Frauen an die Macht?

Eine Studie der Universitäten Innsbruck und Salzburg zeigt: Schaffen es Frauen in den Unternehmensvorstand, landen sie auffallend häufig in der Position des Personalvorstandes. Die traditionelle Rollenaufteilung nach Geschlecht wird so auch auf höchster Ebene fortgeführt.

Siemens, Adidas und SAP sind prominente Beispiele für Unternehmen, die in den letzten Jahren erstmals Frauen in den Vorstand geholt haben – und das immer als Personalvorstand. Um festzustellen, ob es hier ein Muster gibt, haben Julia Brandl, Professorin für Personalpolitik an der Universität Innsbruck, und ihre Salzburger Kolleginnen Astrid Reichel und Isabella Scheiblmayr 172 Unternehmen aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden in Bezug auf Geschlechterdiversität und Rollenverteilung im Vorstand untersucht. Das Ergebnis: Frauen übernehmen im Vorstand tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Personalressort.

Nur in Österreich habe man dieses Muster nicht vorgefunden, sagt Brandl: Da in Österreich quasi keine Frauen im Vorstand sind, gebe es hier auch keine Häufung in der HR-Funktion. „In sehr vielen Ländern ist der Druck auf Unternehmen, Frauen in den Vorstand zu berufen, sehr hoch. Aber es gibt ein Land, in dem der Druck nicht in diesem Ausmaß da ist, und das ist Österreich“, erklärt sie.

Unterschiedliche Standards

Laut Brandl unterscheiden sich die Karrierewege von Frauen und Männern im Vorstand. „Vorstandsmitglieder werden in der Regel berufen, weil sie so gute externe Kontakte haben. Dass sie sich fachlich nicht auskennen, ist kein Problem für ihre Berufung, weil sie dafür ganze Abteilungen haben. Aber wenn es um Frauen geht, gilt das alles nicht mehr.“ Bei einer genaueren Betrachtung der Karrierewege hat sich gezeigt, dass Frauen tendenziell eher intern aufsteigen, während Männer eher von anderen Unternehmen angeheuert werden. „Männer kommen im Grunde für jede Vorstandsposition in Frage, während Frauen immer nur in dem Bereich aufsteigen, in dem sie vorher schon tätig waren“, sagt die HR-Expertin. Der Fortschritt für Frauen vollziehe sich damit in sehr engen Bahnen, und da das Personalwesen zum Frauenressort auserkoren wurde, setze sich die geschlechterspezifische Aufgabenverteilung jetzt auch auf der obersten Ebene fort.

Erweitern statt ersetzen

Besonders faszinierend war für Brandl, dass viele Unternehmen den Vorstand extra erweitert haben, um eine Frau aufnehmen zu können. „Die Unternehmen haben gemerkt, es wird erwartet, dass man eine Frau in den Vorstand holt, deshalb wurde wohl überlegt, was getan werden kann, damit alle bestehenden Vorstandsmitglieder weiterhin bleiben können. Die Lösung: Nehmen wir doch einfach noch eine Position dazu – HR haben wir noch nicht, das würde doch gut passen“, erzählt sie. Dadurch habe auch die HR-Funktion mehr Einfluss bekommen, aber nicht wegen ihrer Bedeutung für das Unternehmen, sondern weil der Gesetzgeber eine Frau im Vorstand gefordert hat und die Unternehmen entschieden haben, diese zum HR-Vorstand zu machen.

Neue Brisanz

Die 2019 veröffentlichte Studie hat mit dem vor Kurzem bekannt gewordenen Vorstoß der deutschen Regierung, eine verpflichtende Frauenquote für Dax-Konzerne und andere große Unternehmen einzuführen, neue Aktualität bekommen: „Wir haben jetzt die spannende Situation, dass in Deutschland voraussichtlich der Druck noch viel weiter erhöht wird, und wir erwarten, dass Unternehmen, die noch keinen Personalvorstand haben, diese Position in den nächsten zwei Jahren einrichten und mit einer Frau besetzen werden“, so Brandl. Das sei auch für Österreich relevant, da hier in der Vergangenheit bei Gesetzen im Bereich Diversität häufig ähnliche Regelungen wie in Deutschland eingeführt wurden – es könne also sein, dass diese Entwicklung mit etwas zeitlicher Verzögerung auch in Österreich stattfindet.

Zur Person

Julia Brandl hat seit 2011 die Professur für Personalpolitik an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Universität Innsbruck inne.

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