Bevor der im Jänner abgeschlossene Mercosur-Deal überhaupt ratifiziert werden konnte, landete er zur Überprüfung beim Europäischen Gerichtshof. Nun steht bereits der nächste Handelspakt an: Die EU und Indien haben einen Durchbruch in den Verhandlungen gemeldet. Wir schauen, was das Freihandelsabkommen Tirol bringen könnte – und wo die Verbindungen längst da sind.
Das bevölkerungsreichste Land der Erde etabliert sich für heimische Akteure zunehmend als Herkunfts- sowie Absatzmarkt. Mit einer Bevölkerung von fast 1,5 Milliarden Menschen stellt Indien seit einigen Jahren sogar China in den Schatten. Fast eine halbe Milliarde Kinder leben im vorwiegend hinduistischen Staat – etwa gleich viele, wie es Menschen in Europa gibt. Das zeigt schon eindrucksvoll, wie viel Entwicklungspotenzial im Land steckt. Genau das Richtige, um die stockende europäische Konjunktur wieder in Gang zu setzen?
Ende Jänner meldeten Verantwortliche der EU und Indien jedenfalls den Abschluss der Verhandlungen über ein Handelsabkommen. Bis es tatsächlich gilt, dauert es aber noch etwas: Rechtsprüfung, Übersetzungen, EU-Verfahrensschritte.
WKT-Präsidentin Barbara Thaler sieht im EU-Indien-Deal ein positives Signal für neue wichtige Partnerschaften.

WKT-Präsidentin Barbara Thaler erhofft sich indes eine möglichst schnelle Ratifizierung:
„Gerade in einer Phase zunehmender Handelskonflikte brauchen wir neue, verlässliche Partnerschaften. Indien ist eine dynamische Wachstumsregion mit großem Potenzial für unsere Exportwirtschaft. Dass hier eine Einigung gelungen ist, ist ein starkes Signal für die Wirtschaft.“
Und sie liefert auch Zahlen für Tirol:
„Die Tiroler Exporte nach Indien haben sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt und lagen 2024 bei rund 120 Millionen Euro.“
Die Tiroler Importe aus Indien belaufen sich im selben Jahr indes auf rund 110 Millionen Euro – der leichte Handelsüberschuss liegt vermutlich an der starken Tiroler Pharmabranche, die viel nach Ostasien exportiert.

Österreich weist indes ein leichtes Handelsdefizit auf
Laut Prognosen wird das gesamte Handelsvolumen als auch die Wertschöpfung in Österreich durch das Abkommen wachsen. Österreichs Wertschöpfung aus dem Indiengeschäft verdopple sich mittelfristig auf rund 1,3 Milliarden Euro, konnte man etwa in der Tiroler Tageszeitung lesen. Zudem könnten bis zu 5.000 zusätzliche Industriearbeitsplätze entstehen – davon rund 500 in Tirol.
Einordnung der Handelsbeziehungen EU – Indien (2024):
- EU ist mit 11,5 % Anteil zweitgrößter Handelspartner Indiens (hinter China und vor USA)
- Bei Direktinvestitionen: EU als Topinvestor
(132 Mrd. €, 6.000+ Unternehmen) - Gesamtes Handelsvolumen hat sich in 10 Jahren verdoppelt (bei Dienstleistungen wie Telekommunikation oder EDV sogar um 243 Prozent erhöht)
Quelle: Europäischer Rat




Was steckt im Deal?
Im Kern geht’s (vorerst) um Zölle. Die EU spricht davon, dass ein Großteil der EU-Warenausfuhren nach Indien künftig günstiger wird: 96,6 Prozent der Zölle auf EU-Warenexporte nach Indien sollen abgeschafft oder gesenkt und damit rund 4 Milliarden Euro an jährlichen Zöllen gespart werden.

