Matthias Sutter gilt als eine der wichtigsten Stimmen der Volkswirtschaftslehre im deutschsprachigen Raum. Diese Woche spricht er beim 17. Europäischen Mediengipfel und beim 1. top.tirol KLUB Wirtschaftsgipfel. Mit top.tirol hat er über Geduld, richtige Entscheidungen und die Vorteile des komplizierten Aufbaus der Europäischen Union gesprochen.
Zur Person:
Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Köln und in Innsbruck.
top.tirol: Herr Sutter, Sie haben sich viel mit dem Thema Geduld in Ihrer Forschung beschäftigt. Wie geduldig sind Sie eigentlich selbst?
Matthias Sutter: Ich bin eigentlich ziemlich geduldig. Nicht unbedingt, wenn es ums Zusammenbauen eines Ikea-Schrankes geht. Das gebe ich gerne zu. Aber Geduld ist ja nicht eine Dimension, die man in allen Lebensbereichen immer gleich hat. Sondern es hat viel mit beruflicher Entwicklung, Ausbildung und anderen Dingen zu tun, bei denen man lange dranbleiben muss. Wie man zielorientiert Hürden und Durststrecken überwindet. Das braucht man in der Karriere, sonst kommt man nicht vorwärts.
Wann verlieren Sie die Geduld?
Ich bleibe gern beim Ikea-Kasten: Manchmal hatte ich den Eindruck, es fehlt etwas. Und dann verzweifle ich ein bisschen und frage mich, wo denn nun jetzt diese Schraube bleibt. Bei meinen Ikea-Bestellungen hat noch nie etwas gefehlt. Ich hab nur nicht gut genug geschaut.
Können Sie so einfach es geht erklären, wie sich unser Entscheidungsalgorithmus im Laufe unseres Lebens entwickelt?
Ich werde versuchen, die Frage ein kleines bisschen zu umschiffen: Wir sind gerade dran, mit Volkschulkindern in Bangladesch eine Art Experiment zu machen. Bei Entscheidungen sollen ihnen gewisse Ansätze Orientierung bieten. Wir nennen das Prinzip: Ampelansatz. Einfach erklärt: Ihnen wird ein Problem präsentiert; bei Rot wird noch nichts gemacht, sondern lediglich definiert, was das Problem eigentlich ist und was entschieden werden muss. Gelb heißt, dass das Problem identifiziert wurde und wir schauen können, welche Handlungsmöglichkeiten überhaupt bestehen und welche Vor- und Nachteile sie haben. Grün bedeutet, dass man sich für die Variante entschieden hat, bei der die Relation zwischen Vor- und Nachteilen am günstigsten für einen erscheint, und – das ist ganz besonders wichtig – dass man bereit ist, sie auch in die Tat umzusetzen. Denn es gibt auch Leute, die wissen genau, was das Beste für sie ist, aber sie tun es einfach nicht.
Was ist das Ziel der Übung?
Schnelles, unbedachtes Entscheiden ist nicht gut. Das wollen wir damit beweisen. Im Volksmund sagt man auch, dass man bei wichtigen Entscheidungen eine Nacht drüber schlafen soll. Wir haben das Experiment mit einer Gruppe gemacht, während wir den Ansatz mit einer vergleichbaren anderen Gruppe nicht gemacht haben. Die Kinder, die den Ampelansatz kennengelernt haben, treffen später geduldigere Entscheidungen.
Viele Menschen vertrauen zu sehr ihrer Intuition. Die ist manchmal auch nicht so schlecht, aber in vielen Fällen wird man seine Entscheidung schon einen Tag später bereuen.
Welchen Aspekt verlieren viele Leute, die ansonsten gute Entscheidungen treffen, oftmals aus den Augen?
Andere Menschen um Rat zu fragen. An sich intelligente Leute, die gute und wohlüberlegte Entscheidungen treffen wollen, binden andere manchmal ungern ein. Was aber sehr wertvoll wäre, weil andere Menschen Dinge sehen, die man selbst nicht sieht. Der Mensch trifft nämlich Entscheidungen mit den Infos, die ihm zur Verfügung stehen – selbst wenn das nur ganz wenige sind. Deswegen ist es sehr wichtig, mit anderen Leuten zu sprechen.
Sie haben auch zum Thema Entscheidungsfindung in der Gruppe geforscht. Welche Chancen hat hier Europa aufgrund seiner politischen Struktur in der Zukunft?
Es lassen sich trotz aller Kuriositäten auch positive Aspekte finden. Sonst hätte die EU auch nicht so lange überlebt. Wenn sie in Gruppen Entscheidungen treffen, haben sie höhere Chancen, mehr Informationen zu besitzen, allein weil sie die Fakten aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Das führt aber auch dazu, dass man mehr Zeit braucht. In politischen Prozessen geht es ums Abwägen von Interessen. Das braucht einfach Zeit. Das ist so und ist auch gut so. Wenn einer allein und dann auch noch schnell entscheiden würde, wäre die Entscheidung nicht gut und würde auch nicht unseren demokratischen Prinzipien entsprechen.
Wenn Sie Tirol, Österreich und Europa betrachten. Wo sehen Sie Ihre Chancen im globalen Wettbewerb?
In Kontinentaleuropa haben wir einen unglaublich freien Zugang zur Bildung. Das wissen wir mittlerweile nicht zu Genüge zu schätzen. In Amerika, aber auch in Großbritannien zahlen Sie dafür sehr viel Geld. Bildung ist letztlich der Motor für Wohlstand, denn er führt in seiner Grundidee zu Innovation. Dass wir da aber auch viele Schwächen haben, brauchen wir gar nicht weiter zu eruieren.
Wohlwollend gesehen kann auch die Vielfalt Europas ein Vorteil sein. Wir haben auf relativ kleinem Raum viel Vielfalt. Das könnte durchaus befruchtend sein.