Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Tirol und China stehen an einem Wendepunkt: Auf der einen Seite wachsende Marktchancen, von Tourismus über Maschinenbau bis hin zu nachhaltiger Landwirtschaft. Auf der anderen Seite eine Weltwirtschaft im Umbruch – geprägt von geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und zunehmender Technologiekonkurrenz.
China ist heute ein wirtschaftlicher Gigant: Laut Internationalem Währungsfonds ist es mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 18 Billionen Euro nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Gemessen an der Kaufkraftparität führt das Land bereits seit 2016 das Ranking an. Seit einigen Jahren wird der Konkurrenzkampf zwischen den beiden größten Volkswirtschaften zunehmend offen auf globaler Bühne ausgetragen – und wurde mit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump eskaliert. Unter anderem deshalb schwächelt Chinas Wirtschaft. Zwar wird für 2025 noch ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent prognostiziert – doch lagen die Prognosen zuletzt deutlich höher.
Passend dazu ist auch Österreichs Konjunkturlage düster: Laut Frühjahrsprognose der EU-Kommission ist die Alpenrepublik das einzige EU-Land, das 2025 mit einem Rückgang des realen BIP (rund 0,3 Prozent) rechnen muss. Vor diesem Hintergrund erscheinen wirtschaftliche Kooperationen mit Wachstumsmärkten wie China besonders relevant.
Von Elektromobilität oder Maschinenbau über Tourismus bis hin zur Lebensmittelindustrie: Immer mehr Tiroler Unternehmen entdecken China und chinesische Handelspartner für sich.
„Das Land hat sich in wenigen Jahrzehnten von der billigen Werkbank zur zweitgrößten, hoch technologisierten Volkswirtschaft der Welt entwickelt.“
Christoph Matznetter

Zur Person:
Christoph Matznetter ist ein österreichischer Politiker der SPÖ. Er ist seit 2009 Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreich und im Rahmen der Austrian-Chinese Business Association (ACBA) seit Jahren eng mit China verbunden.
![]()
Handel mit Hürden und Potenzial
Ein aktueller Bericht des WKO-Außenwirtschaftscenter Peking zeigt, dass sich aktuell zwar eine Integration Chinas mit der Südostasiatischen Staatengemeinschaft (ASEAN), Latein- und Südamerika (allen voran Brasilien und Peru) und Russland abzeichnet, die Europäische Union (EU) aber weiterhin Chinas wichtigster Handelspartner bleibt. Chinesische Investitionen fließen in Europa auch nach Großbritannien und in die Schweiz, innerhalb der EU im vergangenen Jahr vor allem nach Ungarn: Der chinesische Batteriehersteller CATL und E-Auto-Konzern BYD investierten dort kräftig in „Gigafabriken“.
„Spielzeug, IT-Hardware – in manchen Bereichen wäre Europa ohne China nicht mehr wettbewerbsfähig.“
Gregor Leitner

Zur Person:
Gregor Leitner ist stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Tirol und leitet die Außenwirtschaftsabteilung. In dieser Funktion unterstützt er Tiroler Unternehmen bei Exportfragen und internationalen Kooperationen.
![]()
Made in Tirol goes global
Tirol ist nicht nur Alpenidyll, sondern auch Heimat exportstarker Industriebetriebe mit internationalem Renommee. Einige dieser Unternehmen sind bereits seit Jahren in China präsent. Swarovski betreibt heute Filialen in mehreren chinesischen Städten. Vor allem bei jungen Konsumentinnen gelte vor allem die „Black Swan“-Kette als begehrtes Einstiegsstück in die Welt westlicher Luxusmarken, erzählt Yinmi Yao gegenüber top.tirol.
„Swarovski ist schon lange bei jungen chinesischen Frauen beliebt. Heute betreibt das Unternehmen nahezu 300 Filialen in ganz China – von Metropolen wie Peking und Shanghai bis hin zu kleineren Städten.“
Yinmi Yao

Zur Person:
Yinmi Yao ist eine vielfach ausgezeichnete freie Journalistin und Autorin mit Sitz in Peking. Sie schreibt über Politik, Wirtschaft und soziale Umbrüche. Ihre Reportagen erschienen u. a. in der chinesischen Ausgabe der Stanford Social Innovation Review, der LatePost und The People Magazine.
Auch der Reuttener Werkstoffspezialist Plansee verfolgt eine langfristige Strategie auf dem chinesischen Markt. Ein beachtlicher Teil des Konzernumsatzes wird inzwischen in Asien erwirtschaftet. Seit 2013 produziere das Unternehmen im Großraum Shanghai für den lokalen Bedarf, erklärt ein Sprecher. Der „Local for local“-Ansatz, den Plansee in China verfolge, gewinnt zuletzt angesichts geopolitischer Spannungen zunehmend an Bedeutung.
Weitere Tiroler Unternehmen sind in Nischen erfolgreich – besonders im Bereich Wintersporttechnik, Mess- und Regeltechnik sowie Akustiklösungen.
„Die Skigebiete in China kann man nicht mit jenen in Tirol vergleichen – da sind dann gleich richtige Massen vor Ort. Deswegen braucht man vielleicht auch Doppelmayr-Lifte mit Riesenkapazität, die die Leute in diese Tourismusgebiete hochfahren.“
Birgit Murr

