Zu viel Bürokratie, zu wenig Risikokapital – und trotzdem immer mehr Gründungen: Tirols Start-up-Szene ist in Bewegung. Desiree Schier (Unternehmerin und Start-up-Beauftragte der Jungen Wirtschaft Tirol) und Robert Schimpf (Co-Founder sowie Direktor des InnCubator Innsbruck) sprechen mit top.tirol über kurze Wege, starke Netzwerke und Frauen als Gründerinnen.
Frau Schier, Herr Schimpf, wie sind Sie überhaupt in der Start-up-Welt gelandet?
Desiree Schier: Ich bin da ganz klassisch in die Praxis hineingerutscht. Ich habe zehn Jahre bei einem Hotelsoftware-Start-up gearbeitet, war dort angestellt und habe eigentlich alle Abteilungen einmal von innen gesehen – vom Aufbau bis zum Skalieren. Irgendwann habe ich aber gemerkt: Für mich persönlich ist da jetzt eine Wachstumsgrenze erreicht.
Dann habe ich mir gedacht: Was kann schon groß passieren? Und bin gesprungen – mitten in die Selbstständigkeit, mit kleinem Kind zu Hause. Ich habe parallel eine Werbeagentur gegründet und mein Start-up Wependio aufgebaut. Die Agentur ist das, womit ich mein Geld verdiene, Wependio ist sozusagen mein Start-up-Baby. Bei Wependio haben wir mehrmals einen Pivot gemacht bzw. das Geschäftsmodell angepasst – die Agentur ist dagegen von Tag eins an sehr gut gelaufen.
Robert Schimpf: Bei mir ging das stärker über die Universität. Ich war PhD-Kandidat an der Uni Innsbruck, als die Wirtschaftskammer Tirol einen Stiftungslehrstuhl für Innovation und Entrepreneurship finanzierte. Im Rahmen dieser Professur haben wir eine Zukunftsstudie zum Standort Tirol gemacht: Was fehlt? Was braucht es für Innovation und Unternehmertum?
Wir haben eine Crowdsourcing-Plattform aufgesetzt, rund 40 Interviews mit Unternehmen geführt und am Ende eine zentrale Empfehlung entwickelt: Tirol braucht einen klaren Knotenpunkt für Innovation und Entrepreneurship. Diese Idee haben die Uni und die Wirtschaftskammer aufgenommen und gesagt: Macht ein Konzept – und setzt es um. Daraus ist der InnCubator entstanden. 2016 wurde entschieden, das Projekt zu starten, im Oktober 2016 haben wir gegründet.

MitarbeiterInnen des InnCubator im Gespräch: Im Mittelpunkt steht die Unterstützung der GründerInnen.
Wenn Sie heute zurückschauen: Welche Erwartungen an das Unternehmertum in Tirol haben sich bewahrheitet – und welche nicht?
Schimpf: Wenn wir damals mit allen Annahmen in unserer Zukunftsstudie richtig gelegen hätten, dann wären wir nun wohl weltweit sehr gefragt. Einiges zeichnete sich ab: Digitalisierung war damals schon ein großes Thema – allerdings wurde vermutet, dass zuerst einfache „blue-collar“-Jobs wegfallen würden. Jetzt sehen wir Potenziale, die auch Wissensarbeit bzw. „white-collar“-Jobs unter Druck setzen könnten. Zum Beispiel im Recht, der Medizin, Beratung oder Management – es trifft genau jene Bereiche, von denen viele dachten, dass sich diese weniger verändern.
Richtig lag die Studie sicher bei zwei Punkten: Dass der Bedarf an Vernetzung steigt und dass Angebote für Start-ups bzw. Innovationen in einem kleinen Ökosystem gebündelt werden sollten. Genau das ist passiert – mit Strukturen wie der Werkstätte Wattens, IECT, Startup.Tirol, Angeboten von Wirtschaftskammer sowie Hochschulen und eben dem InnCubator.
Schier: Beim Gründen war ich ehrlich gesagt ziemlich naiv. Ich habe mir gedacht: Das probiere ich jetzt – was soll schon passieren? Den Standort Tirol habe ich aber von Anfang an als sehr vernetzt wahrgenommen. Im Guten wie im Schlechten: Wenn du einmal Vertrauen aufgebaut hast, öffnen sich Türen schneller, als du denkst – zu Entscheidungsträgern, Kooperationspartnern und Projekten, die allein nie möglich gewesen wären. Dieses „Wir kennen uns, wir helfen uns“-Mindset ist real und ein riesiger Vorteil für Gründer:innen, die dranbleiben.
Falsch hingegen war meine Annahme, dass man „klein“ denken muss. Da hat sich meine Meinung verändert. Sobald du klar positioniert bist und echte Probleme löst, bekommst du hier genauso Rückenwind für skalierbare Geschäftsmodelle wie in jeder Großstadt.
Zur Person: Desiree Schier

