Corona treibt die Forschung an mRNA-Krebsimpfstoffen voran

Es gibt noch immer die Skepsis vieler Menschen gegenüber den mRNA-basierten Corona-Impfstoffen von Pfizer oder Moderna. Sie fühlen sich als Versuchskaninchen einer total neuen Technologie. So neu ist diese Technologie aber doch gar nicht?

Wollmann: Die Wahrnehmung ist, dass dies etwas ganz Neues ist und die Wissenschaft Meilensteine in Sekunden geschafft hat. Aber in Wahrheit geht diese Idee auf die 80er-Jahre zurück. In den späten 90er-Jahren wurden dann die grundlegenden Meilensteine gesetzt, damit diese Technologie überhaupt funktioniert. Bereits seit 20 Jahren können wir die mRNA-basierte Plattform für die Anwendung nutzen. Diese Plattform ermöglicht uns aber nicht nur, die Technologie für Impfstoffe anzuwenden, sondern auch z. B. zum Ersetzen von kaputten Eiweißen oder wenn bestimmte Enzyme fehlen – also als Genersatztherapie.

Haben die Corona-Impfstoffe jetzt eigentlich auch die Krebsvakzine-Entwicklung weitergebracht?

Wollmann: Die großen Herausforderungen für die Krebsimpfung bleiben uns noch, die Wissenschaft der Krebsvakzine-Entwicklung hat eher indirekt von der Entwicklung der Corona-Impfstoffe profitiert. Zum einen ist die Produktion von solch hochtechnologischen Produkten eine ganz große Herausforderung und die Entwickler haben hier in kürzester Zeit viel gelernt. Zudem haben die Menschen nach milliardenfacher Anwendung dieser ­mRNA-basierten Corona-Impfstoffe gesehen, dass sie im weiten Sinn gut verträglich sind. Das hilft auch bei Krebspatienten die Skepsis abzubauen, die bisher oft dazu geführt hat, dass man für klinische Krebsstudien nicht genügend Teilnehmer gefunden hat. Wir haben über die Anwendung dieser Impfstoffe viel gelernt und können den Menschen sagen, mit welchen Impfreaktionen sie eventuell rechnen müssen. Dazu kommt, dass die Entwicklung von Krebsmedikamenten und damit auch therapeutischen Impfstoffen und Studien extremst teuer sind. Die Entwicklerfirmen haben jetzt durch ihre Corona-impfstoffe viel Geld eingenommen, wovon ein Großteil zurückfließt in die Krebsforschung . Dadurch können mehrere klinische Studien zu unterschiedlichen Tumoren parallel laufen.

Was sind diese großen Herausforderungen?

Wollmann: Der Ansatz für die Krebsimpfung ist wesentlich komplexer als die Impfung gegen einen Krankheitserreger. Das Immunsystem schützt uns vor allem, was fremd ist und gibt darauf seine Immunantwort, das heißt, es bekämpft den Eindringling. Viren, Bakterien und Pilze werden als immunologisch fremd und damit als Eindringlinge wahrgenommen. Bei der Krebsimpfung liegt aber die ganz, ganz große Herausforderung darin, dass das Immunsystem den Tumor an sich nicht einfach als fremd erkennt. Als fremd werden insbesondere Neoantigene gesehen, mutierte Eiweiße in bestimmten Tumoren. Bei ihnen muss man mit der Impfung ansetzen. Diese Mutationen sind aber in Tumoren eine Zufallsentwicklung und jeder Patient hat auch andere Mutationen. Zudem können Tumore bis zu 100.000-mal mutieren. Ich brauche also eine mutationsspezifische Impfung, die personalisiert und damit auf jeden einzelnen Krebspatienten genau zugeschnitten ist.

Und hierfür eignen sich die mRNA-basierten Impfstoffe am besten?

Wollmann: Ich kann für einen Patienten mit einem fortgeschrittenen bösartigem Tumor keinen Impfstoff über Monate entwickeln, ihn dann testen und danach auf die Zulassung warten. Da vergeht zu viel Zeit und der Tumor mutiert indessen weiter. Bei der mRNA-Technologie kann ich dagegen die bereits vorhandene generelle Impfstoffplattform hernehmen, personenspezifische Anpassungen vornehmen und den Impfstoff nach vier Wochen beim Patienten einsetzen. Das ist der große Erfolg der mRNA-Technologie.

Bisher gibt es die personalisierte Krebsimpfung nur in klinischen Studien. Wann rechnen Sie mit der Zulassung?

Wollmann: Es laufen viele parallele Studien, ich gehe von drei bis fünf Jahren aus.

Zur Person

Guido Wollman: Der studierte Mediziner arbeitete an der Yale University (New Haven, USA) an der Entwicklung einer onkolytischen Virentherapie gegen das Glioblastom. Seit 2017 leitet er das Christian-Doppler-Labor für Virale Immuntherapie von Krebs an der MedUni Innsbruck.

Corona treibt die Forschung an mRNA-Krebsimpfstoffen voran
Gute Neuigkeiten vor dem Weltkrebstag am 4. Februar. Guido Wollmann rechnet mit einer Zulassung von mRNA-Krebsvakzinen in drei bis fünf Jahren.

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