Zur Person:
Birgit Murr ist in Innsbruck geboren, aufgewachsen und lebt schon seit vielen Jahren in China. Als Wirtschaftsdelegierte der Wirtschaftskammer Österreich leitet sie das Außenwirtschaftscenter Guangzhou sowie das Außenwirtschaftsbüro Chengdu. In dieser Funktion unterstützt sie österreichische Unternehmen beim Markteintritt und der Geschäftsentwicklung in Süd- und Westchina.
![]()
Der Fall Swarco gegen Strabag zeigt jedoch, dass faire Wettbewerbsbedingungen auch verteidigt werden müssen.
Was ist passiert?
- Die Tiroler Firma Swarco hat eine Erfindung für moderne LED-Verkehrsanzeigen patentieren lassen.
- Strabag hat Geräte vom chinesischen Verkehrssignal-Hersteller Chainzone verwendet, die laut Gericht gegen dieses Patent verstoßen.
Wo wurden diese Geräte eingesetzt?
- Unter anderem auf Autobahnen in Österreich, bei Projekten für die staatliche Autobahngesellschaft Asfinag.
Was hat das neue EU-Patentgericht (UPC) in Wien entschieden?
- Die Produkte verletzen das Patent.
- Neben jenen in Österreich muss die Strabag die Geräte in zehn europäischen Ländern zurückrufen und vernichten (darunter Deutschland, Frankreich, Italien etc.).
- Swarco bekommt Schadensersatz (wird noch berechnet).
- Chainzone darf die Geräte in diesen Ländern wohl nicht mehr verkaufen, sonst drohen weitere Klagen.
![]()
Tourismus und Agrarprodukte: China entdeckt Tirol
Rund 500.000 chinesische Gäste reisten 2024 nach Österreich, davon etwa ein Fünftel nach Tirol – Tendenz steigend. Auch der Tiroler Winter wird bei ChinesInnen immer beliebter – die Gästezahlen verzeichneten in der vergangenen Saison ein starkes Plus: Die Zahl der Ankünfte zwischen November und April stieg um etwa neun Prozent, die Übernachtungen sogar um rund zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Im Agrarbereich hat das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft (BML) kürzlich neue Exportprotokolle für Schweinefleisch und Milchprodukte mit China abgeschlossen. Zuletzt sanken die Exportzahlen jedoch. Aufgrund des überschaubaren Exportvolumens nach China (etwa 80 Millionen von insgesamt rund 17 Milliarden Euro österreichischer Agrar- und Lebensmittelexporte im Jahr) seien die rückläufigen Zahlen auf anderen Märkten kompensierbar, hieß es auf top.tirol-Anfrage von einer Sprecherin aus dem Ministerium. Dennoch sehe man im chinesischen Markt langfristige Perspektiven.
Ein Grund: In China gelten etwa Schweinsfüße, -ohren oder -innereien als Delikatessen und erzielen dort deutlich höhere Marktpreise als innerhalb der EU. Zudem wächst die Nachfrage nach hochqualitativen, sicherheitszertifizierten Lebensmitteln – eine Stärke österreichischer Produzenten. Die Herausforderung bleibt allerdings die aufwendige Exportzulassung und die politische Planbarkeit des Marktzugangs.
„Für Österreich sind nach wie vor die EU-Länder, insbesondere die Nachbarländer, mit 80 Prozent der Exporte der wichtigste Absatzmarkt für Agrarprodukte und Lebensmittel.“
BML-Sprecherin

Zur Person:
Norbert Totschnig ist seit Mai 2022 Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft in Österreich. Der studierte Agrarökonom war zuvor Direktor des Österreichischen Bauernbundes und ist Mitglied der ÖVP.
![]()
Campus China: Tirols Bildungsbrücken
Wirtschaftliche Beziehungen gedeihen dort besonders gut, wo kulturelles Verständnis und fundiertes Wissen über den Partner vorhanden sind. Genau hier setzt das China Center am MCI an. Unter der Leitung von Wei Manske-Wang hat sich das Zentrum seit seiner Gründung 2021 zur zentralen Drehscheibe für den akademischen China-Austausch in Tirol entwickelt.
Drei gut frequentierte Sprachkurse pro Semester, interkulturelle Trainings für Unternehmen sowie Lehrveranstaltungen in fünf Studiengängen bilden das Fundament. Besonders praxisnah wird es im Rahmen von Studienreisen – etwa ins „Silicon Valley Chinas“, nach Shenzhen – oder bei Formaten wie dem Europa-China Innovation Forum, das im Herbst 2025 in Wuhan stattfindet. Ab dem Wintersemester 2025 ergänzt ein neues Programm namens „China: Business & Culture“ das Studienangebot. Es vermittelt wirtschaftsrelevante China-Kompetenz – und schafft so Know-how für den Tiroler Arbeitsmarkt.
„Besonderes Potenzial für Zusammenarbeit sehe ich im Green-Tech-Sektor – Tirols Nachhaltigkeitsexpertise ergänzt sich gut mit Chinas Skalierungskraft.“
Wei Manske-Wang

