Für den Mars mobil machen

Im Oktober wird Innsbruck zum Nabel der Mars-Forschung und zur Schaltzentrale für die Analog-Mission „Amadee-20“, die in der israelischen Negev-Wüste über die Bühne geht. Hinter dem spacigen Projekt steckt das Österreichische Weltraum Forum (ÖWF), das in der Rossau all-umfassende Forschungen betreibt. 

Die Zukunft liegt zwischen einem Laden für Industriebatterien und einem Fachgeschäft für Jalousien. Man muss aber ganz genau hinschauen, um inmitten des Gewerbegebiets Rossau das nüchterne Klingelschild zum Österreichischen Weltraum Forum (ÖWF) zu entdecken.

Abgehoben scheint hier keiner zu sein. Wobei: Stimmt so nicht ganz. ÖWF-Direktor Gernot Grömer, der an der Uni Innsbruck Astronomie und Astrobiologie studiert hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Momente der Schwerelosigkeit anfühlen. Außerdem steckte der erste Analog-Astronaut Österreichs auch schon viele Male in einem behäbigen Raumanzugs-Simulator, um auf der Erde Feldforschung für künftige Weltraum-Projekte zu betreiben.

Entwickelt wurden die – laut Grömer – „denkenden Maschinen zum Anziehen“ im Suitlab in der Etrichgasse, wo man in den Regalen nicht nur auf einschlägige Fachliteratur trifft, sondern auch auf eine putzige Miniatur-„Mayflower“, eine fetzige Modellrakete und einen imposanten Marsglobus.

Apropos: Wie lange dauert es noch, bis der erste Mensch einen Fuß auf den Mars setzen wird? „In den nächsten 20 bis 30 Jahren wird es soweit sein“, prophezeit Grömer, der sich damit abgefunden hat, dass er nicht dabei sein wird, wenn am Roten Planeten Besuch von der Erde landet. „Aber für so eine Mission braucht es ja nicht nur Astronauten, sondern auch einen soliden Unterbau, ein stabiles Fundament. Das war ja schon bei den Entdeckungsfahrten von Christoph Kolumbus so. Ohne seine Schiffe wäre er nirgends hingekommen. Und mit der Rolle des Schiffsbauers kann ich ganz gut leben“, sagt der 46-Jährige und dreht gedanklich die Zeit nach vorne. „Ich möchte bei der ersten Mars-Landung zu meinen Enkeln sagen können: Schaut‘s her, diese Schraube hat der Opa entworfen.“

Innsbruck, wir haben ein Problem.

An allerlei Schrauben für die Mars-Forschung wird ab 4. Oktober auch in der israelischen Negev-Wüste gedreht, wo bis 31. Oktober ein Team von sechs Analog-Astronauten in die Mission „Amadee-20“ startet.

Geleitet wird diese von Gernot Grömer und seiner Kollegin Sophie Gruber, durchgeführt wird sie gemeinsam mit der israelischen Raumfahrtagentur ISA, die im Wüstengelände eine 80 Quadratmeter große Hightech-Basisstation mit Schlafkojen, Laborbereich, Besprechungsraum und Küche aufgebaut hat. Das „Mission Support Center“ wurde wiederum extra in der Innsbrucker Dürrstraße installiert, wo in einer 350 Quadratmeter großen Schaltzentrale die Verbindungsschnur zum „Mars“ liegt – und so getan wird, als wäre die israelische Wüste tatsächlich der Rote Planet. Sprich: Die Station verlassen dürfen die Missionsteilnehmer nur über Luftschleusen und in Raumanzügen, gelebt und gearbeitet wird nach einem strengen Zeitraster, kommuniziert wird so, als wäre man bis zu 380 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.

„Wenn es also einmal heißt ‚Innsbruck, wir haben ein Problem‘, dann kann es bis zu 20 Minuten dauern, bis die Nachricht bei uns landet. Und genauso lange, bis eine Antwort zurück zur Station kommt“, erklärt Grömer. Die schleppende Signal-Laufzeit macht interplanetaren Small-Talk damit unmöglich. Und Netflix schauen geht sich auch nicht aus.

Auf Probleme wird übrigens gehofft. Grömer: „Die Hauptaufgabe von Analog-Astronauten ist es, Fehler zu finden: Denn jedes Problem, das wir auf der Erde sehen und beheben können, kann dann auch auf dem Mars gelöst werden.“

Alphatiere unerwünscht.

Geld für den fordernden Forschungseinsatz gibt es für die Analog-Astronauten übrigens keines. „Die machen das für Ehre, Gott und Vaterland“, meint Grömer mit einem Schmunzeln.

