Was zeichnet gute Führung wirklich aus? Genau dieser Frage widmet sich das top.tirol KLUB-Event im Alpenzoo Innsbruck. Hausherr André Stadler öffnet dabei nicht nur die Türen des Zoos, sondern auch sein persönliches Führungsverständnis. Er erzählt, welche Lehren sich aus dem Tierreich ziehen lassen – und warum er seinen eigenen Stil am ehesten mit dem eines Erdmännchens vergleicht. Vorab haben wir den Zoo-Direktor zum Gespräch getroffen.
Herr Stadler, als Zoologe beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Verhalten von Tieren. Gleichzeitig leiten Sie den Alpenzoo und tragen Verantwortung für viele MitarbeiterInnen. Hat das Wissen über Tierhierarchien Ihren Führungsstil geprägt?
André Stadler: Das hat es auf jeden Fall. Ich arbeite nicht nur mit Tieren, sondern halte auch Fortbildungen für Führungskräfte. Der Ausgangspunkt ist immer derselbe: Der Mensch ist biologisch betrachtet ebenfalls ein Tier. Rund 80 Prozent unserer Kommunikation laufen nonverbal – über Gestik, Mimik, Körperhaltung, Distanz. Sogar die Frage, ob man sich „riechen“ kann, spielt eine Rolle. Durch meine ethnologische Ausbildung bin ich überzeugt, Menschen schneller lesen zu können. Ich merke oft früh, wie wohl sich jemand fühlt – egal ob MitarbeiterInnen oder VerhandlungspartnerInnen.
Kann man das auch als Nichtzoologe lernen?
Natürlich. Es geht weniger um Fachwissen als um Aufmerksamkeit. Wer beginnt, Körpersprache bewusst wahrzunehmen – bei sich selbst und bei anderen –, schärft automatisch seine Wahrnehmung. Das ist kein Geheimwissen, sondern Training.
Heißt das: Gute Führung beginnt mit nonverbaler Kommunikation?
Absolut. Viele Konflikte entstehen nicht durch das, was gesagt wird, sondern durch das Wie. Wie betrete ich einen Raum? Wie sitze ich? Bin ich meinem Gegenüber zugewandt oder schaue ich nebenbei aufs Handy? Solche Details entscheiden darüber, ob Vertrauen entsteht oder Distanz.
Was bedeutet das konkret für Führungskräfte?
Selbstreflexion. Wir unterschätzen oft die Wirkung unserer eigenen Signale. Verschränke ich die Arme? Spreche ich im Befehlston oder erkläre ich meine Gedanken? Lasse ich andere ausreden? Gerade das ist ein verlässlicher Gradmesser für Respekt. Wer ständig unterbricht, sendet Dominanzsignale – meist unbewusst.
Wir unterschätzen oft die Wirkung unserer eigenen Signale.
- André Stadler
Beobachten Sie typische Fehler in Führungsetagen?
Wenn man einmal dafür sensibilisiert ist, erkennt man sie überall. In manchen Meetings wird geredet, nur um das letzte Wort zu haben. Es geht dann weniger um Inhalte als um Status. Das erinnert stark an Alphatiere, die ihre Position markieren.
Braucht es solche Alphatiere überhaupt?
Unbedingt. Ohne Führungspersönlichkeiten würde keine Gruppe funktionieren. Menschen wünschen sich Orientierung. Entscheidend ist nicht, ob jemand führt, sondern wie. Ein Alphatier ist zunächst einmal ein Leader. Die Frage lautet: Bin ich Anführer – oder Vorbild?
Ein anschauliches Beispiel liefern zwei Fußballstars: Cristiano Ronaldo inszeniert sich stark über individuelle Leistung, während Lionel Messi das Spiel stärker im Team denkt und Verantwortung teilt. Beide sind erfolgreich, aber sie verkörpern unterschiedliche Führungsansätze.
Ist Führung also nicht zwangsläufig mit Dominanz verbunden – auch im Tierreich?
Nicht zwingend. Oft setzt sich nicht der Stärkste durch, sondern der Klügste. Auch in der Managementlehre arbeitet man gern mit Tiermetaphern: die Bärenstrategie steht für Ruhe und Kraft, die Erdmännchenstrategie für Organisation und Teamgeist, die Faultierstrategie für Energieeffizienz und Zurückhaltung. Die Natur zeigt: Es gibt kein Patentrezept. Erfolg hängt immer vom Kontext ab.
Welchen Stil leben Sie selbst?
Ich setze auf „Trust-Based Leadership“. Das heißt: Vertrauen von Anfang an. Ich gehe voran und halte meinem Team den Rücken frei. Innerhalb dieses Rahmens dürfen und sollen meine Mitarbeiter eigenständig entscheiden. Wenn ich mich mit einem Tier vergleichen müsste, dann vielleicht mit einem Erdmännchen: sozial, wachsam, gemeinschaftsorientiert.
Im Tierreich existieren unterschiedliche Machtmodelle. Sind matriarchale Systeme erfolgreicher als patriarchale?
Zu sagen, das eine funktioniere besser als das andere, wäre zu einfach. Was nicht bewährt, hätte die Evolution längst aussortiert. Interessant ist aber, dass in vielen Tiergesellschaften Weibchen führen – etwa bei Elefanten oder Orkas. Dort geben erfahrene, dominante Weibchen den Ton an.
Welche Vorteile haben solche weiblich geführten Strukturen?
Es wäre falsch, einzelne Eigenschaften pauschal „weiblich“ oder „männlich“ zu nennen. Nehmen wir die Bonobos: Bei ihnen werden Konflikte oft über soziale Nähe gelöst – nach dem Motto „Make love, not war“. Sexualität dient dort als Ventil, um Spannungen abzubauen. Gleichzeitig haben die Weibchen das Sagen. Aber es gibt nicht das eine Erfolgsmodell. Die Natur ist vielfältig – und genau das ist ihre Stärke.
Was lässt sich daraus für die menschliche Führung ableiten?
Auch hier gibt es kein universelles Erfolgsmodell. Führung hängt immer vom Kontext ab – von der Umwelt, der Aufgabe, der Gruppe. Mal ist Durchsetzung gefragt, mal Erfahrung, mal soziale Intelligenz. Die Natur zeigt uns vor allem, dass Vielfalt kein Widerspruch ist.
Wenn Führungskräfte sich nur eine Sache von Tieren abschauen sollten – welche wäre das?
Aggressionsvermeidung. Tiere eskalieren Konflikte selten bis zum Äußersten. Bevor es zum Kampf kommt, gibt es viele Warnstufen, Signale, Rückzugsmöglichkeiten. Denn ein echter Kampf birgt immer Verletzungsgefahr. Wir Menschen könnten lernen, Konflikte früher zu erkennen und zu entschärfen. Mitarbeiter werden schließlich selten motivierter, wenn man sie anschreit.
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person:
Dr. André Stadler ist ein deutscher Zoologe und seit dem 1. Jänner 2018 Direktor und Geschäftsführer des Alpenzoo Innsbruck. Nach seinem Biologiestudium an der Ruhr-Universität Bochum und der Promotion an der Universität Duisburg-Essen arbeitete er lange als Kurator im Zoo Wuppertal, bevor er nach Tirol wechselte.