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Neue Spielregeln

Wenn KI Karrieren verschiebt

Neue Spielregeln

Wenn KI Karrieren verschiebt

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Künstliche Intelligenz ersetzt laut KI-Experte Julian Just weniger Jobs als gedacht, aber sie beeinflusst grundlegend, wer sie bekommt und welche Fähigkeiten künftig zählen.

Künstliche Intelligenz verändert Berufsbilder rasant. Die Antwort auf die Frage, was das für die eigene Karriere bedeutet, ist laut Julian Just ernüchternd und ermutigend zugleich. Wer Schlagzeilen zum Thema KI und Arbeit lese, bekomme schnell den Eindruck, dass ganze Berufsgruppen verschwinden würden. Die Realität sei aber komplizierter. Aktuelle Daten würden zeigen, dass junge Beschäftigte in stark von KI, insbesondere LLMs, betroffenen Berufen seit Ende 2022 mit dem Release von ChatGPT deutlich seltener eingestellt werden. Erfahrenere KollegInnen in denselben Berufen hingegen seien gefragter denn je. Die Arbeit selbst verschwinde also nicht, aber wer sie bekommt und was dabei verlangt wird, ändere sich grundlegend. Das gelte für Kundendienst und Marketing genauso wie für die Softwareentwicklung.

 

KI und Arbeit Julian Just fc Institut für Informatik Universität Innsbruck

„Wer weiß, warum ein Problem überhaupt gelöst werden soll, wird gebraucht.“

Julian Just

 

Erkennbare Muster

Als Beispiel hebt Julian Just Letzteres hervor. LLMs würden Codes besonders gut verstehen und EntwicklerInnen seien Early Adopter in der KI-Nutzung gewesen. Die Financial Times habe Millionen von Stellenausschreibungen in den USA und Großbritannien ausgewertet und ein bemerkenswertes Bild entdeckt: Während die Nachfrage nach erfahrenen EntwicklerInnen wachse und deren Gehälter inzwischen fast 15 Prozent höher liegen als vor dem KI-Boom, würden Einstiegsstellen auf historischen Tiefständen verharren. Die Schere gehe auf. Nicht weil Software weniger gebraucht werde, sondern weil KI einen großen Teil der Aufgaben erledigen würde, mit denen man früher als Juniorentwickler­In angefangen habe. Dieses Muster sei in vielen Wissensberufen erkennbar, wie Just ausführt – von der Rechtsberatung über das Finanzwesen bis hin zum Journalismus.

Was an Wert gewinnt

In fast allen Berufen, die stark von Wissensarbeit geprägt sind, lasse sich eine ähnliche Verschiebung beobachten. Aufgaben, die sich klar beschreiben und standardisieren lassen, also das Zusammenfassen von Dokumenten oder das Beantworten wiederkehrender Fragen, würden zunehmend von KI übernommen werden. Was steige, sei der Wert von allem, was sich nicht so leicht automatisieren lasse. Tiefes Anwendungswissen, also das implizite Erfahrungswissen, das durch Jahre der Praxis entsteht, könne durch KI nicht ersetzt werden. Ebenso würden Reflexion, Problemverständnis und die Fähigkeit zur kritischen Einschätzung von Zusammenhängen an Wert gewinnen. „Wer weiß, warum ein Problem überhaupt gelöst werden soll, wer Anforderungen präzise formulieren kann und wer erkennt, wann ein KI-Ergebnis falsch oder unvollständig ist, wird gebraucht“, so der KI-Experte. Eine wichtige Kompetenz sei auch die Fähigkeit zu delegieren, also sicherzustellen, dass ein System oder eine KI alle nötigen Informationen und den richtigen Kontext habe. Dabei würden Rollenprofile zunehmend verschwimmen.

 

„Es geht darum, die richtigen Fragen stellen zu können.“

Julian Just

 

Mensch und KI

Julian Just verweist in diesem Zusammenhang auf Karim Lakhani. Er ist Professor an der Harvard Business School, einer der führenden Forscher zur digitalen Transformation und hat die Formel geprägt: „KI wird Menschen nicht ersetzen. Aber Menschen mit KI werden Menschen ohne KI ersetzen.“ Forschung in seinem Team habe gezeigt, dass Einzelpersonen mit KI-Unterstützung in bestimmten Aufgaben die Leistung ganzer Teams ohne KI erreichen können. Was dabei immer entscheidend bleibe, sei das Urteilsvermögen, das versteht, was die KI produziert, und erkennt, wann sie irrt. Das werfe eine Frage auf, die weit über einzelne Unternehmen hinausgehe: Wie lässt sich sicherstellen, dass der Nachwuchs das tiefe Fachwissen überhaupt noch entwickeln kann, wenn die Einstiegsaufgaben, an denen man früher lernte, zunehmend von KI übernommen werden? Man könne keine erfahrenen Fachleute aus dem Nichts erschaffen. Die Industrie müsste womöglich wieder mehr auf ein Ausbildungsmodell setzen, bei dem Unternehmen bewusst in Nachwuchskräfte investieren, auch wenn diese nicht sofort produktiv seien.

Grundsatzfragen

Grundsätzlich, so Just weiter, müsse nicht jeder neue KI-Trend sofort mitgemacht werden. Jedoch sollte ein Grundverständnis davon, wie KI-Systeme funktionieren, wo ihre Grenzen liegen und wie man sie sinnvoll einsetzt, zur Basiskompetenz werden. Dabei gehe es nicht darum, alles selbst zu programmieren. „Es geht darum, die richtigen Fragen stellen zu können. Woher stammen diese Daten? Wie wurde dieses Modell trainiert? Was kann dieses System gut und wo versagt es? Und welche meiner eigenen Aufgaben kosten viel Zeit, bringen aber wenig echten Wert?“ Außerdem betont Experte Just, dass wir Menschen soziale Wesen seien. Sinnvolle Arbeit, gute Zusammenarbeit mit anderen und das Gefühl, etwas beizutragen, habe einen Wert, den keine KI ersetzen könne. Wer den eigenen fachlichen Kern stärke, KI als Werkzeug integriert und kritisch bleibe, sei gut aufgestellt. Nicht weil die Zukunft vorhersehbar wäre, sondern weil Anpassungsfähigkeit und Urteilsvermögen in jeder Zukunft gefragt seien. Die Richtung, in die sich Arbeit entwickle, entscheiden am Ende nicht nur Algorithmen und technologische Möglichkeiten: „Das entscheiden wir tagtäglich in unserem Tun.“

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Zur Person

Julian Just ist AI & Innovation Expert bei der AI Factory Austria AI:AT am Institut für Informatik an der Universität Innsbruck.

30. Mai 2026 | AutorIn: Markus Wechner | Foto: Shutterstock/Magnific, Institut für Informatik, Universität Innsbruck

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