Der Andrang zur irdischen Mars-Mission war aber auch ohne Salär sehr groß: Insgesamt 260 Bewerber ritterten um die sechs Tickets für die Reise zum „Wüstenplaneten“, bei der Alphatiere nichts verloren haben. „Vorpreschende Rampensäue werden gleich aussortiert. Für so eine Mission sind Alpha-Zwei-Charaktere gefragt. Also Führungspersönlichkeiten, die nicht den Boss heraus hängen lassen und im besten Fall einen coolen Witz auf Lager haben oder einen Zaubertrick beherrschen, um aus verfahrenen Situationen die Spannung zu nehmen“, betont der Pionier der Analog-Forschung. Obendrein sollten die „pumperlgsunden Generalisten“ auch in der Lage sein, lange Phasen der Langeweile zu überstehen, ohne einen Lagerkoller zu bekommen.

„Die Methoden, mit denen wir Astronauten während Isolationsphasen bei Laune halten, waren auch auf die Lockdown-Phasen übertragbar. Eigentlich waren wir alle Teil des weltweit größten Forschungsexperiments für eine künftige Mars-Mission“, kommt Grömer auf die Social-Distance-Momente während der Corona-Pandemie zu sprechen. Ohne Struktur seien diese nämlich kaum zu bewältigen gewesen. Ergo: Nur wer sich beizeiten aus dem Pyjama schält und einem strikten Plan folgt, verliert auch in Ausnahme-Momenten nicht die Kontrolle über sein Leben.

Völlig losgelöst.

Das All ist für Gernot Grömer übrigens schon seit Kindheitstagen ein Sehnsuchtsort. Als 14-Jähriger bekam er von seinen Eltern einen Feldstecher geschenkt, mit dem er beseelt in den Sternenhimmel schaute und vom Abheben träumte.

Ist es da nicht irgendwie unfair, dass sich Milliardäre wie Richard Branson und Jeff Bezos den Traum vom Weltraumflug scheinbar mühelos erfüllen können, nur weil sie über das nötige Kleingeld verfügen? Schließlich kann ja nicht jeder einfach so ein paar Millionen für ein paar Minuten Space-Spaß hinblättern. „Weltraumflüge haben durchaus touristisches Potential“, weiß Grömer. Schon jetzt seien alle Flüge, die es eigentlich noch gar nicht regulär zu kaufen gibt, über Monate ausgebucht. Sobald dann das superreiche Klientel abgegriffen sei, werde auch der Preis sinken. „Studien haben ergeben, dass ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Bevölkerung bereit wäre, dafür ein paar Monatsgehälter zu investieren. Eine Reise in die Antarktis auf einem russischen Eisbrecher kostet ja auch 30.000 Euro – warum dann also nicht gleich ins All“, sinniert der passionierte Entdecker, der für eine Weltraum-Erfahrung aber nicht jeden Preis zahlen würde. Grömer: „Ich würde mir davor schon ganz genau anschauen, mit welchen Kollegen und mit welcher Hardware man da fliegt. Ich würde nämlich gern wieder lebendig und in einem Stück auf die Erde zurückkommen.“

Spuren hinterlassen.

Höchste Priorität hat vorerst aber sowieso die Mission „Amadee-20“, bei der 25 ausgeklügelte Experimente durchgeführt werden, deren Ergebnisse in die internationale Mars-Forschung einfließen werden. Auf ihre Einsatzfähigkeit geprüft werden dabei unter anderem Drohnen, die kein GPS-Signal zur Navigation benötigen, sondern es schaffen, sich über Kamerabilder selber zurecht zu finden. Diese Geräte könnten dann auch bei irdischen Katastrophen autonome Suchflüge durchführen.
Geforscht wird aber auch noch auf ganz anderem Terrain: Im Auftrag der European Space Agency ESA wird in Israel der idealen All-Unterhose nachgespürt. Optisch unterscheidet sich diese kaum von einem terrestrischen Schlüpfer – allerdings wird sie mit einer speziellen Substanz impregniert, die dafür sorgt, dass sich kaum mehr Bakterien breit machen. Und das Hoserl auch dann nicht zu stinken anfängt, wenn man es einmal länger als einen Tag trägt. Analog-Astronauten hinterlassen ihre Spuren bei Bedarf also auch in der Unterhosen-Untersuchung.

