis „Dancing Stars“ schreiben die Erfolgsgeschichte des Fernsehens heiter weiter.
Und heute? Versucht sich das Fernsehen irgendwo zwischen Nostalgie und Neuanfang zu positionieren – und sich gegen Streaming-Giganten zu behaupten. Viele Formate erinnern dabei verblüffend an die Anfänge: Quizsendungen (früher „Made in Austria“, heute „Quizmaster“), Krimis (von „Stahlnetz“ zu „Tatort“), Entertainment-Shows (damals „Einer wird gewinnen“, heute „Bauer sucht Frau“), Kasperltheater und Kabarettprogramme. Doch wie sagte Karl Farkas einst so schön? „Schauen Sie sich das an!“.

Zahlen, Daten, Fakten:
- Derzeit existieren über 160 Sender in Österreich
- Der Einschaltquoten-Rekord war mit 2,7 Millionen ZuschauerInnen im März 2020 die „Zeit im Bild“, zur Verkündung der Corona-Ausgangsbeschränkungen
- 1960 gab es 193.046 angemeldete FernsehteilnehmerInnen, 2010 stieg die Zahl auf 3.251.697
- Erste Sendung: eine 12-minütige Konzertaufzeichnung der Wiener Philharmoniker aus dem Belvedere
- Stärkster Fernsehtag ist der Sonntag – mit durchschnittlich 197 Minuten und 70 Prozent Tagesreichweite
- 2024 betrug die TV-Tagesreichweite 5 Millionen ZuschauerInnen täglich
- 170 Minuten sehen die ÖsterreicherInnen heute durchschnittlich jeden Tag fern – und damit um 22 Minuten länger als noch im Jahr 2000