„Für mich ist es sowieso kein richtiges Freihandelsabkommen – dann dürfte es gar keine tarifären oder nicht tarifären Hemmnisse mehr geben. Im Wesentlichen geht es in den ersten Schritten vor allem um die Reduzierung bestehender Zollsätze.“
Stefan Garbislander, Chefvolkswirt der WK Tirol

Politisch werde es im Unterschied zum Mercosur-Deal ruhiger bleiben, zeigt er sich überzeugt, weil „die kritischen Bereiche von vornherein ausgeschlossen sind“. Rindfleisch oder andere Produkte aus der Landwirtschaft seien beim Indiendeal jedenfalls außen vor.

Wo die Verbindungen schon heute bestehen
1. Tourismus
Nische, aber sichtbar
Indien ist in Tirol (noch) kein Massenmarkt – aber die Kurve zeigt nach oben. Im Tourismusjahr 2024/25 gab’s bei indischen Gästen ein Plus von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch weiterhin unter dem Vor-Corona-Niveau. Unterm Strich macht Indien damit weniger als 1 Prozent der gesamten Ankünfte in Tirol aus.

2. Seilbahnen
Tiroler Messe als Plattform für Indiens Infrastrukturpläne

Nitin Gadkari, indischer Minister für Straßenverkehr und Autobahnen, im Gespräch bei der Interalpin 2023
Wer in Tirol Seilbahnen begutachten möchte, geht auf die Interalpin. Die Weltleitmesse gilt zudem als Branchentreff und Türöffner für Zukunftsmärkte – Indien inklusive. „Die Interalpin ist nicht nur eine Messe, sondern ein globales Netzwerk der alpinen Branche“, formuliert es Christian Mayerhofer, Geschäftsführer der Congress Messe Innsbruck.
Vor drei Jahren sei sogar Indiens Verkehrsminister Nitin Gadkari zu Gast gewesen – er eröffnete damals die Messe gemeinsam mit Landeshauptmann Anton Mattle.
Auch im vergangenen Jahr war wieder eine Delegation aus Indien zu Gast. Verantwortliche stellten dabei die Mobilitätsstrategie „Parvatmala Pariyojana“ vor – ein nationales Infrastrukturprogramm, das etwa die Entwicklung mehrerer Seilbahnprojekte vorsieht. Das zeige, wie sehr seilbahnbasierte urbane Mobilitätslösungen im internationalen Kontext an Bedeutung gewinnen, betont Stefan Kleinlercher, Projektleiter der Interalpin.

Interalpin 2025 in Zahlen
36.800 FachbesucherInnen aus 130 Nationen (60 % international)
650 Aussteller aus rund 50 Nationen
- Kernmärkte (USA, Frankreich, Italien, Japan) und Zukunftsmärkte (Indien, Südamerika, Zentralasien)
- Indien präsentierte „Parvatmala Pariyojana“
(Seilbahn-Infrastrukturprogramm)
Warum das Tirol interessiert?
→ Engineering, Betrieb, Sicherheit, Wartung – alles Tiroler Kernkompetenzen!

3. Industrie
„Made in India“ auf Tiroler Art
Während bei Seilbahnen oft Export und Beratung im Vordergrund stehen, drehen andere Tiroler Firmen den Spieß um und gehen vor Ort. Tyrolit hat im letzten Jahr den Grundstein für das erste Produktionswerk in Pune im westindischen Bundesstaat Maharashtra gelegt. Koordiniert wird aus Schwaz.
„Indien ist natürlich ein sehr wichtiger Wachstumsmarkt für uns“, erklärt Tyrolit-CEO Thomas Friess. Er beschreibt Indien im top.tirol-Gespräch als strategischen Standort – nicht nur wegen der Größe, sondern wegen Demografie, Arbeitskräftepotenzial und langfristiger Nachfrage. Besonders wichtig sei die junge Bevölkerung.

