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KI-Experte Gregor Schmalzried

„Vom Warten auf eine Superintelligenz”

KI-Experte Gregor Schmalzried

„Vom Warten auf eine Superintelligenz”

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Morgen, am 29. Mai, spricht Gregor Schmalzried als Keynote-Speaker beim KI-Kongress der FH Kufstein Tirol. Sein Vortrag trägt den Titel „Abkürzung zur Superintelligenz” – eine These, die provozieren soll. Im Gespräch mit top.tirol erklärt er, warum wir nicht auf eine magische KI warten sollten, was wir stattdessen jetzt schon tun können und warum ihn eine sehr konkrete Frage beschäftigt: Was macht mein Agent eigentlich gerade?

Ihre Keynote in Kufstein heißt „Abkürzung zur Superintelligenz”. Das klingt nach einer steilen These. Was meinen Sie damit?

Der Titel ist bewusst ein bisschen ironisch. Ich erlebe es relativ oft, dass gesagt wird: „Ja, KI ist toll, großes Potenzial – aber wir warten noch, bis es das und das kann.” Das hat manchmal etwas von einem Warten auf eine Superintelligenz, die irgendwann kommen wird, aber eben noch nicht da ist.

Meine Einschätzung ist: Das greift zu kurz. Es geht nicht darum, dass die Technologie uns irgendwann rettet. Es geht darum herauszufinden, was wir beisteuern können – welche Lücken wir füllen, damit KI tatsächlich für uns nutzbar wird. Die Superintelligenz ist keine magische Technologie, die auf uns einprasselt. Sie entsteht, wenn wir unsere eigene Intelligenz mit dem kombinieren, was KI kann. Und das geht jetzt schon.

Können Sie das konkret machen – wo erleben Sie das im Alltag?

Ein gutes Beispiel sind Entscheidungsprozesse. Jedes Unternehmen trifft täglich Hunderte Entscheidungen, bewusst oder unbewusst. Generative KI-Systeme sind dabei zunächst nicht sonderlich hilfreich – sie sind leicht manipulierbar, ändern ihre Meinung je nach Kontext.

Das Entscheidende ist: Dieses Verhalten hängt vollständig davon ab, was ich der KI vorher mitgebe. Wenn ich ihr kurz erkläre, was mir bei einer Entscheidung wichtig ist, welche Werte mein Unternehmen hat, welche mittelfristigen Ziele wir verfolgen – dann wird das Ergebnis deutlich besser. Ich bekomme auf einmal eine Antwort, die nicht jeder andere auch bekommen hätte, sondern nur ich.

Und das skaliert: Wenn ich die KI dazu bringe, Rückfragen zu stellen, im Wissensbestand des Unternehmens zu recherchieren, vergangene Fälle zu berücksichtigen – dann kann sie auch bei wirklich komplexen Entscheidungen helfen.

Sie betonen immer wieder das Zusammenspiel von Mensch und KI. Warum nutzen die Leute das nicht so, wie Sie es beschreiben?

Ich glaube, das Problem ist, dass wir diese Tools anschauen und davon ausgehen, dass sie so denken wie wir. Das macht Sinn, weil sie sehr menschlich wirken – sie klingen wie Menschen. Aber unter der Haube funktionieren die anders. 

Viele nehmen zum Beispiel an, dass ihr Chatbot automatisch von ihnen lernt – dass alles, was man eingibt, in einer Art innerem Gedächtnis landet. So wäre das bei einem Menschen. Aber das ist nicht so. Das Gedächtnis einer KI entsteht nicht von alleine, das muss ich aktiv und bewusst aufbauen und managen. Das ist schwierig – und führt dazu, dass Menschen der KI Fähigkeiten zuschreiben, die sie gar nicht hat.

Wie setzt man das richtig auf? Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich habe gleich im Anschluss noch einen Termin mit jemandem, den ich zum ersten Mal spreche. Fünf Minuten vorher öffne ich mein Tool – ich nutze Notion – und sage: „Bitte schau, was gleich mein Call ist.