Zur Person:
Gebürtig aus Shanghai, lehrt Wei Manske-Wang seit 2020 am MCI Innsbruck mit Schwerpunkt auf interkultureller Wirtschaftskommunikation. Sie gründete 2021 das China Center und ist seit 2023 Generalsekretärin der Austrian Hong Kong Society. Ihre Expertise liegt in der internationalen Zusammenarbeit zwischen China und Europa.
![]()
Politische Rahmenbedingungen und strategische Partnerschaften
Die politischen Beziehungen zwischen Tirol und China reichen zurück bis ins Jahr 1999, als eine offizielle Partnerschaft mit der zentralchinesischen Provinz Henan begründet wurde. In den 2000ern näherte man sich dann immer weiter an. Doch seit der Coronapandemie sei der direkte Austausch ins Stocken geraten, erzählt Birgit Murr, Wirtschaftsdelegierte der Wirtschaftskammer. Neue Impulse könnten etwa durch gezielte Delegationsreisen oder im Rahmen von Messebesuchen entstehen.
Auch das Verhältnis zwischen China und der EU ist zunehmend durch Konkurrenz und ideologische Differenzen geprägt – laut Chaoting Cheng setzen chinesische AkteurInnen deshalb verstärkt auf Kooperationen auf zwischenstaatlicher Ebene. China fokussiere also wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit auf nationaler Ebene, um geopolitische Spannungen mit der EU zu umgehen.
„2024 hat BYD in Europa mehr Autos verkauft als Tesla.“
Chaoting Cheng

Zur Person:
Chaoting Cheng ist Doktorand an der Freien Universität Berlin mit Schwerpunkt auf Chinas globaler Strategie sowie der „Neuen Seidenstraße“. Zuvor arbeitete er als Manager im Telekommunikationsbereich in Asien, Afrika und Europa.
„Wir müssen als Europa mehr nach China schauen, so wie die Chinesen früher nach Europa gekommen sind, um zu lernen.“
Birgit Murr
![]()
Hightech als Spielfeld der Zukunft
China hat sich in den letzten Jahren vom Produktionsstandort zur Technologie-Supermacht entwickelt – insbesondere in strategischen Feldern wie Künstliche Intelligenz (KI), Elektromobilität, Batterietechnologie und autonomem Fahren. Unternehmen wie Huawei, BYD oder CATL dominieren inzwischen weite Teile der globalen Lieferketten und setzen neue Maßstäbe in Sachen Geschwindigkeit, Softwareintegration und Skalierung.
„BYD macht die Autos, aber die Systeme machen andere Firmen, wie WeRide. Das ist auch ein Vorteil von China: Es gibt ganze Ketten – Fahrzeughersteller, Batterien, Sensorik, Software – alles ist vorhanden“, erklärt Murr. Für Tirol würden sich Chancen vor allem dort bieten, wo Spezialisierung, Qualität und Technologie zusammentreffen – etwa in der Umwelttechnik, Medizintechnik oder bei Wintersportausstattung.
Für Tiroler Unternehmen bedeutet das: Der internationale Wettbewerb verschärft sich – nicht nur preislich, sondern auch technologisch. Firmen wie Plansee oder Swarovski stehen unter Druck, ihre Innovationsführerschaft aktiv zu verteidigen. Das Beispiel Swarco zeigt auch, wie entscheidend der Schutz geistigen Eigentums heute geworden ist.
„In China geht es bei autonomen Fahrzeugen nicht um Zukunftsmusik – sie fahren bereits heute in bestimmten Bezirken.“
Birgit Murr
![]()
Tirol, China und die Welt von morgen
China bleibt trotz aller Herausforderungen ein langfristig bedeutender Partner für Tirol – sowohl als Zuliefer- und Absatzmarkt als auch als Innovationsmotor. Doch die Zusammenarbeit muss neu gedacht werden: Diversifikation, Risikoabsicherung und strategische Flexibilität werden zu Schlüsselbegriffen für Tiroler Unternehmen mit internationalem Fokus.
Langfristig liegt die Chance in einer wertschöpfungsorientierten Kooperation, die Tirols Stärken – Nachhaltigkeit, Engineering, Qualität – mit Chinas Skalierungskraft und Marktdynamik verbindet. Der Weg dorthin führt über Bildung, Forschung, Austausch – und eine klare Standortstrategie.
„Österreichs Neutralität kann in der US-China-Rivalität ein Vorteil sein – wenn sie klug genutzt wird.“
Chaoting Cheng