Mit- statt gegeneinander

Sich als kleines Start-up in der Pharmabranche zu behaupten, ist nicht einfach. Die Tiroler Biotech-Firma Cyprumed hat es trotzdem geschafft. Dafür sind vor allem zwei Aspekte ausschlaggebend: Spezialisierung und Auslagerung.

Unter normalen Umständen stehen Pharmafirmen eher selten im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. In den letzten Monaten sind sie jedoch, bedingt durch die Coronapandemie, in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses gerückt.

Dominiert wird die Branche seit jeher von großen, milliardenschweren Unternehmen, die viel Geld in die Forschung stecken, um immer neue, immer bessere Medikamente auf den Markt zu bringen. Neben diesen Branchenriesen, wie Bayer, Novartis oder Pfizer, gibt es jedoch auch eine wachsende Zahl an kleineren Pharma-Start-ups, die zwar über deutlich weniger Ressourcen verfügen, sich allerdings trotzdem auf dem stark umkämpften Markt behaupten können. Zu diesen gehört etwa die Tiroler Firma Cyprumed, hinter der lediglich zwei Menschen stehen: Florian Föger und Martin Werle.

Grundlegende Erfahrungen

Gegründet wurde Cyprumed vor knapp fünf Jahren, 2015. Damals wollte Föger sich, nachdem er jahrelang in einem großen Pharmaunternehmen in Dänemark tätig gewesen war, endlich seinen Traum vom eigenen Betrieb erfüllen, den er bereits während seines Pharmaziestudiums in Innsbruck gehegt hatte. Inspiriert wurde er dabei nicht zuletzt von seinen Professoren an der Innsbrucker Universität, wie er sagt: „Es gab einige im Lehrpersonal, die damals eine eigene kleine pharmazeutische Forschungs- oder Servicefirma unterhalten haben. Das habe ich immer als möglichen Karriereschritt gesehen. Aber zuerst wollte ich in der Industrie Erfahrung sammeln.“

Genau das tat auch Martin Werle, ein ehemaliger Studienkollege von Föger, der insgesamt sieben Jahre bei einem großen Unternehmen für Saatgut und Pflanzenschutzmittel in der Schweiz gearbeitet hatte, bevor er schließlich Geschäftspartner von Föger bei Cyprumed wurde. „Flo und ich haben immer, wenn wir uns getroffen haben, davon geredet, dass wir das gemeinsam durchziehen wollen“, erzählt Werle. „Aber es war gut, dass wir davor noch in der Industrie gearbeitet haben – so wussten wir genau, was in der Branche wichtig ist.“ Mit Fachwissen alleine, ohne Kenntnisse über die Pharmaindustrie, deren Bedürfnisse und Eigenheiten, da sind sich Föger und Werle einig, wären sie mit ihrem Unternehmen wohl nie so schnell so weit gekommen.

Von der Spritze zur Tablette

Spezialisiert hat sich Cyprumed auf sogenannte Peptide. Das sind spezielle Wirkstoffe, die lediglich mittels Spritzen verabreicht werden können, weil sie ansonsten vom Verdauungssystem abgebaut werden, bevor sie ins Blut gelangen. Föger und Werle arbeiten an Technologien, um entsprechende Medikamente anders zugänglich zu machen, sodass diese beispielsweise auch oral, als Tablette, eingenommen werden können.

Das hat viele Vorteile für Patienten, gerade bei chronischen Krankheiten wie Diabetes, Osteoporose oder bestimmten Krebs- oder Stoffwechselerkrankungen, bei denen regelmäßig oder sogar täglich eine Spritze verabreicht werden muss. Die Hemmschwelle, eine Tablette zu schlucken, ist deutlich niedriger, als selbst mit einer Spritze zu hantieren, zudem sind Tabletten wesentlich einfacher zu lagern und in der Regel auch länger haltbar als Ampullen.

Plattform statt Produkt

Mit dieser Thematik haben sich Föger und Werle bereits während ihres Studiums auseinandergesetzt, nun bildet dieser Forschungsschwerpunkt das Grundgerüst ihrer gemeinsamen Firma – und die Basis für deren Erfolg, wie Föger erklärt: „Im Grunde bieten wir kein einzelnes Produkt, sondern eine ganze Plattformtechnologie, die man für zahlreiche Arzneistoffe anwenden kann. Deswegen sind wir trotz dieser Spezialisierung sehr breit aufgestellt.“

