Virtuelle Welten gegen echte Angst

Foto: Shutterstock, Galffy/Gill
Willkommen in der virtuellen Welt: Mit maßgeschneiderten Szenarien können digital Ängste durchlebt und neue, positivere Erfahrungen gesammelt werden.

Virtuelle Welten gegen echte Angst

Willkommen in der virtuellen Welt: Mit maßgeschneiderten Szenarien können digital Ängste durchlebt und neue, positivere Erfahrungen gesammelt werden.

Mit moderner Technologie zieht Mátyás Gálffy in der Universitätsklinik für Psychiatrie II der Medizinischen Universität Innsbruck gegen Phobien ins Feld.

Die Rückwand der Kabine scheint leicht zu ruckeln, als sich der Lift in Bewegung setzt. Fahrstuhlmusik vermischt sich mit dem Summen des Antriebs. Dann ertönt ein „Ding“, gefolgt vom Geräusch sich öffnender Türen. „So, jetzt drehst du dich langsam um“, ertönt Mátyás Gálffys Stimme irgendwo aus dem Nirgendwo. Um 180 Grad gewendet präsentiert sich ein ungewöhnlicher Ausblick: Hinter offenen Lifttüren erstreckt sich die Skyline einer Stadt – und ein über 30 Stockwerke tiefer Abgrund, über den eine schmale Holzplanke ragt.

Abgründig

„Schau erst mal nach unten“, empfiehlt Gálffy. Zaghaft vorgebeugt, wandert der Blick über die Kante. „Und jetzt tritt auf die Planke“, schlägt der Arzt vor. Ein Schritt auf das etwa 25 Zentimeter breite Brett. Dann ein zweiter: Man breitet unwillkürlich die Arme aus, während man einen Fuß vor den anderen setzt. Schließlich ist das Ende der Planke erreicht. Ein weiterer Blick nach unten lässt den Puls merklich steigen.

Willkommen zurück

„Und das, obwohl man genau weiß, dass man nur das Headset abnehmen muss“, lacht Gálffy. Gesagt, getan, zieht man sich die Virtual-Reality-Brille vom Kopf. Die moderne Grafik macht der Realität Platz: ebener, gänzlich abgrundfreier Linoleumboden im Behandlungszimmer in der Spezialsprechstunde für Angststörungen der Universitätsklinik für Psychiatrie II. Doch für ein paar Sekunden fühlt man sich noch nicht gänzlich angekommen. Ganz sicher ist sich das Gehirn noch nicht, wo es gerade ist.

Gutgläubiges Gehirn

Auf diesen Effekt baut Gálffy, wenn er Menschen mit Phobien therapiert. „Zu wissen, dass man ‚nur‘ eine Simulation sieht, macht praktisch keinen Unterschied“, erklärt der Arzt. Das hängt mit der Natur von Phobien zusammen: Anders als generalisierte Angststörungen sind sie meist auf spezifische, besonders einprägsame negative Erfahrungen zurückzuführen. Und um diese auszulösen, genügt oft der visuelle Eindruck.

Neue Erinnerungen

Therapiert werden Phobien mit Expositionstherapie: PatientInnen werden Triggern ausgesetzt, ohne dass dabei etwas Schlimmes passiert: Positive Erfahrungen beginnen, negative zu überschreiben. „Bislang konnte das ‚in vivo‘ passieren – zum Beispiel durch Fliegen gegen Flugangst“, erklärt Gálffy: eine aufwendige und oft nicht umsetzbare Methode. „Oder ‚in sensu‘. Dabei setzen sich PatientInnen in ihrer Vorstellung angstauslösenden Situationen aus.“ Das sei allerdings weniger effektiv. Denn Angst führt zu Vermeidungsverhalten. „Als Therapeut kann ich nicht beurteilen, ob mein Gegenüber sich einen Flug vorstellt oder ganz verzweifelt an einen sonnigen Strand denkt.“

Platz für Fantasie

Seit einigen Jahren gibt es eine dritte Möglichkeit: VR-Headsets sind inzwischen nicht nur leistbar, sondern auch so leistungsfähig, dass sie viele Angstsituationen simulieren können. Dass sich die virtuellen Welten dabei teilweise in knallig-bunter Computerspielgrafik präsentieren, macht keinen Unterschied. Im Gegenteil: „Es zeigt sich, dass solche ‚unrealistischen‘ Darstellungen wirksamer sind“, meint Gálffy. „Vermutlich weil sie mehr Raum für Fantasie und damit auch für Angst lassen.“

Maßgeschneidert

Neben Höhen- und Flugangst können Platzangst und Spinnen-, Nadel- sowie Agoraphobien, die Angst vor großen, weiten Räumen, gut therapiert werden. „Nur Sozialphobien sind schwieriger“, meint Gálffy. „Dafür ist die Simulation zu offensichtlich.“ Die virtuellen Therapieräume, die zum Einsatz kommen, sind mittlerweile maßgeschneidert. Dazu arbeitet der Arzt mit dem VR-Designer Konrad Gill zusammen. Der baut für den Arzt eigene Umgebungen, mit denen Phobien ausgelöst, in sicherem Umfeld erlebt und (ab)trainiert werden können.

Therapie für alle

Dabei hat die VR-Therapie noch einen weiteren Vorteil: Bei 30 bis 50 Prozent aller PatientInnen kehren Phobien trotz Behandlung zurück, wenn nicht regelmäßig trainiert wird. Mit Virtual Reality lässt sich solches „Booster Training“ zu Hause absolvieren – ganz ohne TherapeutInnen. Und auch generell könnte sowohl VR als auch die Technologisierung dazu beitragen, den Zugang zu Therapien niederschwelliger zu machen: „Dass das nicht nur nötig, sondern auch gut umsetzbar ist, hat Covid gezeigt“, ist der Mediziner überzeugt. „Auch wenn der direkte persönliche Kontakt in der Psychotherapie viele Vorteile hat, wäre mit der Digitalisierung psychologische Hilfe für noch mehr Menschen in greifbarer Nähe. Unser VR-Projekt zeigt nur einen Aspekt davon. Das ist in vielen Bereichen noch mehr als ausbaufähig und könnte vielen Betroffenen helfen.“

Mandel & Seepferdchen

„Im Gehirn gibt es ein Angstnetzwerk, vereinfacht die Amygdala, der ‚Mandelkern‘, der unter anderem für Emotionen zuständig ist: ein großer, roter Alarmknopf in Bezug auf Ängste“, beschreibt Mátyás Gálffy den Mechanismus. „Der Hippocampus, das ‚Seepferdchen‘, ist auch fürs Lernen mitverantwortlich. Hier werden anhand von Informationen und Erfahrungen wichtige Entscheidungen getroffen, was zu tun wäre.“ Bei PhobikerInnen versagt die Kommunikation zwischen diesen beiden Hirnregionen. Die negativen Emotionen sind so stark, dass sie Wissen und Gelerntes übertönen. Die Angst übernimmt das Ruder.

Zur Person

Mátyás Gálffy ist ausgebildeter Humanmediziner, Assistenzarzt für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck und Psycho- sowie Traumatherapeut.

  • Matyas-Galffy

    Dr. med. univ. Matyas Galffy, MSc. arbeitet am Department für Psychiatrie der Universitätsklinik Innsbruck.

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