Seit mittlerweile zehn Jahren gilt die Werkstätte Wattens als zentrale Anlaufstelle für Start-ups und Unternehmen in Tirol. Nach einigen turbulenten Jahren blickt Geschäftsführer Franz Hyden positiv in die Zukunft und spricht über die in Angriff genommene Neuaufstellung.
Herr Hyden, die Werkstätte Wattens spielt für den gesamten Standort Tirol eine bedeutende Rolle. Wie ist denn die Idee ursprünglich entstanden?
Hyden: Im Dezember 2025 haben wir das zehnjährige Bestehen der Werkstätte Wattens gefeiert. Als legale Einheit gibt es die Destination Wattens Regionalentwicklung GmbH sogar noch länger. Dieser lag die Idee zugrunde, die Region Wattens weiterzuentwickeln. Dabei kam es zu verschiedenen Ansätzen von Verkehrs- bis hin zu Tourismuslösungen. Die Werkstätte Wattens bildete eine weitere Ergänzung.
Swarovski spielt für die Werkstätte Wattens – und auch für Sie selbst – eine große Rolle. Wie hängt das alles zusammen?
Ich bin seit 42 Jahren für Swarovski in unterschiedlichen Funktionen tätig (unter anderem als Geschäftsführer der Werkstätte Wattens gemeinsam mit Wolf-Dietrich Plattner und zukünftig wird Oliver Kandler von mir diese Verantwortung übernehmen). In der Werkstätte Wattens befinden wir uns auf historischem Boden. Sie befindet sich nämlich nicht nur auf dem Swarovski-Werkgelände, sondern hier hat Daniel Swarovski 1895, im Gebäude einer ehemaligen Lodenfabrik, Swarovski gegründet. Vor zehn Jahren nahmen die damaligen Geschäftsführer von Swarovski diese Gründungsgeschichte zum Anlass, diesen Ort für angehende GründerInnen zur Verfügung zu stellen.

Die Werkstätte Wattens galt über Jahre als wichtigste Anlaufstelle für Start-ups aus dem ganzen Land.
Für welche Art von GründerInnen war die Werkstätte Wattens in erster Linie gedacht?
Wir verstehen uns seit jeher als wesentliche Anlaufstelle für Jungunternehmen, da wir eine Infrastruktur bieten, bei der man im Prinzip nur seinen Laptop und eigene Ideen braucht. Man kann sich hinsetzen – allein oder zu zweit oder mit den ersten Mitarbeitenden – die ersten Büros beziehen, andere UnternehmerInnen kennenlernen und damit anfangen, sich etwas aufzubauen. Das finde ich an diesem Ort so spannend. Hier passiert etwas, hier wird gearbeitet und getüftelt, und so machen wir dem Namen „Werkstätte“ auch buchstäblich alle Ehre.
Man kann also sagen, dass die Werkstätte Wattens sich bislang stark auf Start-ups fokussiert hat?
Ja, wobei mir der Begriff ‚Start-up‘ eigentlich gar nicht so gut gefällt. Ich würde stattdessen lieber von ‚Stand-ups‘ sprechen, denn Start-ups geht es doch nicht viel anders als Kindern, die laufen lernen: Die wenigsten laufen von Anfang an perfekt drauflos, die meisten fallen früher oder später hin. Dabei haben sie gar keine andere Wahl, als wieder aufzustehen. Und dazu braucht es eben sichere Strukturen, an denen man sich hochziehen oder festhalten kann. Genau diese Strukturen bieten wir.

Der Coworking-Space ist ein wichtiges Element der Werkstätte.
Wie ist denn die Werkstätte Wattens derzeit intern aufgestellt?
Wolf-Dietrich Plattner und ich tragen die Verantwortung für die Werkstätte Wattens. Unser Team besteht aus vier weiteren Mitarbeitenden. Diese teilen sich die Verantwortlichkeiten für die Technik und die IT-Infrastruktur, die Community und das Beziehungsmanagement, die Mietverträge und die Kosten sowie die kaufmännischen Belange untereinander auf.
Und wie viele Unternehmen beherbergt die Werkstätte aktuell?
Unter unserem Dach finden sich knapp hundert Unternehmen – von Einzelunternehmen bis hin zu größeren Start-ups, die einfach mal ausprobieren wollen, ob ihre Idee funktioniert. Wenn wir alle Köpfe zusammenzählen, kämen wir auf 400 „Mitarbeitende“. Dabei umfasst das inhaltliche Spektrum diverse Beratungsleistungen, Schlossereien, einen Hundesalon, Caterer, Architekten, Filmproduzenten, Marketing-Agenturen oder Green-Tech-Ventures.