Die KI macht dann mehrere Schritte nacheinander: Erster Schritt – sie schaut in meinen Kalender. Zweiter Schritt – sie sucht in meiner Datenbank, wer diese Person ist und wozu sie gehört. Dritter Schritt – sie recherchiert kurz online, ob es aktuelle Informationen gibt, die noch nicht in der Datenbank stehen. Vierter Schritt – sie schreibt mir ein kurzes Briefing zusammen.

Das sind viele verschiedene Datenpunkte: mein Prompt, mein Kalender, meine Datenbank, das Internet. Auf alles muss zugegriffen werden, und die KI muss verstehen, warum. Das aufzusetzen dauert einmal wirklich richtig lang – aber wenn man es getan hat, benutzt man es völlig selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.

Was genau verstehen Sie unter „Superintelligenz”? Der Begriff klingt etwas zu sehr nach Futurismus. 

Das ist ein Begriff, den ich nicht selber geprägt habe. Das gängige Bild ist: Irgendwann kommt eine Superintelligenz, die uns Menschen in allem überlegen ist – und die dann keine Menschen mehr braucht, um irgendeine Aufgabe zu erledigen.

Ich weiß nicht, ob das so kommen wird. Ich halte es ehrlich gesagt nicht für besonders realistisch, dass genau dieses Szenario eintrifft. Was ich aber glaube: Mit Hilfe dieser Technologie können und werden wir Dinge erreichen, die vorher unmöglich schienen. Wenn wir verhindern wollen, dass eine Superintelligenz uns obsolet macht, dann sollten wir daran arbeiten, möglichst viel zu erreichen und möglichst viele Probleme zu lösen – und das tun wir am besten gemeinsam mit der KI, nicht gegen sie.

Was macht Ihnen dabei mehr Sorgen: eine unkontrollierte Superintelligenz oder eine kontrollierte?

Eine sehr gute Frage. Ich glaube, es spielt auch eine Rolle, ob es eine einzige gibt oder mehrere. Eine Welt, in der eine einzige Person, ein Unternehmen oder eine Nation alleinigen Zugriff auf eine so mächtige KI hätte, dass niemand anderes irgendwas dagegen ausrichten kann – das ist vielleicht die beunruhigendste aller Vorstellungen.

Ich hoffe, dass die Realität komplizierter wird als das: eine Welt, in der es verschiedene Formen fortschrittlicher KI gibt und wir alle ein Interesse daran haben, zusammenzuarbeiten, um sie unter Kontrolle zu halten.

Was beschäftigt Sie gerade persönlich am meisten?

Seit es Tools wie Claude Code gibt, die einigermaßen selbstständig arbeiten können – wenn man ihnen vorher sehr genau sagt, woran sie arbeiten sollen – macht man sich zunehmend Gedanken: Verschenkt man eigentlich die Zeit, in der die KI nichts tut? Sollte man nicht die ganze Zeit irgendwas im Hintergrund laufen lassen, was ein Problem löst?

Ich bemerke das manchmal selbst: Ich bin fertig mit einem Projekt und denke – da könnte ich aber noch was anstoßen. Und ich glaube, wir brauchen da eine Balance. Es tut wahrscheinlich nicht allzu gut, wenn man eigentlich frei hat und dabei die ganze Zeit daran denkt, was der eigene Agent gerade anstellt. Vielleicht brauchen wir neue Vorstellungen davon, wie Arbeit aussieht – in einer Welt, in der Arbeit nicht mehr auf menschliche Arbeit beschränkt ist.

Was werden Sie den Studierenden in Kufstein sagen, wenn sie fragen, welche Fähigkeiten in zehn Jahren noch zählen?

