Letztes Update: 12.01.2026 um 9:50 Uhr.
Roland Gander, der Chef von Novartis in Tirol, geht gerne neue Wege. Mit top.tirol spricht er über Probleme des Standorts, Veränderungen und die Attraktivität der Pharmaindustrie als Arbeitgeberin – jetzt als gesamtes Interview.
Herr Gander, wenn Sie sich die letzten drei Jahre anschauen: Welche drei Schlagworte würden Sie am besten beschreiben und warum?
Roland Gander: Wachstum, Veränderung und Herausforderung. Wachstum ist an unseren Zahlen ganz klar ersichtlich. Darauf sind wir stolz, vor allem weil es auch den Standort hier in Tirol betrifft. Dieses Wachstum betrifft nicht nur unsere Produktionskapazitäten, in die wir in den letzten Jahren sehr viel investiert haben, sondern auch neue Technologien, die Entwicklung neuer, innovativer Therapien und eine nachhaltige Infrastruktur hier an den beiden Standorten. Insgesamt wurden dazu in den letzten zehn Jahren 1,6 Milliarden Euro ausgegeben.
Die Veränderungen haben wir selbst angestoßen, indem wichtige strategische Entscheidungen getroffen wurden. Ein Beispiel dafür ist die Abspaltung der Generika-Sparte, wodurch Sandoz als eigenständige Firma an die Börse gegangen ist. Seit der Trennung profitieren beide Unternehmen davon, eigenständig zu sein und sich auf ihr Kerngeschäft fokussieren zu können.
Warum war es notwendig, die zwei Bereiche zu trennen?
Novartis hat sich auf die Entwicklung innovativer Medikamente spezialisiert. Die zwei Bereiche Generika und Innovation müssen völlig unterschiedlich gemanagt werden. Daher war das notwendig und richtig, denn sonst trifft man immer wieder Entscheidungen, die entweder die eine oder die andere Seite begünstigen. Oder man trifft Kompromisse, die beide Seiten benachteiligen.
Das klingt nach einem sehr riskanten Unterfangen. War es das riskanteste, das Sie hier bei Novartis erlebt haben? Veränderungen bergen immer irgendwo ein Risiko. So komplex es aber auch scheint, war es gut umsetzbar. Das Risiko, das eine Firma wie Novartis im täglichen Betrieb aufgrund unserer Mission „Wir denken Medizin neu“ trägt, finde ich, ist viel größer. Wir arbeiten täglich daran, neue Wege zu finden, um den Menschen zu einem besseren und längeren Leben zu verhelfen.
Da wir uns ausschließlich auf innovative Therapien fokussieren, investieren wir einen großen Teil des Gesamtumsatzes wieder in die Forschung und Entwicklung. Das ist mit einem enormen Risiko verbunden, denn bei 90 Prozent der Ansätze kommt es zu keinem Erfolg.

Roland Gander ist Geschäftsführer des Novartis Campus Kundl/ Schaftenau. Er ist seit 21 Jahren für Novartis in unterschiedlichen Funktionen tätig. Seit 2022 leitet er außerdem alle Herstellerbetriebe des Konzerns, die biotechnologische Medikamente produzieren.
Gibt es da eine Art Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen globalen Standorten bei Novartis? Wenn ja, welchen Stellenwert nimmt dabei Schaftenau ein?
Natürlich gibt es den. Und ich spreche da auch in meiner Rolle als Verantwortlicher für alle Biotech-Standorte. Und natürlich müssen hier Entscheidungen getroffen werden, die auf der Wettbewerbsfähigkeit von Standorten beruhen. Das heißt, je effizienter und zuverlässiger ein Standort ist, desto leichter fällt die Entscheidung, dort zu investieren und unsere Produkte zu entwickeln und herzustellen. Der Standort Tirol ist derzeit einer der wichtigsten, was diese Biotechnologiesparte anbelangt. Wir haben hier Produktions- und Entwicklungskapazitäten wie nirgendwo sonst im Konzern. Es ist sowohl der größte als auch der modernste Standort im Novartis-Netzwerk. Wir haben gerade vor wenigen Wochen die Eröffnung der neuen Zellkulturanlage in Kundl gefeiert. Was aus meiner Sicht ein weiterer Schritt in Richtung Stärkung des Standortes ist.
