„Das Erste, auf das die Menschen verzichten, ist Luxus

Riedel-Glas-Chef Maximilian J. Riedel im Interview zu den Auswirkungen aktueller Krisen auf den Glashersteller, zu Misserfolgen und Zukunftsplänen.

Herr Riedel, Sie führen das Unternehmen in elfter Generation. Verspüren Sie einen Druck Ihrer zehn Vorgänger?

Maximilian J. Riedel: Ja. Zum einen, weil der Mehrheitseigentümer, mein Vater, sehr stolz auf seine Leistungen ist und das auch so weitergehen sehen möchte. Genauso ehrgeizig war mein Großvater. Er hat sehr viel erwirtschaftet. Zum anderen will ich nicht der Letzte sein und die Fackel an meinen Sohn weitergeben. Ich habe vor Kurzem ein Kind bekommen. Mein Ziel ist es, eine Firma weiterzugeben, die noch lange so weitergehen soll wie bis jetzt. Das ist ein Druck, den ich mir selbst auferlegt habe. Ich will es nicht schlechter machen als meine Vorfahren.

Wird es schwieriger, die letzte Glasmanufaktur dieser Größe in Österreich zu betreiben?

Europaweit gibt es immer weniger Betriebe dieser Art, weil der Konsument nicht mehr bereit ist, für Handarbeit zu bezahlen. Nicht nur auf unser Thema Glas bezogen, das sieht man auch beim Tischler und beim Schlosser. Weil sich heutzutage gewisse Dinge günstiger erwerben lassen. Wir wollen aber weiterhin hier produzieren. Solange die Kunden diese Qualität aus Tirol schätzen, sehen wir keine Probleme.

Dennoch ist es wahrscheinlich teurer, in Österreich handgemachte Ware zu produzieren als in anderen Ländern?

Ich würde nicht sagen, dass es sehr teuer ist. Aber im Vergleich zu unserer Konkurrenz ist der Standort Tirol sicher der teuerste.

Sie haben kürzlich verkündet, dass sich die Standortfrage immer wieder stellt. Kann man heute keine Standortgarantie mehr für so eine Produktion geben?

Garantien kann man deshalb nicht geben, weil wir sehr von der Marktsituation abhängig sind. Das Glas von Riedel wird weiterhin als Luxusprodukt bezeichnet. Das Erste, auf das die Menschen verzichten, ist nun mal der Luxus. Was ist Luxus? Ist es der Wert, der Preis oder die Qualität? Für mich ist Luxus als Unternehmer die Zeit. Und wenn ich mir den Luxus nehme, eine Flasche Wein zu öffnen und diese mit Freunden zu genießen, brauche ich dazu das richtige Glas. Und solange die Menschen Wein genießen, um Freundschaft zu zelebrieren, gibt es auch Platz für die Marke Riedel. Deshalb sehe ich kurzfristig keine Gefahr. Was sich weltweit an den verschiedenen Märkten abspielt, können wir nicht beeinflussen – darunter leiden wir.

Der Beruf des Glasbläsers ist in Österreich beinahe ausgestorben, der Fachkräftemangel ist für Sie somit bereits Realität. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ein Thema, mit dem wir uns schon lange auseinandersetzen. Und aufgrund der EU-Erweiterung haben wir den Luxus gehabt, dass viele aus Ländern wie der Slowakei, aus Tschechien, Rumänien oder der Türkei zugewandert sind. Dort gibt es noch Glasmacher – wenn auch immer weniger. Wie man den Beruf des Glasmachers interessanter gestaltet, ist ein Thema, auf das wir uns sehr konzentrieren. Im Endeffekt ist es ein Hitzejob, ein harter Job – ein Job mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. Die Jungen interessieren sich für Technologie, die man in diesem Beruf nicht braucht. Deswegen ist der Fachkräftemangel natürlich ein heißes Thema. Aber solange wir Glasmacher finden, wird der Standort Kufstein nicht in Frage gestellt. Wenn sich die Lage aber in 20 bis 30 Jahren zuspitzt, müssen wir uns etwas überlegen. Dann wird sich die Frage stellen, ob wir vorort noch weiter betreiben können oder in Drittländer abwandern müssen.

Riedel ist schon länger kein reiner Weinglashersteller mehr, sondern produziert auch Gläser für andere Getränke. Spielt Innovation eine wichtige Rolle?

