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Unsichtbare Teilzeit-Steuer

Wie Österreich sich selbst auffrisst

Unsichtbare Teilzeit-Steuer

Wie Österreich sich selbst auffrisst

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Teilzeit gehört derzeit zu den umstrittensten Konzepten im Land. Österreich weist nach den Niederlanden die zweithöchste Teilzeitquote der EU auf. Doch was, wenn wir die Debatte komplett falsch führen?

Die politischen Schlagzeilen der letzten Monate haben hohe Wellen geschlagen. Von der Idee eines Vollzeitbonus bis hin zur von ÖVP-Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer schwer kritisierten „Lifestyle-Teilzeitwelle“ polarisiert kaum ein Thema wie die Frage, wie viel hierzulande gearbeitet werden soll. Tatsächlich liegt Österreich in Sachen Teilzeitquote im europäischen Spitzenfeld: Laut Statistik Austria arbeiteten 2024 ganze 51,1 Prozent der Frauen und 13,7 Prozent der Männer in Teilzeit. Tendenz steigend. Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein Paradox: Was für den Einzelnen nämlich Freiheit bedeutet, kommt der Gesamtheit teuer zu stehen.

 

Versteckte Kosten

Der ÖVP-Wirtschaftsbund veröffentlichte im August neue Zahlen, wonach 90,4 Prozent aller offenen Stellen als Vollzeitjobs und nur 9,6 Prozent als Teilzeit ausgeschrieben waren. Diese Zahlen belegen, dass die Wirtschaft nach Arbeitskräften dürstet, genau diese Arbeitskräfte dem Markt allerdings die kalte Schulter zeigen. Die Katastrophe scheint vorprogrammiert, denn je mehr Menschen ihre Wochenstunden reduzieren, desto weniger Geld fließt naturgemäß in Sozialversicherung und Budget. Es entsteht unbemerkt ein schwarzes Loch, das kollektiv tausende Biographien verschlingt.

 

Die doppelte Schere

Doch nicht nur das Kollektiv leidet. Auch für einzelne Beschäftigte selbst kann Teilzeitarbeit zur tickenden Zeitbombe werden. Wer weniger arbeitet, zahlt schließlich weniger ins System ein und braucht daher bei sinkenden Pensionsansprüchen im Alter mehr Absicherung. Damit entpuppt sich das Teilzeitmodell als „Zeitschulden-Modell“, das sich in der Zukunft am gegenwärtigen Befürworter rächt. Was im Hier und Jetzt nach Work-Life-Balance aussieht, entwickelt sich möglicherweise auf lange Sicht zu einem sozialen Nachteil.

 

Kulturkampf der Generationen

Während Überstunden früher den wirtschaftlichen Rückgang abfederten, drücken die fehlenden Stunden heute die Staatsbilanz. Viele Babyboomer klagen die mangelhafte Arbeitsmoral der jüngeren Generationen daher mitunter scharf an. Millennials und Vertreter der Gen Z sehen im Teilzeitmodell jedoch keinerlei Makel. Sie feiern die steigende Lebensqualität, die sich aus der gewonnenen Zusatzzeit ergibt. Am Ende ist die Diskussion zwischen den Generationen aber nichts anderes als eine gesellschaftliche Wertorientierung: Wie definieren wir Arbeit und wie viel ist sie uns wert?

 

Österreich als Testlabor

Aufgrund der hohen Teilzeitquote könnte Österreich sowohl als Negativbeispiel als auch als Vorreiter gelten. So oder so existiert in der Realität aber bereits eine ironische Pointe: Österreich hat mit dem Teilzeittrend de facto eine indirekte Teilzeit-Steuer eingeführt. Es bemerkt sie nur niemand, weil sie nicht auf dem Lohnzettel steht. Sie manifestiert sich stattdessen im Budgetloch der Republik und wird letztlich von allen bezahlt, die das System erhalten. Vor diesem Hintergrund drängt sich die Vermutung auf, dass wir die ganze Debatte möglicherweise völlig falsch führen. Vielleicht geht es nämlich gar nicht um mehr Motivation oder mehr Anreize für das Vollzeitmodell. Vielleicht geht es vielmehr darum, wie wir ein Steuersystem schaffen, das neue Arbeitsrealitäten verkraftet.

04. September 2025 | AutorIn: Isabella Walser-Bürgler | Foto: Shutterstock

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