Warum entwickelt sich der Standort so gut?
Der Erfolg basiert auf richtigen Entscheidungen und entsprechenden Rahmenbedingungen, die die Voraussetzung für einen erfolgreichen Entwicklungs- und Produktionsstandort in der Pharmaindustrie sind. Wir haben in Europa und in Österreich sehr gute Bildungseinrichtungen. Es sind viele Talente hier, die eine gute Ausbildung genießen können. Außerdem haben wir stabile soziale Verhältnisse, eine gute öffentliche Infrastruktur sowie ein sehr gutes Netzwerk von lokalen Partnerfirmen, die mit uns unsere Investitionen durchgeführt haben sowie den täglichen Betrieb mit unterstützen. Bis vor einigen Jahren hatten wir hier in Österreich auch eine gute Ausgangslage bei der Kosteneffizienz, bei Lohn- und Lohnnebenkosten sowie Energiepreisen – vor allem auch im europäischen Vergleich.
„Innovation darf nicht als Kostenfaktor betrachtet werden,
sondern als Investition in die Zukunft.“
Roland Gander
Und das hat sich geändert?
Was wir seither sehen, ist eine Erosion vieler Bedingungen, die den Standort Europa und vor allem Österreich in der Konkurrenzfähigkeit schwächen. Das fängt damit an, dass wir in Österreich bei neu zugelassenen Medikamenten und Therapien, die auf den Markt kommen, eine extrem lange Zeitdauer haben, bis sie tatsächlich bei den PatientInnen ankommen – PatientInnen in Österreich warten im Durchschnitt 15,4 Monate. In den USA und in Asien geht das viel schneller. 20 Prozent der Arzneimittel, die in den letzten zehn Jahren in den USA eine Zulassung erhielten, wurden entweder nicht für die EU eingereicht oder erhielten hier keine Zulassung. Und von den in Europa zugelassenen Arzneimitteln sind 16 Prozent in Österreich nicht verfügbar.
Das zeigt: Uneinheitlicher, eingeschränkter Zugang für PatientInnen und Wachstumsbegrenzungen bei Arzneimitteln erschweren zunehmend die Bereitstellung neuer Therapien. Zusätzlich ist in Europa, und auch speziell in Österreich, das Preisniveau ein Problem. Neue Produkte und Therapien zu entwickeln, kostet enorm viel Geld. Grundlagenforschungen und klinische Studien sind ebenso kostenintensiv. Der Zeitraum von der Erforschung eines neuen Wirkstoffes bis zur Zulassung umfasst etwa zehn Jahre. Jetzt ist es aber so, dass es Preisdeckelungen und Preisregulierungen gibt, die den Wert von neuen, modernen Therapien für Patientinnen und Patienten und das Sozialsystem nicht anerkennen. Wir müssen unser Erstattungssystem für Innovationen attraktiver und an die sich wandelnde Gesundheitslandschaft anpassungsfähiger machen.
Sehen Sie am Standort auch andere Probleme?
Wir haben auch industriemäßig an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Wir haben in den letzten drei Jahren 28 Prozent höhere Personalkosten pro Kopf finanzieren müssen.
Zusätzlich leiden wir unter sehr hohen Energiekosten und einer der höchsten Inflationswerte der EU. Dadurch sind die Stückkosten von in Österreich hergestellten Medikamenten stark gestiegen, was den Standort wiederum im internationalen Vergleich schwächt und viele Konzerne dazu veranlasst, darüber nachzudenken, woanders zu investieren. Dieser Entwicklung muss von der Politik schnell und entschlossen entgegengewirkt werden, um dem Wirtschafts- und Pharma-Standort Tirol und Österreich einen nachhaltigen strategischen Nachteil zu ersparen.
Der Ruf der Pharmaindustrie hat in der öffentlichen Wahrnehmung im selben Zeitraum sehr leiden müssen. Viele Leute haben eher das Gefühl, dass ihre Löhne kaum steigen, die Medikamentenpreise aber sehr. Was antworten Sie diesen Leuten?