Ganz eine wichtige. Wir vertreiben unsere Produkte ganz traditionell über den Fachhandel. Da gibt es Konkurrenz. Der Konsument möchte Auswahl haben. In einem Geschäft zum Beispiel möchte er wissen, was es Neues gibt. Imponiert es, schlägt er zu. Da ververgleiche ich uns etwas mit der Modebranche. Zweimal im Jahr bringt Riedel etwas Neues auf den Markt. Wir sind eine sehr kreative Familie und haben Spaß daran, Neues zu erarbeiten – zudem hält es jung. Und neben Spaß und Glück gehört eben auch der wirtschaftliche Erfolg dazu. Bei uns tragen Neuheiten jedes Jahr wenigstens zehn bis 15 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Das heißt, für uns ist Innovation auch wirtschaftlich ein wichtiger Faktor und zusätzlich erlaubt uns dies, Menschen zu beschäftigen. Innovation ist nicht nur für uns wichtig, es ist auch für die Wirtschaft wichtig.

Sie haben persönlich den amerikanischen Markt erschlossen, der mittlerweile der wichtigste Markt für Riedel wurde. Stehen weitere Markterschließungen an?

Wir arbeiten interessanterweise verstärkt wieder in Europa. Wir reisen sehr viel und dürfen die Marke in mehreren Ländern präsentieren, haben aber zuletzt Europa nicht vergessen. Aber der Fokus war nicht darauf ausgerichtet. Weil Europa immer funktioniert hat. Mittlerweile gibt es Konkurrenz. Es gibt politische Situationen, wo Bedarf besteht, sich wieder mehr auf Europa zu konzentrieren. Das habe ich vor zwei Jahren mit Erfolg angestoßen. Es ist sicher ein Gebiet, in dem wir wieder wachsen können und wollen. In exotischen Ländern haben wir uns schon mehrmals die Finger verbrannt. In Indien, Argentinien oder Brasilien hat sich die Wirtschaftssituation nicht so entwickelt, um erfolgreich sein zu können. Dafür sind wir in anderen Ländern in Lateinamerika wie Mexiko, Chile und Peru überraschend gut. Südafrika beziehungsweise der Kontinent Afrika ist für uns mit Sicherheit ein bereits entwickelter Zukunftsmarkt. Wir sind seit längerer Zeit in China tätig und außerdem sehr erfolgreich in Japan und Thailand.

Welche Rolle spielt da noch der Heimatmarkt?

Eine sehr wichtige. Umsatzmäßig in Bezug auf Umsatz pro Einwohner ist Österreich einer der fünf größten Absatzmärkte der Marke Riedel. Man kann natürlich nicht 250 Millionen Amerikaner mit acht Millionen Österreichern vergleichen. Aber wir sind eine österreichische Marke, wir produzieren in Österreich. Mein Vater ist zum wiederholten Mal zum beliebtesten Tiroler gewählt worden. Das gute Standing wollen wir auch behüten.

Wie stark trifft Riedel das Russland-Embargo?

Es trifft uns sehr hart – beim Umsatz etwa. Der Absatz ist nicht mehr so stark wie vor 24 Monaten. Für das Jahr 2016 wird sich aber wieder eine starke Erfolgskurve zeigen. Wir waren selbst gerade in Russland und in der Ukraine. Vor Ort spürt man den Konflikt wenig bis gar nicht. Die dortige Wirtschaft kann sich innerhalb kürzester Zeit wieder erholen.

Viele heimische Unternehmen beklagen eine anhaltende Stagnation der heimischen Wirtschaft. Spüren Sie diese auch?

Wir exportieren in 120 Länder. Und das ist sehr gut, denn wenn wir uns nur auf gewisse Märkte konzentrieren würden, hätten wir wahrscheinlich das Problem, zu abhängig zu sein. Wir sind breit aufgestellt. Das ist auch die Strategie meines Vaters, die ich übernommen habe.

Der Wirtschaftsstandort Österreich fällt in vielen Vergleichen immer weiter zurück. Macht Ihnen das Sorgen?

Ich höre das und lese das immer mit Erstaunen. Wir spüren jedoch wenig davon. Und auch unsere Marke spürt das nicht. Ich lebe in Kitzbühel. Der Skitourismus war noch nie so stark wie im vergangenen Winter. Tirol lebt nun einmal vom Tourismus und der läuft sehr gut. Wir können keine Verschlechterung bestätigen. Auch unser Absatz in Österreich bestätigt das nicht.

Wo sehen Sie Riedel Glas in 20 Jahren?

Hoffentlich auf noch mehr schön gedeckten Tischen. In den Händen der Jugend, die einfach das Thema Wein als interessant empfindet. Für denjenigen, der Wein und Spirituosen schätzt oder Coca Cola und andere interessante Getränke, wollen wir weiter der Marktführer sein und wir werden alles tun, was möglich ist, um genau das voranzutreiben. Ich bin mir sicher, dass das jetzt unter dem Schutze des Tiroler Adlers noch besser gelingen wird.

„Das Erste, auf das die Menschen verzichten, ist Luxus
Maximilian J. Riedel, Riedel-Glas-Chef

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