Desiree Schier ist Unternehmerin und Start-up-Beauftragte der Jungen Wirtschaft Tirol. Mit kleinem Kind zuhause wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit, gründete eine Werbeagentur und baute parallel ihr eigenes Start-up Wependio auf.
Zur Person: Robert Schimpf

Robert Schimpf ist Co-Founder und Direktor des InnCubator Innsbruck, der gemeinsamen Gründerschmiede von Universität Innsbruck und Wirtschaftskammer Tirol. Aus der zentralen Empfehlung seiner Zukunftsstudie zum Standort Tirol – es brauche einen Knotenpunkt für Innovation und Unternehmertum – entstand 2016 der InnCubator, dessen Aufbau Schimpf von der Konzeptphase bis heute begleitet.
Was bietet Tirol Gründerinnen und Gründern konkret? Welche Anlaufstellen gibt es – und wer macht was?
Schimpf: In den letzten zehn Jahren ist viel gleichzeitig entstanden: Neben dem InnCubator haben sich die Angebote der Wirtschaftskammer oder der Standortagentur weiterentwickelt, es gibt Startup.Tirol, den Impact Hub und viele mehr.
Unsere Rolle ist dabei relativ klar: Wir sind die erste Anlaufstelle, wenn jemand eine Idee hat und sie ernsthaft zu einem Unternehmen entwickeln will. Unser INNC-Programm ist kein Tagesworkshop, sondern ein strukturiertes Trainingsprogramm von der Idee bis zum Prototypen oder dem ersten Kundenkontakt. Wir arbeiten in Batches, derzeit zwei pro Jahr. Im aktuellen Batch betreuen wir 27 Teams; über das Jahr sind es etwa 60 Teams, aus denen am Ende rund 40 bis 50 Prozent tatsächlich gründen.
Wir legen dabei Wert auf Formate, die den Austausch fördern. Es gibt zum Beispiel ein Expert-Table-Format: eine Art Speed-Coaching mit Alumni und Fachleuten. Wir versuchen immer eine Eins-zu-Eins-Situation zu schaffen: Für jedes Team eine Expertin oder ein Experte, mit dem man sehr konkret an Fragen arbeiten kann. Unser Job ist es, Wissen und Netzwerke zurück in die Community zu spielen.
Schier: In Tirol gibt es einige Institutionen, die gut miteinander arbeiten. In der Wirtschaftskammer findet sich beispielsweise ein eigenes Gründerservice, wo Ideen beleuchtet werden können, ein Förderservice, der bei Förderungen weiterhilft und natürlich die Junge Wirtschaft – das Netzwerk der Gründer:innen und Jungunternehmer:innen.