Letzten Sommer hat Tyrolit den Bau einer neuen Fabrik in Pune verkündet, in wenigen Wochen wird es bereits in Betrieb genommen.
„Wir produzieren lokal für die lokalen Märkte“, beschreibt Friess den Ansatz der Tyrolit Gruppe in Indien. Aus Schwaz ließe sich zwar bisher ein Teil des indischen Marktes beliefern, aber oft mit langen Lieferzeiten. „Bis die Produkte aus Schwaz nach Indien geliefert werden, dauert es sechs Wochen bis zu drei Monaten“, so Friess. Das habe auch dazu geführt, dass man Aufträge verloren hat.
Tyrolit habe daher – wie auch in anderen Märkten – ein Modell mit Mehrheitsbeteiligung und lokalem Minderheitspartner gewählt. „Wir arbeiten, wenn wir was Neues tun, bevorzugt mit lokalen Partnern“, betont der Geschäftsführer.
Spannend aus Tiroler Sicht ist die Frage, wie viel Produktion und Know-how mit so einem Schritt tatsächlich ins Ausland wandert. Friess versucht hier zu differenzieren. In Indien starte Tyrolit bewusst mit standardisierten Produktlinien für das mittlere Marktsegment. „Wir fangen da vorsichtig an und gehen zunächst nur mit Standardprodukten rein“, sagt er – und ergänzt zugleich den strategischen Standpunkt: „Wir versuchen, Innovation, Technologie und das Know-how möglichst hier in Schwaz zu behalten.“

Tyrolit-CEO Thomas Friess will mit dem Werk in Pune die Präsenz in Indien ausbauen.
Und die Landwirtschaft?
Die größte Skepsis gegenüber großen Handelsabkommen kommt regelmäßig aus der Landwirtschaft – Mercosur hat es gezeigt. Beim Indiendeal wirkt der Widerstand bislang leiser, weil sensible Bereiche eher ausgenommen sein sollen. Trotzdem bleibt die Frage: Wie scharf sind Schutzklauseln – und wie gut funktionieren Kontrollen, Standards und Übergangsfristen, wenn es ernst wird?

Bürokratie als Herausforderung
Selbst wenn Zölle sinken, der Markteintritt in Indien ist kein Spaziergang. Garbislander nennt als größte Herausforderung die Bürokratie. Das sei sicher die größte Hürde. „Da sind Österreich und die EU – trotz der häufigen Kritik – heilig dagegen“, betont er. Aufgrund ihres Staatswesens seien die Genehmigungsprozesse in Indien jedenfalls extrem aufwendig und nicht immer nachvollziehbar.

Was bringt das Abkommen für Tirol?
Die Präsidentin der Tiroler Wirtschaftskammer argumentiert mit Risikomanagement: „In geopolitisch unsicheren Zeiten müssen wir uns breiter aufstellen und Abhängigkeiten reduzieren. Mehrere Standbeine geben Halt – gerade dann, wenn der Wind rauer wird“, betont Thaler.
Das geplante EU-Indien-Abkommen würde die schwächelnde heimische Wirtschaft vermutlich tatsächlich nachhaltig stärken und ist vor allem mit Blick in die Zukunft ein großer Wurf. Ein junger aufstrebender Handelspartner ergänzt sich gut mit dem alternden Kontinent Europa – und wird zumindest Teil der Lösung für die anstehenden Herausforderungen sein. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass neben Arbeitsplätzen auch Know-how nach Indien wandert sowie durch die billigen Importe heimische Unternehmen unter Zugzwang kommen.
Konkrete Chancen für heimische Unternehmen liegen vor allem dort, wo Tirol bereits stark ist: Technologie, Industrie, Infrastruktur-Know-how. Es gilt, diese Stärken gut einzusetzen. Auch im Tourismus könnte Tirol in Zukunft mehr von indischen Gästen profitieren. Potenzielle Touristen und Touristinnen gibt es dort jedenfalls zur Genüge. Und wenn man den Prognosen der kommenden Jahre Glauben schenkt, werden diese im Vergleich auch immer zahlungskräftiger werden.