Gernot Grömer würde für künftige Generationen aber gern noch etwas anderes hinterlassen: Er träumt davon, in Innsbruck ein ESA-Lab aufzubauen und die vermeintliche Weltstadt als Weltraumstadt zu stärken. „Die ESA hat unzählige technologische Fragestellungen, die sie nicht alle verfolgen kann und hält viel auf die Expertisen des ÖWF. Wir hätten das Know-How und den Willen hier in Innsbruck Ideen für die Zukunft auszuprobieren und zu entwickeln“, sagt Grömer, der unbedingt dazu beitragen will, dass der Weg zum Roten Planeten sichtbar rot-weiß-rot ist.
Beim Gedanken daran strahlt er, als hätte er gerade eine Sternschnuppe gesichtet.

Österreichisches Weltraum Forum (ÖWF): Nach den Sternen greifen

Das Österreichische Weltraum Forum (ÖWF) wurde 1998 in Wien gegründet und hat Niederlassungen in ganz Österreich – unter anderem in der Etrichgasse in Innsbruck, wo der Schwerpunkt seit jeher auf der Analog-Forschung liegt. Das ÖWF kooperiert eng mit internationalen Forschungseinrichtungen und der Raumfahrtindustrie und hat seit dem Jahr 2006 zwölf simulierte Mars-Erforschungen durchgeführt. Die weltweit höchst gelegene Analog-Mission fand anno 2015 in der Kaunertaler Gletscherwelt statt, wo das Forschungsteam auf bis zu 2887 Metern Höhe im Einsatz war. Erforscht wurde dabei unter anderem die Belastbarkeit der in Innsbruck entwickelten Raumanzugs-Simulatoren.

Beim ÖWF arbeiten 250 Freiwillige aus 20 Nationen mit. Deren Qualifikationen könnten unterschiedlicher nicht sein: Neben Ingenieuren, Astrophysikern und Flight Controllern sind auch Designer, Journalisten und Juristen mit an Bord. Kurzzeitig war auch ein Theologe im Team, der sich um die Beantwortung moralischer Fragen kümmerte und Szenarien für einen würdevollen Tod auf dem Mars durchdachte. Eines ist nämlich fix: Gestorben wird auch in der Zukunft.

Übrigens: Wer Interesse hat, beim ÖWF mitzuarbeiten, kann unter www.oewf.org Kontakt mit dem Weltraum Forum aufnehmen.

Ein Stück Zukunft in der Wüste

Die Mars-Analog-Mission „Amadee-20“ – durchgeführt in Israel, geleitet von Innsbruck aus.

Von 4. bis 31. Oktober findet in der israelischen Negev-Wüste die Mars-Analog-Mission „Amadee-20“ statt. Geleitet wird die Mission, die coronabedingt um ein Jahr verschoben werden musste, vom Österreichischen Weltraum Forum (ÖWF).
In Zusammenarbeit mit der israelischen Raumfahrtagentur ISA entstand dafür im riesigen Erosionskrater Machtesch Ramon eine knapp 80 Quadratmeter große Basisstation, in der ein Tiroler Quantenphysiker, eine deutsche Mikrobiologin, ein niederländischer Astrophysiker, ein spanischer Flight-Controller, ein israelischer Computerspezialist und ein portugiesischer Kommandant einen Monat lang 25 ausgewählte Experimente aus den verschiedensten technischen und wissenschaftlichen Bereichen durchführen. Deren Ergebnisse werden in die internationale Mars-Forschung einfließen. Gearbeitet wird unter denselben Bedingungen wie bei einer realen Mars-Mission, die allerdings erst in 20 bis 30 Jahren möglich sein wird.

200 Personen beteilligt.

In der Dörrstraße in Innsbruck befindet sich das eigens installierte „Mission Support Center“, in dem in Spitzenzeiten bis zu 60 Ingenieure, Mediziner, Psychologen und Geowissenschaftler sitzen, die den sechs Analog-Astronauten über die Schulter schauen. Insgesamt sind knapp 200 Personen aus 25 Nationen an dem Projekt beteiligt. Für die Mission wurden unter anderem drei Tonnen exquisite Weltraum-Hardware, zwei spacige Raumanzug-Simulatoren, die abwechselnd getragen werden, sowie ein 300 Kilo schwerer Rover von Innsbruck nach Israel geschickt. Die Kosten für die Mission „Amadee-20“ bewegen sich im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich.

  • Amadee-202

    In der Wüste gleicht die Erde dem Mars am ehesten

  • Amadee-203

    Denkende Menschen zum Anziehen

  • Amadee-204

    Gernot Grömer, ÖWF Direktor

Für den Mars mobil machen
Spacige Feldforschung, die nicht im Sand verläuft.

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