Ich glaube, man sollte bei allen Diskussionen immer versuchen, bei den Fakten zu bleiben. Je schneller neue Therapien die PatientInnen erreichen, desto größer ist der gesundheitliche und gesellschaftliche Nutzen. Verzögerungen kosten nicht nur Lebensqualität, sondern gefährden auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Innovation darf daher nicht als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als Investition in die Zukunft: Sie schafft gesunde Lebensjahre, entlastet Gesundheitssysteme und stärkt den Standort.
Wir müssen jetzt handeln und Rahmenbedingungen für schnellen Zugang und faire Preisgestaltung schaffen, um nicht nur medizinischen Fortschritt, sondern auch wirtschaftliche Stabilität und Arbeitsplätze langfristig zu sichern.

Können Sie uns sagen, woran Novartis gerade arbeitet?
Wir fokussieren uns auf therapeutische Kernbereiche mit hohem ungedecktem medizinischem Bedarf unter den PatientInnen: Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen, Immunologie, Neurowissenschaften und Onkologie. Und wir fokussieren uns auf Technologieplattformen, die modernste, innovative Therapien ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Radioligandentherapie. Die liefert neue Ansätze zum Beispiel in der Prostatakrebstherapie. Es handelt sich dabei um eine zielgerichtete Strahlentherapie auf zellulärem Niveau. Man bringt Strahlung zielgerichtet zu Krebszellen, bestrahlt also von innen mit einem radioaktiven Arzneimittel und nicht von außen mit einem Gerät.
Wie attraktiv ist die Pharmaindustrie für junge Leute? Oder anders gefragt: Spüren Sie den Fachkräftemangel?
Wir haben schon vor vielen Jahren erkannt, dass Ausbildung ein enorm wichtiger Faktor für unseren Erfolg ist. All die neuen, innovativen Dinge, die wir hier entwickeln, sowohl auf der Produktebene als auch in der Herstelltechnologie basieren im Endeffekt auf Expertise, Know-how und dem großartigen Engagement unserer Mitarbeitenden bei Novartis in Österreich.
Wir sind einer der größten privaten Arbeitgeber hier in Tirol und unsere Standorte in Kundl und Schaftenau zählen dabei auch zu den größten Ausbildungsbetrieben in der Region. Wir sind sehr stolz auf unsere Mitarbeitenden und unsere Lehrlinge. Über 100 ausbildungsplatzverantwortliche Personen und mehr als 20 Führungskräfte betreuen durchschnittlich 90 Lehrlinge pro Jahr (über alle Lehrjahre). Und vier von fünf Lehrlingen werden nach ihrem Abschluss als Mitarbeitende im Unternehmen übernommen und können eine Karriere als Fachkraft verfolgen. Wir legen generell auch sehr viel Wert auf die Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir pflegen eine sehr enge Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachhochschulen, aber auch anderen Bildungseinrichtungen, die wir immer wieder besuchen, um dabei sowohl Jobs und Rollen, die wir hier anbieten, als auch Technologien an die Studierenden und SchülerInnen heranzutragen und vorzustellen, damit das Interesse geweckt wird. Zusätzlich hat Tirol landschaftlich und in der Freizeit sehr viel zu bieten, was den Standort attraktiv macht.
Insgesamt arbeiten bei Novartis an unseren drei österreichischen Standorten KollegInnen aus 73 Ländern zusammen. Diese kulturelle Vielfalt bringt unterschiedliche Perspektiven, Ideen und Erfahrungen zusammen – und genau das macht Innovation möglich.
„Was mir in meiner Karriere immer enorm
geholfen hat, ist, dass ich aus dem Betrieb
heraus komme.“
Roland Gander
Welchen Skill als Führungsperson würden Sie als Ihren wichtigsten bezeichnen?
Einen herauszupicken, ist vielleicht ein bisschen schwierig. Aber ich probiere es mal so: Was mir in meiner Karriere immer enorm geholfen hat, ist, dass ich aus dem Betrieb heraus komme. Das heißt, ich verstehe nicht nur diese geschäftlichen Aspekte auf hoher Ebene, weil die habe ich Schritt für Schritt dazugelernt. Ich bin immer noch auch Molekularbiologe. Ich kenne mich in der Technologie aus. Dadurch kann ich die Verbindung zwischen den geschäftlichen Zielen und dem, was man wie umsetzen muss, besser abstecken.
Vielen Dank für das Gespräch!