Als Start-up-Beauftragte der Jungen Wirtschaft Tirol kennt Desiree Schier die Hürden und Chancen der Szene – von der ersten Idee bis zur Skalierung.
Und was fehlt noch im Tiroler Ökosystem – gibt es Lücken?
Schier: Aus Sicht einer Gründerin ist die größte Hürde nach wie vor die Bürokratie. Für die Einrichtung von digitalen Zugängen bei bestimmten Behörden braucht man fast ein eigenes Studium (lacht). Gründung bzw. die Bürokratie dazu ist bei uns mit sehr viel Zeit, Geduld und Nerven verbunden.
Mein Traum wäre eine echte One-Stop-Shop-Lösung: Ich gehe ins Unternehmensserviceportal, gebe meine Daten ein, werde sauber durch den Prozess geführt und bekomme rechtzeitig Hinweise auf Pflichtformulare wie das WiEReG-Formular bei GmbH-Gründungen. Heute ist es eher so, dass viele Dinge erst sichtbar werden, wenn das Finanzamt eine Erinnerung samt Strafandrohung schickt. Das motiviert aus meiner Sicht niemanden zum Gründen.
Aber grundsätzlich muss ich dennoch sagen: Die Start-up-Landschaft hat sich in Tirol zu einem lebendigen Ökosystem entwickelt. Die zahlreichen Anlaufstellen, Programme für unterschiedliche Zielgruppen und Entwicklungsstadien sowie Investment-Netzwerke sind neben den kurzen Wegen ein großer Vorteil. Das ermöglicht eine enge Abstimmung zwischen den Partnern im Ökosystem. Gründer:innen profitieren also von einem hohen Maß an Austausch und Kooperation – sowohl in Innsbruck als auch in den Bezirken, wo das Thema Start-up zunehmend regional verankert wird.
Schimpf: Was wir oft hören, ist der Wunsch nach weniger Aufwand – gerade bei rechtlichen und administrativen Themen. Gleichzeitig ist es schwierig, als öffentliche Stelle zu sehr konkreten Fragen wie Gesellschaftsverträgen oder Beteiligungsmodellen zu beraten. Das reicht nämlich bis weit ins Rechtsgebiet hinein.
Mit Blick auf Europa ist Kapital ein großes Thema: Gerade beim Schritt vom Start-up zum Scale-up ist Risikokapital bei uns deutlich schwerer aufzutreiben als in den USA.
Frau Schier, wie nehmen Sie das Start-up-Geschehen insgesamt wahr – wird trotz angespannter wirtschaftlicher Lage viel gegründet?
Schier: Ja, das sehen wir in den Zahlen der letzten Jahre. 2024 gab es in Tirol fast 3.000 Neugründungen (2023: 3.114; Anm. d. Red.), der größte Anteil im Bereich Gewerbe und Handwerk, gefolgt vom Handel und von Information & Consulting.
Besonders freut mich der Frauenanteil: Im Jahr 2024 wurden knapp 48 Prozent der neuen Unternehmen von Frauen gegründet. Das hat sicher auch mit Netzwerken und Programmen zu tun, die gezielt Gründerinnen adressieren – etwa das „Frau in der Wirtschaft“-Programm der Wirtschaftskammer, oder der regelmäßig stattfindende Female Empowerment Stammtisch von Startup.Tirol. Ich war selbst Teilnehmerin eines solchen Programms, das hat mir sehr geholfen.

Im Laborbereich des InnCubator arbeiten Teams an ihren ersten Prototypen.
Wie haben Sie die Szene als Gründerin erlebt?
Schier: Ich war mit meinem Start-up zusätzlich in der Tech-Branche unterwegs, das ist nach wie vor eher männlich dominiert. Persönlich habe ich aber nie Nachteile erlebt, weil ich eine Frau bin. Ich hatte nicht das Gefühl, anders behandelt zu werden als männliche Branchenkollegen.
Am Ende geht es darum, Probleme von KundInnen zu lösen. Wenn sie merken: Da ist jemand, der mein Problem versteht und es gut löst – dann spielt es keine Rolle, ob dahinter eine Frau oder ein Mann steht. Die Person, die das Problem am besten löst, ist der „Gewinner“ bzw. die „Gewinnerin“.
Herr Schimpf, wie würden Sie die Menschen beschreiben, die bei Ihnen im InnCubator landen? Gibt es die „typischen“ Tiroler GründerInnen?
Schimpf: Wir machen zwar keine Persönlichkeitstests, aber ein gemeinsamer Nenner ist deutlich: eine starke intrinsische Motivation. Die Leute, die zu uns kommen, brennen für ihre Idee. Man spürt diesen Abenteuergeist, diesen Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen.
Typisch „Tirolerisch“ würde ich das gar nicht nennen – wir haben viele TirolerInnen, aber auch viele GründerInnen aus anderen Ländern, etwa aus Deutschland. Wir sind bewusst nicht auf eine Branche festgelegt: Wir sind kein reines Hightech-Programm, sondern offen für alle Geschäftsmodelle – vom digitalen Produkt bis zur physischen Dienstleistung.
Zudem ist für uns wichtig: Erfolg ist individuell. Wir sagen niemandem: „Du musst in drei Jahren tausend Mitarbeitende haben.“ Für manche ist es ein Erfolg, mit einem kleinen Team über Jahrzehnte gut leben zu können. Andere zielen auf schnelles Wachstum und vielleicht einen Exit. Wir sehen uns da nicht als „Helden“, sondern als Katalysator: Wir räumen ein paar Steine aus dem Weg und zeigen, wo weitere Stolpersteine liegen könnten.