Die Kunst des Kommunizierens

Für Menschen mit sprachlicher Beeinträchtigung können Alltagssituationen zur Belastung werden. Ein Projekt der fh gesundheit bemüht sich nun um Aufklärung ihrer Gesprächspartner.

Gespräche im Fachhandel oder auf Ämtern sind gelegentlich schon für Menschen mit uneingeschränktem Sprachvermögen eine Herausforderung. Muss man sein Anliegen auch noch mit einer Sprachstörung vorbringen, ergeben sich schnell kommunikative Hürden für beide Seiten. Ein Projekt der fh gesundheit in Innsbruck unter der Leitung von Dr. Anja Wunderlich-Roßmair möchte dem Abhilfe  schaffen. Man konzentriert sich nicht direkt auf die Betroffenen, sondern auf jene Angestellten, die ihnen gegenüberstehen. Das hat laut Wunderlich-Roßmair einen guten Grund: „Die nicht betroffenen Gesprächspartner spielen für das Gelingen der Kommunikation eine wichtige Rolle.“

Hemmschwelle

Das Projekt, das von der fh gesundheit durchgeführt und von der Tiroler Wissenschaftsförderung unterstützt wird, ist derzeit in der ersten von zwei Phasen. Zunächst werden mittels Online-Fragebogen Mitarbeitende aus Handel und Dienstleistungsbetrieben, in denen mündliche Kommunikation unumgänglich ist, zu ihrem Wissensstand rund um sprachliche Beeinträchtigungen befragt. Außerdem wird erhoben, ob es schon Kontakt mit sprachlich Beeinträchtigten gab und in welchem Kontext. Bestätigen die Teilnehmenden, dass es entsprechende Gesprächssituationen gab, wird nachgehakt. Wie viel wissen die Menschen wirklich über einzelne Störungsbilder?

In der zweiten Phase soll nach der Datenauswertung ein Informationsangebot geschaffen werden, das sich an Interessierte aus den teilnehmenden Unternehmen richtet. „Es soll dazu dienen, aufzuklären, wie man mit Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen umgehen kann und worauf man achten muss“, erklärt Wunderlich-Roßmair. Um eine echte Verbesserung zu gewährleisten, soll das künftige Aufklärungsangebot nach Etablierung auf seine Wirksamkeit überprüft werden.

Erfahrungswerte

Die Notwendigkeit zur gezielten Sensibilisierung tauchte im Zuge eines Vorgängerprojekts auf. Darin wurde die Kommunikation zwischen sprachlich Beeinträchtigten und Behördenmitarbeitern untersucht. Beide Seiten konnten ihre Wahrnehmung in Interviews schildern. So konnte man herausfiltern, welche Faktoren als hinderlich oder hilfreich empfunden wurden.

Auf Betroffenenseite konzentrierte man sich auf Menschen mit zwei verschiedenen sprachlichen Beeinträchtigungen: Aphasiepatienten, die nach einem Schlaganfall Probleme beim Sprechen, Schreiben, Lesen oder Verstehen haben, sowie Stotternde. Recht einig waren sich die Befragten in ihrem Wunsch nach mehr Information. Denn letztendlich profitieren beide Seiten davon.

Sprachlicher Hürdenlauf

Einige Hindernisse werden störungsübergreifend häufig genannt: Zeitdruck, verspürte Ungeduld, keinen Raum zu bekommen, nicht ernst genommen oder fälschlicherweise als kognitiv eingeschränkt wahrgenommen zu werden. Wenn Begleitpersonen anwesend sind, sprechen manche Angestellten nur noch diese an, erklärt Wunderlich-Roßmair. „Das führt bisweilen dazu, dass die betroffene Person selbst überhaupt nicht mehr im Gespräch berücksichtigt wird.“

Wichtige Teilhabe

Für die Betroffenen geht es nicht nur darum, ob sie in einer spezifischen Situation etwas klären konnten. Verhalten und Einstellung von Gesprächspartnern können die Teilhabe der Menschen reduzieren, was in Resignation oder gar Vermeideverhalten enden kann. Das könne in einem Teufelskreis enden, so die Expertin: Man stellt sich seltener Gesprächssituationen im öffentlichen Raum, verliert an Vertrauen in die kommunikativen Fähigkeiten, nimmt sich als weniger selbstbestimmt wahr und verliert an gefühlter Lebensqualität. In den letzten Jahren gab es laut der Forscherin aber zumindest im schriftsprachlichen Bereich einige Verbesserungen. Angebote wie Informationen in leichter Sprache schaffen zum Teil einen niederschwelligeren Zugang zur Teilhabe.

Zur Person:

Anja Wunderlich-Roßmair ist seit 2017 an der fh gesundheit in Innsbruck im FH-Bachelor-Studiengang Logopädie tätig. Ihre Arbeitsbereiche sind Forschung und Lehre.
         

Die Kunst des Kommunizierens
Sprachliche Beeinträchtigungen können etliche Formen annehmen. Betroffene nehmen daher auch unterschiedliche Barrieren im Alltag wahr.

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