Martin Kocher und Matthias Sutter studierten Volkswirtschaftslehre in Innsbruck, lernten sich aber erst nach ihrem Diplomstudium kennen. Seither ergab Zusammenarbeit über 40 wissenschaftliche Publikationen und eine mittlerweile jahrzehntelange Freundschaft – die nun auch in einem populärwissenschaftlichen Buch über Vertrauen und Kooperation resultiert „Gemeinsam stark." erscheint offiziell heute, am 26. Feber 2026. Die beiden Volkswirte und Professoren haben im Vorfeld top.tirol ein interview gegeben.
„Grüner oder Schwarzer Tee?” war die Frage, die sich die beiden Wissenschaftler zuletzt sehr oft gestellt haben. Die Antwort auf die Frage, erklärte, wo sie sich treffen werden: Schwarztee hieß bei Martin Kocher, Grüntee gab es bei Martin Sutter.
Herr Kocher: Wie genau soll man jemandem vertrauen, der einem ständig versucht, Grüntee anzudrehen?
Das frage ich mich auch. Aber im Ernst: Entscheidend ist natürlich vielmehr, ob jemand verlässlich, transparent und nachvollziehbar handelt. Und bei Matthias Sutter hätte ich selbst beim Grüntee vollstes Vertrauen, auch wenn ich persönlich weiterhin lieber zum Schwarztee greife.
Was ist Vertrauen überhaupt? Moralische Haltung oder ökonomisches Kalkül?
Kocher: In erster Linie wohl eine Grundeinstellung, die aber auch einen wichtigen ökonomischen Aspekt hat. Vertrauen wird in der Theorie häufig als ein Akt verstanden, durch den man sich selbst bis zu einem gewissen Grad von einer anderen Person abhängig macht. Im Unternehmenskontext trifft das zum Beispiel für Eigentümerinnen und Eigentümer zu, die ihre Firma von einer Geschäftsführung leiten lassen. In einer solchen Situation müssen sie darauf vertrauen, dass diese in ihrem Sinne handelt. Und an diesem Beispiel sieht man bereits den ökonomischen Aspekt. Vertrauen ermöglicht effizienteres Handeln, weil man dadurch nicht alles selbst machen muss, sondern Aktivitäten oder Entscheidungen an andere delegiert oder abgibt. In nicht wenigen Situationen sogar an jemanden, der noch mehr von der Sache versteht. Ein solcher Vertrauensvorschuss kann also Effizienz und damit die Wirtschaftsleistung erhöhen. Aber natürlich gibt es auch Fälle, wo Vertrauen enttäuscht wird.

Martin Kocher ist Gouverneur der Österreichischen Nationalbank. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien. Zwischen 2021 und 2025 war er Bundesminister für Arbeit und Bundesminister für Arbeit und Wirtschaft der österreichischen Bundesregierung. Nach seiner Promotion an der Uni Innsbruck arbeitete und forschte er an verschiedenen europäischen Universitäten.
Herr Sutter: In Zeiten von KI und großem technologischen Fortschritt würde man meinen, dass Vertrauen keine wichtige Rolle mehr spielen muss. Schließlich könnte man sich auf enorme Datenmengen und überprüfbare Fakten verlassen. Was war der konkrete Auslöser für dieses Buch?
Martin Kocher und ich hatten seit vielen Jahren den Wunsch, einmal gemeinsam ein populärwissenschaftliches Buch für eine breite Leserschaft zu schreiben, nachdem wir beinahe 20 Jahren lang über 40 wissenschaftliche Fachpublikationen miteinander verfasst hatten. Die zeitliche Lücke zwischen dem Ende seines Ministeramts im März 2025 und dem Beginn seiner Tätigkeit als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank im September 2025 haben wir dann genützt, um das Buch „Gemeinsam stark“ zu schreiben. Das hat unglaublich viel Spaß gemacht und war ein wenig wie früher, als wir ständig Ideen diskutiert und viele davon umgesetzt haben.
Was sagen Experimente über Vertrauen – und wo versagen sie, wenn es um die reale Welt geht?
Sutter: Unsere experimentelle Forschung erfasst so etwas wie die grundsätzliche Bereitschaft, anderen Menschen, die man nicht kennt, in einfachen ökonomischen Interaktionen zu vertrauen. Eine unserer ersten wichtigen gemeinsamen Publikationen hat gezeigt, dass die Bereitschaft dazu im Kindes- über das Jugend- bis ins Erwachsenenalter zunimmt. Das ist ein sehr ermutigendes Ergebnis, weil junge Menschen in unserer Gesellschaft offenbar lernen, dass man anderen vertrauen kann. Dass es in der realen Welt zusätzlich zu dieser grundsätzlichen Einstellung noch auf den spezifischen Kontext ankommt – z.B. wie lange man jemanden kennt oder was für ein Hintergrund jemand mitbringt –, das ist in Laborexperimenten schwieriger abzubilden, ändert aber nichts an allgemeinen Mustern unserer Ergebnisse.

Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an den Universitäten Köln und Innsbruck. Er zählt zu den angesehendsten Volkswirten in Europa. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Fragen der richtigen Entscheidung: Was Kinder und Jugendliche im späteren Leben erfolgreich macht? Ob Teamentscheidungen besser sind als individuelle Entscheidungen? Welche Rolle der menschliche Faktor im Berufsleben spielt.
Herr Kocher, als Minister mussten Sie Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen konnten. Wie geht man damit um, Vertrauen zu bewahren, wenn man zwangsläufig enttäuscht?
Das Vertrauen anderer Menschen enttäuscht man ja nicht einfach dadurch, dass man Entscheidungen trifft, die ihnen nicht gefallen. Politik – und Verantwortung generell – bedeutet häufig, zwischen mehreren Optionen abzuwägen, die jeweils ihre Vor- und Nachteile haben. In solchen Situationen ist es unvermeidlich, dass sich manche Menschen eine andere Entscheidung gewünscht hätten. Ein wirklicher Vertrauensbruch entsteht aus meiner Sicht erst dann, wenn man Erwartungen weckt, die man nicht erfüllen kann oder die man bewusst nicht erfüllt. Also wenn man etwas anderes tut, als man versprochen hat, ohne das nachvollziehbar zu begründen. Natürlich kann es gute Gründe geben, eine ursprünglich angekündigte Linie zu ändern: neue Informationen, veränderte Rahmenbedingungen oder unerwartete Entwicklungen. Entscheidend ist dann aber, die Gründe dafür so transparent wie möglich zu machen. Kommunikation bzw. das Erklären von Entscheidungen ist für Vertrauen im Allgemeinen, aber auch in der Politik im Speziellen, ein unglaublich wichtiger Faktor.

Die jahrezehntelange Zusammenarbeit krönen Matthias Sutter und Martin Kocher mit einem gemeinsamen populärwissenschaftlichen Buch.
Wie viel Misstrauen ist in der Politik notwendig, um Machtmissbrauch zu verhindern?
Kocher: Vertrauen heißt ja nicht, dass es keine Kontrolle gibt oder geben soll. Aber es ist unmöglich und auch nicht wünschenswert, immer jedes Detail des Handelns zu kontrollieren. Demokratische Systeme bauen ja bewusst auf Kontrolle und Gegengewichten auf. Problematisch wird es, wenn aus gesundem Kontrollbewusstsein ein grundsätzliches Generalmisstrauen wird, also wenn Politik oder Institutionen pauschal unter Verdacht gestellt werden. Dauerndes Misstrauen untergräbt die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und beschädigt das Vertrauen in demokratische Prozesse. Es geht daher um ein Gleichgewicht aus klaren Regeln, starker Kontrolle und Transparenz, aber auch der grundsätzlichen Bereitschaft, demokratisch bestimmten Verantwortungsträgerinnen und -trägern ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen.
Was haben Sie bei der Zusammenarbeit zu diesem Buch über Kooperation gelernt, das Sie vorher nicht wussten?
Sutter (lacht): Das ist jetzt keine direkte Antwort auf Ihre Frage, aber es hat mich schon überrascht und beeindruckt, dass jemand, der 4 Jahre lang als Minister fast rund um die Uhr beschäftigt war, sofort nach der Beendigung der Ministertätigkeit wieder auf dem aktuellen Stand der Forschung ist, wie das bei Martin Kocher der Fall ist. Dass die Zusammenarbeit mit ihm und das wechselseitige Feilen an jedem einzelnen Kapitel auch so gut funktioniert hat, war hingegen keine Überraschung. Aber jetzt zu Ihrer Frage: Gelernt habe ich bei der Arbeit an unserem Buch, wie eng Kooperation und Vertrauen zusammenhängen. Das ist deshalb ein wenig überraschend, weil die Forschungsstränge zu Kooperation und zu Vertrauen bisher gar nicht eng miteinander verwoben sind.
Wie wichtig wird Kooperation in der Welt von morgen werden?
Kocher: Zunächst einmal habe ich wieder bestätigt bekommen, wie angenehm anspruchsvoll die Zusammenarbeit mit Matthias Sutter ist. Er stellt immer die richtigen Fragen, gibt sich nicht mit halben Argumenten zufrieden und feilt so lange an einem Gedanken, bis er wirklich trägt. Das ist sehr bereichernd und genau so sollte wissenschaftliche Kooperation sein. Und zu Ihrer Frage: Kooperation in der Welt von morgen wird mindestens gleich wichtig sein wie heute, ziemlich sicher aber noch wichtiger. Über die vergangenen Jahrzehnte ist unsere Wirtschaft und auch die Forschung immer arbeitsteiliger geworden. Das bedeutet, dass immer mehr Akteure miteinander zu tun haben, um Produkte oder Dienstleistungen oder einfach neues Wissen zu entwickeln. Das erfordert aber eine immer stärkere Kooperation, um gemeinsam erfolgreich sein zu können. Auf politischer Ebene brauchen wir in der Welt von morgen ebenfalls mehr Kooperation. Die großen Herausforderungen unserer Zeit können wir vor allem durch internationale Kooperation lösen.
Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Sutter: Unser Buch soll eine Fundgrube von Ideen sein, wie man in praktisch allen Bereichen unseres Lebens Kooperation und Vertrauen stärken kann.
Kocher: Ja, genau. Wir wollten aufzeigen, welche Faktoren Zusammenarbeit und wechselseitiges Vertrauen als Basis für ein erfolgreiches Zusammenleben und Wirtschaften ermöglichen. Dabei versuchen wir so zu formulieren, dass jede Leserin und jeder Leser direkt etwas aus dem Buch in den Alltag übernehmen kann.