Lehre – Imagewandel

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Auch theoretische Inhalte sind Teil der dualen Ausbildung.

Lehre – Imagewandel

Auch theoretische Inhalte sind Teil der dualen Ausbildung.

Noch nie war die Situation am Arbeitsmarkt für Lehrsuchende so gut. Warum sich trotzdem nicht mehr junge Leute für eine Lehre entscheiden, welche Rolle dabei die Eltern spielen und wie das Problem gelöst werden kann.

Die Tiroler Wirtschaft ächzt unter dem Fachkräftemangel. Verzweifelt suchen heimische Unternehmen nach Lehrlingen. Seit vergangenem Jahr übersteigt die Zahl der offenen Lehrstellen die der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen – und sie klettert weiter. Laut AMS sind aktuell zehn Prozent mehr Lehrstellen unbesetzt als 2021. Das zeigt, wie drastisch die Situation inzwischen ist.

Dass sich Stand Ende Oktober 4,4 Prozent mehr Tiroler Jugendliche als letztes Jahr dazu entschieden haben, eine Berufslehre zu beginnen, ist dabei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir haben zu wenige Menschen, die wir ausbilden können“, sagt der Fachkräftekoordinator der Wirtschaftskammer Tirol, David Narr. Schuld sei der demografische Wandel. „Seit gut 15 Jahren verzeichnen wir geburtenschwache Jahrgänge“, so Narr. Während der Anteil der Lehrlinge gemessen an den Geburtenzahlen relativ konstant ist, sinkt die Summe der Auszubildenden seit Jahren kontinuierlich ab. Waren es 1980 noch über 5.800 junge Menschen, die in Tirol eine Lehre begonnen haben, sind es heuer nur noch gut 3.300. Im gleichen Zeitraum sind die Geburten allerdings ähnlich stark gesunken, sodass der prozentuale Anteil in etwa gleich geblieben ist.

Rund die Hälfte der Jugendlichen entscheidet sich für eine Lehre. Der Geburtenrückgang sei laut Bernd Gössling aber nur eine Seite der Medaille. Er forscht am Institut für Organisation und Lernen der Universität Innsbruck und sieht noch einen zweiten Grund für den Lehrstellenüberschuss: „Langfristige wirtschaftliche Veränderungen wie die Digitalisierung oder die Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaft erhöhen den Bedarf an Fachkräften.“ In Kombination mit konstantem Wirtschaftswachstum sorgen diese für eine große Ausbildungsbereitschaft unter den Betrieben.

Vererbte Bildung

Um mehr junge Menschen dazu zu bewegen, eine Lehre zu absolvieren, werde laut Narr viel Zeit und Geld in die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses gesteckt. Zu einem signifikanten Anstieg der Lehrlingszahlen hat das bisher aber nicht geführt. Einen Grund dafür sieht Sabine Platzer-Werlberger, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Tirol, im Vererben der Bildungszugänge: „Überproportional viele Arbeiterkinder machen eine Lehre, wohingegen nur sieben Prozent aller Berufsschüler Akademikereltern haben.“ Diese Zahlen legen die Schlussfolgerung nahe, dass die Lehre bei AkademikerInnen keinen guten Ruf genießt. „Bei vielen herrscht immer noch der Irrglaube, dass nur ein Studienabschluss eine Karriere ermöglichen kann“, bestätigt Narr.

Laut Gössling sei die Studienlage zum Image der Lehre zwar schlecht, aber bei der Interpretation der Forschungsergebnisse sei es wichtig, zwischen dem Image als „kollektiv geteiltem Assoziationsmuster“ und den tatsächlichen Gegebenheiten der Lehre zu unterscheiden. Auffällig sei, dass bei denen, die selbst eine Lehre gemacht haben, die Vorstellungen differenzierter seien und „Familien aus dem Arbeitermilieu dementsprechend die Lehre in der Regel besser bewerten als Akademikerfamilien“, so Gössling. Das bestätigt auch eine Studie der Arbeiterkammer aus dem Jahr 2017. Lehrlinge selbst bewerten die Attraktivität der Ausbildung überwiegend als positiv – 1,7 auf einer Skala von 1 (sehr attraktiv) bis 4 (nicht attraktiv). Jugendliche, die keine Lehre geplant hatten, vergaben nur eine Note von 3,5. Als Haupteinflussfaktor bei der Berufswahl wurden die Eltern genannt.

Veraltetes Image?

„Es gibt immer noch dieses veraltete Bild der Lehre, das vor allem viele Eltern im Kopf haben“, sagt Narr. Dieses stamme aus einer Zeit, als Handys noch so groß waren wie Koffer und die Qualität noch nicht im Zentrum der Ausbildung gestanden habe, so der Fachkräftekoordinator. „In den Achtzigern gab es eine absolute Talfahrt des Images der Lehre“, ergänzt Platzer-Werlberger. „Damals war es über weite Strecken kein Ausbildungsverhältnis. Stattdessen wurden Lehrlinge zu oft als billige Hilfskräfte gesehen.“ Das habe sich in den letzten Jahren aber deutlich ins Positive gewandelt. Laut Narr würden heute weder die ausbildenden Betriebe noch die Lehrlinge sich selbst überlassen.

