In Österreich arbeiten rund 120.000 aller Arbeitnehmenden in Vollzeit und zählen trotzdem zu den sogenannten ‚Working Poor‘. Ein soziales Problem wird damit auch zum ökonomischen: Niedrige Einkommen entziehen der Binnenwirtschaft Milliarden an Kaufkraft.
Der aktuelle von der Arbeiterkammer Oberösterreich gemeinsam mit den Forschungsinstituten IFES und FORESIGHT erstellte Arbeitsklimaindex zeichnet ein besorgniserregendes Bild: Während 54 Prozent der in Österreich Beschäftigten angeben, mit ihrem monatlichen Einkommen gut auszukommen, schaffen dies 40 Prozent nur knapp und sechs Prozent – hochgerechnet rund 120.000 Personen – trotz Vollzeitbeschäftigung gar nicht. Frauen, Menschen mit Pflichtschulabschluss und Arbeitnehmende im Tourismus sind dabei besonders betroffen. Erwerbsarbeit scheint somit längst nicht mehr automatisch ein Garant für Existenzsicherung oder gar Stabilität zu sein.
Gesamtwirtschaftliche Bremse
Was im persönlichen Alltag einzelner Betroffener mit fehlenden Rücklagen, Urlaubsverzicht und permanenter finanzieller Unsicherheit beginnt, wirkt sich rasch auch auf die gesamte Volkswirtschaft aus. Die Rechnung ist einfach: Wer jeden Cent zweimal umdrehen muss, konsumiert weniger. Dieser ‚Sparkurs‘ bezieht sich nicht nur auf große Anschaffungen, sondern auch auf den täglichen Bedarf. Und wenn sich die Kaufkraftverluste am Ende summieren, treffen sie eben die Binnenkonjunktur als Ganzes. An einem Tourismus- und Handelsstandort wie Tirol stellt diese Entwicklung ein ernstzunehmendes Risiko dar. Gerade in den ländlicheren Regionen Tirols, die stark von der Konsum- und Kaufkraftbereitschaft der ansässigen Bevölkerung leben, sind die Auswirkungen von sinkender Nachfrage oft sogar unmittelbar spürbar.
Ungleichheiten mit Sprengkraft
Dabei herrschen große Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen und Bevölkerungsgruppen. In der öffentlichen Verwaltung etwa zeigen sich immerhin knapp sieben von zehn Beschäftigten zufrieden mit ihrem Einkommen, im Tourismus hingegen nur weniger als die Hälfte. Dabei schätzen Männer ihre Lage positiver ein als Frauen. Menschen mit Migrationshintergrund geben sich durchwegs pessimistisch. Besonders in Dienstleistungsbranchen mit hoher Teilzeitquote und saisonalen Schwankungen sind Niedriglöhne üblich. Dazu kommt, dass Frauen laut Statistik Austria nach wie vor im Schnitt um 18,3 Prozent weniger verdienen als Männer. Beschäftigte mit Pflichtschulabschluss als höchster Qualifizierung verdienen oft bis zu 20 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen.
Maßnahmen für Kaufkraft und Zukunft
Vor diesem Hintergrund fordert die Arbeiterkammer mehr als nur kurzfristige Entlastungen. Die Inflationsbekämpfung in den Bereichen Energie, Wohnen und Lebensmitteln ist ein wesentlicher Baustein für eine höhere Kaufkraft. Entscheidend ist jedoch, dass Menschen durch Qualifizierung aus dem Niedriglohnsektor herauskommen. Das Nachholen von Lehrabschlüssen, der Anspruch auf Weiterbildung und die Anerkennung von im Beruf erworbenen Kompetenzen sind Investitionen, die sowohl die individuelle Situation verbessern als auch die gesamtwirtschaftliche Stabilität erhöhen. Denn jeder fehlende Euro in den Geldbörsen der ‚Working Poor‘ ist auch ein fehlender Euro für Tiroler Betriebe, für heimische Dienstleistungen und für regionale Wertschöpfung.