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Städtetourismus im Wandel
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Städtetourismus im Wandel
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Norbert Kettner, Geschäftsführer Wien Tourismus, der anlässlich des ARGE Städtetreffs nach Innsbruck kam, und Obmann Innsbruck Tourismus, Peter Paul Mölk, stellten sich Fragen der Zukunft von Städtetourismus betreffend. Aus aktuellem Anlass ging es dabei unter anderem auch um die Austragung des Eurovision Songcontests 2026.
„Egal, wo der Song Contest stattfinden wird, es wird ein großes Ereignis für Österreich werden“, ist sich Norbert Kettner sicher. In Hinblick auf den wirtschaftlichen Nutzen derartiger Großevents hält der WienTourismus-Chef mit Blick auf den vergangenen ESC 2015 in Wien fest, dass der ESC von rund 170 Millionen Zuschauern verfolgt werde und mehr als 2 Milliarden Online-Views über Social Media erziele. „Das ist eine unmittelbare Öffentlichkeit, die keine unsrer Städte bei einem Event sonst bekommt“, so Kettner. Peter Paul Mölk von Innsbruck Tourismus hebt indes die Notwendigkeit des Nutzens für die verschiedensten Stakeholder hervor: „Meines Erachtens war das Schöne an Innsbrucks Bewerbung, dass nicht der Tourismus, die Stadt oder das Land allein der Treiber war, sondern dass es diesen Schulterschluss gab. Das Wichtige an solchen Formaten ist, dass man sie aus diesen unterschiedlichen Seiten betrachtet und fragt, was sie für die Ausrichtung der Stadt bedeuten. Es muss alles zusammenpassen, dann ist es ein großes Event für die Region, für die Gäste, für die Einheimischen, für die Wirtschaft, für das Land.“
Norbert Kettner: „Wir wollen, dass der Tourismus wächst, aber kontrolliert und organisiert.“
Beide Städte verabschiedeten kürzlich ihre neue Strategie, in denen sich ein Paradigmenwechsel weg von der absoluten Gästezentrierung beobachten lässt. „Ich glaube, das hat damit zu tun, wie sich die Aufgabe der Tourismusverbände verändert hat“, erklärt Mölk. In der Vergangenheit hatten Tourismusverbände als einzige Bezugsperson den Gast. „Heute haben wir mehrere. Wir schauen uns jetzt die Bevölkerung, den Gast und die Mitglieder, also die Finanzierungsseite, an. Und bei jeder Entscheidung wird ein Abgleich gemacht und die Balance gesucht, dass es für alle passt.“ Für Wien ist Gast nicht gleich Gast, sieht die neue Strategie doch Wunschzielgruppen vor. Dies habe jedoch nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern mit Fokussierung. „Hier sind wir sehr klar: Wir wollen den Individualreisenden, den Kulturgast, den Kongressgast und den Luxusgast. Das ist nicht aus einem Snobismus heraus so gekommen, sondern indem wir zurück zu unserem Grundauftrag gekommen sind. Dieser lautet: Wertschöpfung in die Stadt zu bringen, Ganzjahresjobs zu schaffen – das ist ja gerade der Vorteil im Städtetourismus –Ressourcen zu schonen und tunlichst der Bevölkerung nicht auf die Nerven zu gehen.“ Innsbruck setze verstärkt auf Regional- und Destinationsentwicklung, wie Mölk am Beispiel der Urban Blooms deutlich macht. Die bunten Sitzgelegenheiten aus Holzmodulen dienten anfangs zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität in Baustellenbereichen. Inzwischen seien sie fixe Bestandteile der Quartiersentwicklung, einer Aufgabe, der man sich bei Innsbruck Tourismus gerne annehme.
Peter Paul Mölk: „Wir fragen uns: Was ist ein Gast?“
„Eine Innsbrucker Familie, die in Oberperfuss skifahren geht, ist ein Gast – ein Tagesgast“, erklärt Mölk. So versuche man bei Innsbruck Tourismus, nicht zwischen Gast und Einheimischen zu differenzieren, sondern den Erlebnisraum „als gemeinsamen Raum zu verstehen, in dem wir uns gemeinsam bewegen.“ Trotz der Tatsache, dass auf die 150.000 Einwohner:innen Innsbrucks lediglich rund 5.000 Tourist:innen pro Tag fallen würden, dürfe nicht übersehen werden, dass es an manchen Tagen an hochfrequentierten Plätz eng werde. „Wir haben aber den Vorteil, dass die Innsbrucker Stadtbevölkerung ihren Bewegungsraum größer sieht. Wenn es in der Stadt voll und heiß ist, bin ich nicht in der Stadt, sondern am Berg, den ich in wenigen Minute mit Bus oder Bahn erreichen kann. Aufgrund dieser Alternativen und der Innsbrucker Mentalität ist der Lebensraum nicht so konzentriert“. Nichtsdestotrotz versuche man aber, mit Lenkungsmaßnahmen zu agieren. Kettner präzisiert den Wiener Ansatz: „Wir kommen dem international stark wahrnehmbaren Trend des ,transformative travel‘ entgegen, da es Gäste gibt, die Dinge kennenlernen möchten, die nicht in den klassischen Reiseführern ganz oben stehen.“ Dennoch bewegen sich die meisten Gäste innerhalb des 1. Bezirks. In Hinblick auf die Besucherlenkung sei WienTourimus mit der App „ivie“ bereits auf digitale Lösungen übergegangen. „Diese hat bereits über 1,5 Millionen Downloads und eine halbe Million Nutzer. Damit können wir wirklich große Gästegruppen erreichen, die wir in andere Bezirke führen können.“ Dass dies die Lösung für temporäre Verdichtungen sei, bezweifelt Kettner: „Da bin ich eher skeptisch. Ab und zu müssen wir mit Dichte in den Innenstädten leben.“
Norbert Kettner: „Städte sind kein Vergnügungspark“
Das Beispiel Venedig mit einem Eintrittspreis von 10 € pro Tagesgast halten beide für undenkbar in den jeweiligen Städten. „Das Verhältnis von Einwohner zu Besucher pro Tag liegt in Venedig bei 35.000 zu über 40.000 Gäste. Dass die Bevölkerung Angst hat, die Stadt wäre nicht mehr ihre, ist nachvollziehbar.“ Verweisend auf die besondere Situierung der Inselstadt und ihrem begrenzten Zugang hält Mölk fest: „Das wäre in Innsbruck gar nicht möglich.“ Kettner ergänzt: „Ich glaube, das ist keine Lösung für irgendeine österreichische Stadt.“ In Innsbruck sei man, so Mölk, überdies „immer noch in der Situation, dass wir uns über jeden Gast, der kommt, freuen.“