Junge Leute haben gerade tatsächlich einen Vorteil: Sie sind nicht in einer Welt aufgewachsen, in der man davon ausgeht, dass man einfach das Eine macht und das dann für den Rest des Lebens. Dieses Denken ist vorbei.

Die KI-Entwicklung ist so unberechenbar, dass ich mich nicht weit aus dem Fenster lehnen würde und sagen: Das ist es, was Sie lernen müssen. Was ich aber sagen kann: Menschliche Intelligenz wird gebraucht – und besonders die Art, die sich schnell auf neue Probleme stürzen kann, ohne zu sehr an der Vergangenheit zu hängen.

Ihr Buch heißt „Wir, aber besser”. Ist das optimistisch gemeint – oder eher als Auftrag?

Beides, ehrlich gesagt. Ich bin mir nicht sicher, dass die KI-Entwicklung automatisch gut ausgeht. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns überhaupt vorstellen, wie ein gutes Ende aussehen könnte – sonst können wir es gleich lassen. Wir müssen uns fragen: Wenn das Ganze funktioniert, wie sieht das dann aus? Und wenn es einen Auftrag gibt, dann ist es, diesen Optimismus zu verinnerlichen und aktiv daran zu arbeiten, dass er Wirklichkeit wird.

Und wer profitiert von dieser Entwicklung – und wer bleibt auf der Strecke?

Das hängt sehr stark von den Entscheidungen ab, die wir als Gesellschaft treffen. Wenn politisch die nächsten Jahre so laufen wie die letzten zwanzig – bestehende Unternehmen und bestehende Stellen schützen, anstatt neue zu schaffen – dann leiden am stärksten diejenigen, die gerade neu in den Markt kommen. Das ist eine weichere Landung für Ältere, macht die Situation aber ungleich schwerer für alle, die neue Ideen mitbringen – und die brauchen wir gerade dringend.

Wir werden viel menschliche Intelligenz brauchen – aber nicht unbedingt dort, wo sie heute eingesetzt wird. Wer von Stabilität abhängig ist, wird es schwer haben. Wer aber bereit ist, sich zu bewegen, kann profitieren – und das gilt für Europa genauso wie für jeden Einzelnen.

Eine letzte Frage: Was hat Sie in den letzten Monaten wirklich überrascht?

Claude Code. Ich gebe dem Tool mittlerweile Probleme, bei denen ich gar nicht sicher bin, ob es sie lösen kann – und sehr oft tut es das. Ich wollte einmal ein Video downloaden und als MP3-Datei abspeichern. Ich habe es einfach gefragt, und es hat es sofort gemacht. Ich habe nicht mal mehr vollständig verstanden, was im Hintergrund passiert ist. 

Das Bemerkenswerte ist: Viele dieser Aufgaben, bei denen man gar nicht daran denkt, dass KI helfen könnte, gehen auf einmal. Und das erst seit wenigen Monaten. Früher war die Erfolgsquote deutlich niedriger.

Gibt es noch etwas, das Sie als Teaser für Kufstein mitgeben möchten?

Ich glaube, wir unterschätzen KI und überschätzen sie gleichzeitig. Die besten Ergebnisse bekommt man, wenn man sie als etwas betrachtet, das klare Grenzen hat – weil man dann anfängt, um diese Grenzen herum zu arbeiten. Das ist das, was wir brauchen.

Das andere ist: Wir neigen dazu, Dinge als statisch wahrzunehmen. Ich sehe einen Hammer, hämmere damit – und glaube, das ist alles, was er kann. Bei KI funktioniert das nicht. Heute ist es ein Hammer, morgen hat es Funktionen, die es gestern noch nicht hatte. Und die werden nicht erklärt – ich muss sie selbst entdecken. Das kennen wir von keiner anderen Software. Offen zu bleiben und diese Geschwindigkeit einzupreisen: Das ist gerade das Wichtigste.

28. Mai 2026 | AutorIn: Kovacevic Haris | Foto: Andreas Plotzitzka

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