strukturelle Schieflage
2.500 Industriearbeitsplätze verloren: Tirol steht industriepolitisch am Scheideweg
strukturelle Schieflage
2.500 Industriearbeitsplätze verloren: Tirol steht industriepolitisch am Scheideweg
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In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat die Tiroler Industrie über 2.500 Arbeitsplätze verloren – ein Weckruf, den IV-Tirol-Präsident Max Kloger beim Neujahrsempfang der Industriellenvereinigung in Hall mit deutlichen Worten untermauerte.
Was die Statistik als Ende der Rezession verkaufe, sei in Wahrheit Deindustrialisierung in Echtzeit. Die Ursachen ortet Kloger in überbordenden Kosten, veralteten Strukturen und einem ungleichen europäischen Wettbewerb – und er fordert einen radikalen Kurswechsel, wenn der Standort nicht weiter an Substanz verlieren soll.
„Wir sind zu teuer geworden – nicht schlechter“
Klogers Diagnose ist unmissverständlich: Die Abwanderung industrieller Arbeitsplätze sei kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis einer strukturellen Schieflage. Während Österreichs Lohnstückkosten seit 2016 um 34,6 % gestiegen sind, wuchs die Produktivität nur um 5,1 %. Diese Lücke drohe zur produktionsökonomischen Falle zu werden: „Die Kosten steigen, die Margen schrumpfen, die Investitionen bleiben aus – und wir fallen technologisch zurück.“ Der Befund trifft einen Nerv, denn vielen Unternehmen fehlen mittlerweile die Mittel für Erneuerung und Innovation. Der Maschinenpark altert, während andere Standorte massiv aufrüsten.
Standortnachteile gegenüber Deutschland verschärfen die Krise
Einen besonders bitteren Vergleich zog Kloger mit dem deutschen Standort: Während Österreichs Betriebe die Energiewende über ihre Stromrechnungen finanzieren, übernimmt das in Deutschland der Staat – 29,5 Milliarden Euro schwer ist dort das Strompreispaket für 2026. „In Deutschland zahlt der Finanzminister den Netzausbau, bei uns der Mittelstand“, bringt es Kloger auf den Punkt. Diese Wettbewerbsverzerrung gefährde nicht nur den österreichischen Industriestandort, sondern auch die Integrität des Binnenmarktes.
Bürokratiekosten und lähmende Verfahren
Auch im Inneren sieht Kloger Reformbedarf: Mit geschätzten 15 Milliarden Euro Bürokratiekosten jährlich zählt Österreich zu den teuersten Verwaltungssystemen Europas. Besonders Genehmigungsverfahren werden zum Produktivitätshemmnis – selbst bei digitalen Plattformlösungen wie dem Tirol Konvent. Klogers Forderung: mehr Handlungsspielraum für Behörden, weniger Verwaltungsdenken und ein klares Commitment zu unternehmerischer Ermöglichungskultur.
Innovationskraft und neue Märkte als Schlüssel
Trotz aller Kritik formuliert Kloger eine klare Strategie für den Weg aus der Krise: Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung und Automatisierung sowie die Erschließung neuer Märkte. Global sieht er Chancen durch Handelsabkommen wie Mercosur, das endlich ratifiziert werden müsse. Regional lockt vor allem Deutschland mit riesigen Investitionsprogrammen – etwa dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr und dem umfassenden Infrastrukturbedarf der Deutschen Bahn. Tiroler Betriebe, so Kloger, könnten hier mit Know-how und Nähe punkten – sofern die Rahmenbedingungen stimmen.
Jänner 2026 wird zum industriepolitischen Prüfstein
Entscheidend werden nun die nächsten Wochen, in denen die Bundesregierung ihre neue Industriestrategie präsentieren will. Für Kloger steht fest: „Jetzt zeigt sich, ob die Politik den Ernst der Lage verstanden hat.“ Es gehe nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit, sondern um den Erhalt von Wertschöpfung, Innovationsfähigkeit und industrieller Souveränität in Österreich. Der Appell ist klar: „Wir müssen den Standort wieder auf Erfolg programmieren – oder wir verlieren ihn.“
Fazit:
Tirols Industrie kämpft mit massiven Jobverlusten, einem toxischen Kostenmix und systemischen Wettbewerbsnachteilen. Der Standort braucht mehr als kosmetische Korrekturen: gefordert ist eine tiefgreifende Neuausrichtung in Richtung Produktivität, Marktöffnung und fairer Rahmenbedingungen. Ob die Politik diesen Kurswechsel wagt, wird sich an der neuen Industriestrategie zeigen – und am wirtschaftlichen Überleben ganzer Branchen.