Seit Generationen herrscht die Vorstellung, dass frühe Spezialisierung in einem Bereich den Weg an die Spitze ebnet. Die Ergebnisse eines in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Reviews mit Beteiligung eines Wissenschaftlers der Universität Innsbruck zeichnen nun ein neues Bild davon.
Manche Überzeugungen gelten als derart selbstverständlich, dass sie kaum jemand hinterfragt. „Natur ist unberührte Landschaft“, „mehr Daten führen zu besseren Entscheidungen“ oder „Zeit vergeht für alle gleich schnell“ – solche „taken for granted“-Annahmen prägen unser Denken. Auch in der Begabtenförderung existieren sie: „Früh übt sich“ gehört zu den meistzitierten Weisheiten, wenn es um den Weg zur Spitze geht.
„Über die Jahre haben sich aber insbesondere in der Forschung im Kontext des Sports immer wieder Widersprüche zwischen solchen grundlegenden Annahmen und der empirischen Evidenz gezeigt“, erklärt Michael Barth, Studiendekan der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Innsbruck. Aus dieser Beobachtung entstand die Frage, ob sich beobachtete Muster zur Entwicklung von Weltklasse-KönnerInnen im Sport auch auf andere Bereiche übertragen lassen – mit überraschenden Ergebnissen.
Vier Disziplinen, tausend Dokumente
Die Suche nach Antworten führte zu einer der bislang umfassendsten systematischen Literaturanalysen dieser Art. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren wurden vier unterschiedliche Bereiche untersucht: Sport, Wissenschaft, Schach und klassische Musik. Die Forschenden analysierten die Entwicklung von insgesamt 34.839 internationalen Spitzenleistenden und werteten 1.000 Dokumente aus. Darin enthalten: NobelpreisträgerInnen, MedaillengewinnerInnen bei Olympischen Spielen, die weltweit besten SchachspielerInnen und die angesehensten klassischen KomponistInnen.

Michael Barth, einer der InitiatorInnen der Studie, ist an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Innsbruck tätig.
Der Mythos des frühen Talents
Unter dieser Prämisse kam die Studie zu einer zentralen Erkenntnis: Top-PerformerInnen durchlaufen eine andere Entwicklung als von der Forschung bislang angenommen. „Die Besten in jungem Alter und die späteren Besten im Höchstleistungsalter sind nicht dieselben, sondern überwiegend verschiedene Personen“, erklärt Barth.
Entgegen der allgemeinen Annahme zeigt die sogenannte Weltklasse in den frühen Jahren eine eher allmähliche Leistungsentwicklung. Anders formuliert: Spätere Höchstleistende haben sich nicht früh auf eine Disziplin spezialisiert, sondern sich oft lange in anderen Bereichen betätigt. „Wichtig ist hier aber zu betonen“, so Barth, „alle haben viel trainiert bzw. sich umfangreich in der Disziplin engagiert.“ Keiner wurde vom Untrainierten zum/zur ElitemeisterIn. Einzelfälle seien natürlich ausgenommen.

Über alle Disziplinen hinweg zeigt sich, dass die Besten in jungen Jahren nicht zwangsläufig die Besten im Höchstleistungsalter sind.
Drei Hypothesen
Die genauen Ursachen lassen sich mit dem aktuellen Forschungsstand noch nicht abschließend klären. Barth und sein internationales, interdisziplinäres Forschungsteam halten jedoch drei Erklärungen für plausibel: Erstens die Search-and-Match-Hypothese, wonach eine breitere Auseinandersetzung mit verschiedenen Disziplinen die Chance erhöht, die individuell passende Disziplin zu finden. Zweitens die Enhanced-Learning-Capital-Hypothese, die von verbesserten Lern- und Problemlösungskompetenzen durch multidisziplinäres Engagement ausgeht. Und drittens die Limited-Risks-Hypothese, die geringere Entwicklungsrisiken wie Burnout, Verletzungen oder Motivationsverluste bei multidisziplinärem Engagement betont.
Neue Wege
Was diese Hypothesen vereint, ist ihre Relevanz für die Frage, wie Talente künftig gefördert werden sollten. Gerade im Sportbereich hat diese Erkenntnis weitreichende Konsequenzen: Die massive Beschleunigung von Karrieren und die zunehmende Intensivierung von Trainingsprogrammen können auf Kosten von langfristigem Eliteerfolg gehen. „Einige gefundene Prädiktor-Effekte für Nachwuchserfolg sind im Vergleich zu Prädiktor-Effekten für Elitesporterfolg nicht nur unterschiedlich, sondern teils auch gegensätzlich“, so Barth. Anders gesagt: Der eine Erfolg kann dem anderen im Weg stehen.
Welcher Weg der „richtige“ ist, sei am Ende nicht nur eine Frage der Wissenschaft, sondern auch der Gesellschaft. Diese müsse die anzustrebenden Ziele aushandeln, betont der Forscher. „Wollen wir internationalen Eliteerfolg, sollten wir mehr auf die Ausdehnung des Potenzials im Nachwuchs achten und nicht die Karrieren für kurzfristigen Nachwuchserfolg beschleunigen.“
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Zur Person
Michael Barth studierte Sportmanagement und Sportwissenschaft in Innsbruck, absolvierte den Diplomstudiengang Betriebswirtschaft und promovierte in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Nach seiner Zeit als Entwickler von Robotik-Trainings- und Rehabilitationsgeräten war er an Universitäten in Jena, München, und im Saarland sowie an der FH Kufstein Tirol tätig. Heute ist er Assistenzprofessor am Institut für Sportwissenschaft und Studiendekan der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft an der Universität Innsbruck.