Allerdings gaben im österreichischen Lehrlingsmonitor 2022 rund ein Drittel der Lehrlinge an, häufig Tätigkeiten erledigen zu müssen, die nicht zu ihrer Ausbildung gehören. Außerdem müssen 17 Prozent der Auszubildenden immer wieder unfreiwillige Überstunden leisten. „Es gibt leider Lehrbetriebe, die man zur Begründung für ein schlechtes Image heranziehen könnte“, meint Gössling. Ein von manchen geteiltes schlechtes Image werde jedoch den vielen Lehrbetrieben nicht gerecht, die eine hervorragende Ausbildung, Aufstiegsmöglichkeiten und überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten bieten. „Jedes Image ist ein Stereotyp und eine Vereinfachung“, so der Wissenschaftler, „deshalb kann es bei der Berufswahl zu Problemen kommen, wenn den vereinfachten gesellschaftlichen Bildern nicht eigene, reflektierte Erfahrungen entgegengestellt werden.“

Verschiedene Ansätze

„Wenn wir das Fachkräfteproblem lösen wollen, müssen wir die Lehre attraktiver machen“, meint Gössling. Das ginge nur über die Qualität der Ausbildung. Er fordert: gute Betreuung, spannende Aufgaben, Eingehen auf individuelle Besonderheiten und in manchen Bereichen bessere Arbeitsbedingungen. Die öffentliche Wahrnehmung ändere sich aber nicht allein durch Werbung und Kampagnen. Es brauche begleitete und kontrastreiche Erfahrungen im mehrjährigen Prozess der beruflichen Orientierung, damit junge Menschen sich in verschiedenen Situationen selbst neu erleben und auf dieser Basis gut informierte Entscheidungen treffen können, so Gössling. Dabei sieht er unter anderem die Lehrbetriebe in der Pflicht: „Unternehmen, die Lehrlinge gewinnen wollen, müssen Praktika anbieten und sich bei Schultagen und Berufsmessen präsentieren, um Jugendlichen Erfahrungen in der Praxis zu ermöglichen.“ Darüber hinaus sei das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Schulen, Eltern und Kommunen müssen das Problem laut dem Experten gemeinsam angehen.

Zudem sieht Platzer-Werlberger die Wurzel des Lehrlingsmangels im Bildungssystem: „Die Teilung der Schüler findet zu früh statt.“ Laut ihr sollten die SchülerInnen länger gemeinsam unterrichtet werden. Das würde gleich zwei Probleme lösen. Zum einen seien die SchülerInnen dann eher in der Lage, einen eigenen Berufswunsch zu entwickeln, und zum anderen würde es eine einheitliche Allgemeinbildung gewährleisten, so Platzer-Werlberger. Denn aktuell schafft fast ein Viertel der Auszubildenden seine Lehrabschlussprüfung nicht.

Narr betrachtet die Aufgabe, Maßnahmen zu ergreifen, auch als politisches Thema. Die Lehre könne zum Beispiel durch die Einführung von Prämien für ausgezeichnete Erfolge bei Meister- oder Befähigungsprüfungen aufgewertet werden. Außerdem will er eine Gleichstellung der Ausbildungsformen: „Wir brauchen eine Gleichwertigkeit zwischen den auf die Lehrausbildung aufbauenden Abschlüssen und schulisch akademischen.“

Migration als Chance

Worin sich alle drei einig sind, ist die Rolle der Migration bei der Bekämpfung des Lehrlings- und Fachkräftemangels. „Geflüchtete Personen müssen ernsthaft und frühzeitig in die Lehre integriert werden“, sagt Platzer-Werlberger. Auch David Narr findet, dass über den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte aktiv nachgedacht und passende Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. „In der Mehrheit der Betriebe sind Beschäftigte mit diversen Migrationshintergründen längst angekommen“, meint Gössling.

„Wenn es nicht gelingt, jungen Menschen auf neue Weise zu zeigen, welche Möglichkeiten sich ihnen durch eine Lehrausbildung erschließen, werden manche vielleicht Bildungsentscheidungen treffen, die nicht in ihrem eigenen Interesse liegen“, so der Universitätsprofessor. Manche würden das später erkennen. So gebe es eine große Zahl von WechslerInnen aus der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen in die Lehre. Auch Modelle wie „Lehre nach Matura“ und die „duale Akademie“, die sich an MaturantInnen richtet, nähmen an Bedeutung zu. Gösslings Einschätzung sei aber durchaus positiv: „Betriebe, die an ihrer Innovationsfähigkeit arbeiten und flexibel agieren, werden auch weiter attraktiv für junge Leute sein.

Eine schnelle Lösung für den Lehrlingsmangel gibt es also nicht. Vielmehr muss an mehreren Stellschrauben gedreht werden, um die Lehre zum einen attraktiver zu machen und zum anderen die Qualität und Vorteile einer dualen Ausbildung in der Wahrnehmung der Gesellschaft zu etablieren.

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  • Sabine-Werlberger

    Sabine Platzer-Werlberger Seit über 20 Jahren ist die heutige stellvertretende Geschäftsführerin im AMS Tirol tätig. Durch ihre langjährige Erfahrung kennt sie sich bestens mit dem Arbeitsmarkt und der Lehre in Tirol aus.

  • Bernd-Gossling

    Bernd Gössling ist Professor am Institut für Organisation und Lernen der Universität Innsbruck. Er forscht im Bereich Wirtschaftspädagogik und ist wissenschaftlicher Experte auf dem Gebiet der Ausbildung.

  • Narr-David

    David Narr ist als Fachkräftekoordinator bei der Wirtschaftskammer Tirol tätig. Mittlerweile arbeitet der ehemalige Geschäftsführer der WKT hauptberuflich beim Kaffeeautomatenhersteller Holly.



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