Die Werkstätte verfügt auch über eine Produktionshalle.
Gibt es ein Unternehmen, das es Ihnen besonders angetan hat?
Es fällt mir schwer, ein Urteil zu treffen. Ich persönlich finde alle unsere Unternehmen toll und bin auch der Meinung, dass die Tiroler Wirtschaft alle braucht. Dennoch erwische ich mich dabei, dass ich im Moment sehr viel über die Erfinderkinder spreche (lacht). Dieses Unternehmen bietet ein kreatives Bildungs- und Kreativprogramm für Kinder in Bereichen wie Forschen, Kunst, Musik, Zirkus und Technik. In diesem Rahmen heißen wir auch zwei Klassen des Polytechnikums Wattens und Hall willkommen. Somit erfüllen wir in gewisser Weise sogar einen Bildungsauftrag.
Welchen Ort würden sie als den zentralen Ort der Werkstätte Wattens definieren?
Die Küche. Sie ist der tägliche Treffpunkt zu Mittag, wo sich ein Sammelsurium an verschiedenen Leuten mit ganz unterschiedlichen Interessen einfindet. Hier kommt es zu regem Austausch untereinander und auch zwischen uns als Werkstätte-Team und den bei uns angesiedelten Unternehmen. Wir mischen uns hier bewusst unter die Leute, um mit unseren Unternehmen transparenter zu kommunizieren.
Stichwort Transparenz: Man hört ja seit Monaten viele Gerüchte rund um die Werkstätte Wattens. Wird es die Werkstätte denn weiterhin geben?
Ja, die Werkstätte Wattens wird weiter bestehen. Dabei ist es in erster Linie dem genannten Team zu verdanken, dass dieser Ort trotz der Turbulenzen der letzten zwei Jahre stabilisiert werden konnte und unser unternehmerischer Spirit ungebrochen ist. Allerdings mussten wir uns mit den gegebenen Ressourcen neu aufstellen.
Was bedeutet das konkret?
Naja, wir wollen die Werkstätte Wattens in dem Sinn weiterentwickeln, dass wir das, was vorhanden ist, besser nutzen. Die ursprüngliche Grundidee bleibt dabei unverändert.
Bedeutet, sich „neu aufzustellen“ auch, dass die Verträge und Mieten angepasst werden?
Wir bemühen uns redlich, Interessierten entgegenzukommen. Wenn Firmen etwa nur für kurze Zeit Räumlichkeiten für ihr Entwicklungsteam suchen, um ein Projekt über ein halbes Jahr abzuarbeiten, dann wollen wir hier verstärkt flexibler auf die Marktrealitäten reagieren und mit unseren Mietverträgen auf die Bedürfnisse der Unternehmen eingehen. Bei uns sind alle Firmen jederzeit willkommen.
Arbeiten Sie auch mit der WKO und anderen Start-up-Initiativen im Land zusammen?
Das ist sicher ein weiterer Baustein in unserer Weiterentwicklung, den wir zukünftig forcieren wollen. Ziel ist es, möglichst niederschwellig auf uns aufmerksam zu machen, etwa mal mit einem Stand bei Start-up-Days dabeizusein und mit angehenden GründerInnen im lockeren Rahmen ins Gespräch zu kommen. Wir sondieren diesbezüglich gerade unsere Möglichkeiten. Davon abgesehen, fungieren wir gemeinsam mit der Standortagentur Tirol als Gründungsmitglied des FabLab.Tirol und sind auch in das Netzwerk von Startup.Tirol miteingebunden.
Sehen Sie irgendein spezifisches Problem, das der Werkstätte Wattens bei der Neuausrichtung im Weg steht?
Das Angebundensein an das öffentliche Verkehrsnetz ist sicher eines unserer größten Probleme. Bislang haben wir noch keine vernünftige Lösung gefunden. Der Bahnhof Wattens befindet sich auf der anderen Seite der Gemeinde. Wer nicht gerade gern vor und nach der Arbeit ein Workout macht oder bei Wind und Wetter mit dem Rad fährt, kann schnell abgeschreckt werden. Die nächste Bushaltestelle ist zwar nicht ganz so weit entfernt, aber wer die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt, muss auch staufrei zu uns kommen können. Ziel ist es, gemeinsam mit Gemeinde und Land in dieser Hinsicht etwas zu bewegen.