Dabei profitiert Cyprumed insbesondere von Kooperationen mit großen Pharmafirmen, die ihre Wirkstoffe zum Testen ins Labor der Tiroler Experten senden. „Wir machen dann Versuche mit unserer Technologie, entwickeln Formulierungen oder pressen selbst ein paar Tabletten. Und die schicken wir dann wieder zu den Unternehmen zurück, sodass sie die Wirksamkeit selbst in Studien überprüfen können“, erklärt Werle. „Falls es positive Daten gibt, bekommen wir nicht nur Geld für unsere Arbeit an sich, sondern auch für die Lizensierung unserer Technologie. Das ist unser Hauptgeschäftsmodell.“

Es ist also vor allem diese Spezialisierung, die es Cyprumed ermöglicht, trotz großen Wettbewerbs und starker Konkurrenten auf dem Pharmamarkt zu bestehen. Föger und Werle sind sozusagen Dienstleister, die für große Pharmafirmen jene Aufgaben erledigen, die diese nicht selbst erledigen können oder wollen – sei es, weil ihnen das Know-how dazu fehlt, oder weil es mehr kosten würde, als diese Arbeit an eine externe Firma auszulagern. Insofern ist es also weniger ein Gegen- als vielmehr ein Miteinander mit den Branchenriesen.

Auslagerung als Schlüssel

Apropos auslagern: In dieser Hinsicht unterscheidet sich Cyprumed nicht wirklich von seinen „größeren“ Kollegen. Auch Föger und Werle delegieren alles, was nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört, an externe Dienstleister. „Wir sind gute Formulierer, das haben wir gelernt, das zeichnet uns aus“, sagt Werle dazu. „Aber wir sind keine analytischen Experten, keine Veterinäre, die Tierversuche durchführen, ebenso wenig Patentanwälte oder Steuerberater. Da greifen wir je nach Bedarf auf Experten zurück.“

Gerade für großangelegte Versuchsreihen und Studien fehlen dem Tiroler Betrieb, dem lediglich ein kleines Labor in Innsbruck zur Verfügung steht, schlichtweg die Ressourcen. Deswegen sei es grundsätzlich einfacher, sie von darauf spezialisierten Partnern durchführen zu lassen, so Föger, wenngleich auch das mit einigen Mühen verbunden sei: „Wir arbeiten mit Betrieben aus der ganzen Welt zusammen, von Europa über die USA bis hin zu Indien oder Thailand. Das alles im Blick zu haben und zu koordinieren, ist nicht leicht. Da braucht es einiges an Projektmanagement.“ Zudem habe man seriöse und zuverlässige Partner auch erst einmal finden müssen: Hin und wieder seien nämlich Studienergebnisse zurückgekommen, mit denen man einfach nichts hätte anfangen können, weil sie zahlreiche methodische oder inhaltliche Mängel aufgewiesen hätten.

„Einfach mal ausprobieren“

Abgesehen von dieser Auslagerung unterscheidet sich die Arbeitsweise bei Cyprumed in vielerlei Hinsicht aber grundlegend von jener in größeren Pharmaunternehmen. Föger und Werle können, weil sie nur zu zweit und die Entscheidungswege dadurch wesentlich kürzer sind, viel agiler und freier agieren, das Geschäftsmodell rasch an die jeweiligen Umstände anpassen und auch, buchstäblich, viel herumexperimentieren. „Bei großen Pharmafirmen dauert es von der Idee bis zum ersten Experiment oftmals ein ganzes Jahr – bei uns nur einen Tag“, erläutert Werle. „Außerdem können wir vieles einfach mal ausprobieren, um zu schauen, kann’s was oder nicht. Und klar, manches kann vielleicht nichts, aber es kommen doch auch immer wieder interessante Sachen dabei raus, die wir weiterverfolgen können.“

Ein Nasenspray gegen Corona

In den vergangenen Monaten hat Cyprumed an einem Nasenspray getüftelt, der SARS-CoV2-Viren buchstäblich unschädlich machen soll. Bevor dieser zugelassen werden kann, müssen noch einige obligatorische Studien und Versuche durchgeführt werden, die ersten Tests an der Medizinischen Universität Graz waren jedoch vielversprechend: Unter Laborbedingungen konnte der Spray das Virus innerhalb kürzester Zeit deaktivieren.

Denkbar sind nun zwei mögliche Einsatzgebiete: zum einen als Spray kurz vor oder kurz nach besonderer Exposition (etwa vor oder nach einer Busfahrt); und zum anderen als Inhalationstherapie an der Klinik. Bis das Produkt marktreif ist, dürfte es jedoch noch ein bis zwei Jahre dauern.

Mit- statt gegeneinander
Zu zweit arbeiten Florian Föger (r.) und Martin Werle an Möglichkeiten, Peptidwirkstoffe oral verfügbar zu machen.

Beitrag teilen:

Werbung

Newsletter

Wir informieren Sie kostenlos und wöchentlich über
Tirols Wirtschaftsgeschehen

Bitte JavaScript aktivieren, um das Formular zu senden