Die Gemeinde Wattens ist ja 2024 als Fördergeberin für die Werkstätte abgesprungen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Von außen mag das dramatisch aussehen, intern ist der Ausstieg aber für uns nachvollziehbar. Das System Gemeinde auf der einen Seite ist nicht immer mit dem System Unternehmen auf der anderen Seite kompatibel, da bestimmte Prozesse einfach komplett anders ablaufen. Das hat aber nichts mit Wattens als Gemeinde per se zu tun, sondern ist eine generelle Beobachtung.
Ist es gerechtfertigt, der Gemeinde oder dem Bürgermeister hier irgendetwas vorzuwerfen?
Überhaupt nicht. Der Bürgermeister hat sich aus seinem Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinde heraus intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Veränderungen, die notwendig waren, und die finanziellen Mittel, die es dafür gebraucht hätte, sind immer im Kontext des jeweiligen kommunalen Handlungsspielraums zu betrachten.
Welche Position hatten Sie persönlich in den Verhandlungen inne?
Ich sage es ganz ehrlich: Vor dem geschilderten Hintergrund war es mein Bestreben – selbstverständlich in enger Abstimmung mit der Gemeinde, dem Bürgermeister und dem Gemeinderat – klare Verhältnisse für die Werkstätte Wattens zu schaffen. Für uns war die Trennung letztlich aber durchaus sinnvoll, denn so gibt es unternehmensintern auch keine politischen Diskussionen mehr.
Fungiert denn das Land Tirol noch als Fördergeber?
Nein.
Wer fördert die Werkstätte dann noch mit?
Öffentliche Gelder gibt es keine mehr. Die Werkstätte ist in den Kontext von Swarovski eingebunden. Swarovski fühlt sich für die Werkstätte Wattens verantwortlich und unterstützt diese finanziell.
Wird Swarovski dann in Zukunft auch stärker im Branding sichtbar sein?
Nein, wir sind und bleiben die Werkstätte Wattens. Auf den Namen sind wir stolz, und wir sind in dieser Hinsicht auch nach wie vor Teil der Gemeinde. Und die Gemeinde wiederum unterstützt unsere Präsenz. Wenn Swarovski im Konzept der Werkstätte Wattens aufscheint, dann geschieht das ausschließlich vor dem Hintergrund des Gründungsmythos.
Was wird konkret in den nächsten fünf Jahren in und mit der Werkstätte Wattens passieren?
Die Vielfältigkeit und Lebendigkeit werden zunehmen. Dabei soll das eine das andere bedingen. Zunächst einmal wollen wir uns noch weiter öffnen für all jene, die Chancen und Möglichkeiten für die wirtschaftliche Umsetzung ihres Business bei uns sehen. Start-ups werden weiterhin zentral sein, aber wir streben gleichzeitig einen größeren Mix der Community an: Auch Rechtsanwälte sollen hier ihre Kanzleien ansiedeln, Ärzte sollen einziehen, langgediente Unternehmensberatungen sollen kommen, noch mehr Handwerker sollen ihre Werkstätten in unseren Räumlichkeiten eröffnen.
Es soll also auch abseits der Jungunternehmer-Szene vielfältiger werden?
Genau. Die Werkstätte Wattens soll Dreh- und Angelpunkt für Unternehmen aller Art werden. Unser Geschäftsmodell dreht sich nicht nur um die Räume, die wir vermieten, sondern um das Ökosystem Wirtschaft in all seinen Facetten. Diesen Bedarf sehe ich in Tirol einfach.
Und was genau meinen Sie mit der Lebendigkeit?
Ich denke, das Homeoffice macht etwas mit uns. Ich persönlich habe den ersten Tag, an dem es in der Pandemie möglich war, außer Haus zu arbeiten, sofort genutzt, um ins Büro zu fahren. Ich hatte zuhause alles, aber die Menschen, die Interaktionen und Gespräche mit anderen haben mir gefehlt. Meiner Meinung nach ist es notwendig, dass wir in den Betrieben unser Sozialleben wieder verstärken. Das sehe ich als echte wirtschaftliche Chance für uns alle. Und gerade die Werkstätte Wattens ist eben nicht nur ein Büro, in dem man seine Stunden abspult, sondern ein Ort, an dem man an und mit anderen wächst.
Vielen Dank für das Gespräch!