„Es kann keine 100-prozentige Sicherheit geben"

Seit dem Vorschlag der Vorsitzenden der Bioethikkommission, Christiane Druml, eine Impfpflicht für körpernahe Dienstleistern einzuführen, ist eine österreichweite Debatte entfacht. Im Interview mit top.tirol erklärt Clemens Happ, Innungsmeister der Tiroler Friseure, warum man anstatt von gesetzlicher Pflicht, besser auf Freiwilligkeit und Aufklärung setzen sollte.

Ist eine Impfpflicht in Ihren Augen umsetzbar?

Clemens Happ: Ja, leider, rein rechtlich betrachtet, ist das kein Problem. Der Nationalrat kann einfach ein Gesetz beschließen. Demokratiepolitisch ist es für mich aber nicht die richtige Entscheidung. Hier wäre es aus meiner Sicht besser, auf Aufklärung und Freiwilligkeit zu setzen. Ich glaube, dass wir auch akzeptieren müssen, wenn sich ein Mitarbeiter nicht impfen lassen will.

Rechnen Sie mit Kündigungen und Entlassungen, sollte eine Impfpflicht implementiert werden?

Sollte eine Impflicht, gegen meine Erwartungen, kommen, ist sicherlich mit Spannungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu rechnen. Das Thema ist mittlerweile so aufgeladen, dass ich mir vorstellen kann, dass es zu Kündigungen und Entlassungen kommen könnte. Rechtlich gesehen können Mitarbeiter kündigen, sollten sie die Impfpflicht nicht akzeptieren und Arbeitgeber könnten Mitarbeiter sogar entlassen, auch bei bestehenden Verträgen, da sie ihrem Arbeitsauftrag nicht mehr nachkommen können. Das wird so nicht in den Betrieben passieren, weil Arbeitgeber und Arbeitnehmer bemüht sein werden, Lösungen zu finden, die für beide Seiten funktionieren, aber Konflikte wären durch die Einführung einer Impfpflicht sicher vorprogrammiert.

Welche wirtschaftlichen Vorteile bzw. Nachteile entstehen einem Betrieb, wenn Mitarbeitern eine Impfung vorgeschrieben wird?

Ich sehe hier weder Vorteile noch Nachteile. Seit dem Beginn der Pandemie sind wir körpernahen Dienstleister oft die ersten gewesen, von denen Hygienekonzepte und Sicherheitsmaßnahmen gefordert wurden, die wir auch immer schnell eingeführt und rigide kontrolliert haben. Es hat in dieser ganzen Zeit nachweislich keine Clusterbildung in unseren Betrieben gegeben, österreichweit, deshalb bin ich der Meinung, dass wir den guten und praktikablen Weg, den wir mit der 3-G-Regel eingeschlagen haben, weitergehen sollten.

Ein weiteres Problem ist, dass durch die Ausbreitung der Delta-Variante auch eine Impfung unsere Mitarbeiter nicht davor schützt, nach Kontakt mit einer infizierten Person in Quarantäne gehen zu müssen. Normalerweise ist ein erstgeimpfter Mitarbeiter nach dem 22. Tag automatisch K2-Person und muss sich nicht absondern. Wir haben aber schon Entscheidungen der Gesundheitsbehörden erlebt, bei denen auch vollimmunisierte Mitarbeiter als K1-Person eingestuft wurden und deshalb zehn Tage ausgefallen sind. Solche Entscheidungen werden Unternehmer nicht unbedingt dazu motivieren, ihren Mitarbeitern eine Impfung nahe zu legen, wenn sie das selbst nicht wollen.

Würde eine Impfpflicht Betriebe der Verantwortung für das gesundheitliche Wohl sowohl ihrer Mitarbeiter als auch ihrer Kunden entheben?

Nein, die derzeitigen Studien zu den Impfdurchbrüchen, also von Infektionen trotz Vollimmunisierung, zeigen, dass es nie eine 100-prozentige Sicherheit geben kann. Vor allem auch nicht, weil trotz hypothetischer Impfpflicht für uns und unsere Mitarbeiter, für unsere Kunden ja immer noch die „normale“ 3G-Regelung gelten würde und dadurch Infektionen in den Betrieben nie ausgeschlossen werden können. Deshalb glaube ich, dass wir weiterhin auf starke Hygienekonzepte und eine lückenlose Teststrategie setzen müssen, die für die Kunden auch weiterhin gratis zur Verfügung stehen sollte.

Gibt es eine Alternative zur Impfung, um Sicherheit für Kunden ebenso wie für den Betrieb zu garantieren?

Wie schon gesagt, wird es nicht möglich sein, 100-prozentige Sicherheit zu garantieren. Die Impfung ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie im Kampf gegen das Coronavirus, aber Hygiene- und Sicherheitskonzepte werden dadurch nicht obsolet werden. Es wird bis zum Ende der Pandemie ein Maßnahmenmix sein, mit dem wir für Sicherheit in unserer Gesellschaft sorgen müssen.

Wie sieht es mit der Kunden-Perspektive aus? Ist ein Betrieb oder gar eine komplette Branche mit garantiert geimpften Mitarbeitern im Vorteil?

Es wird sicher Kunden geben, die sich bei einem geimpften Friseur wohler fühlen. Das ist aber ihre Entscheidung. Deshalb befürworte ich auch eine Impfung, bin aber gegen eine Impfpflicht in unseren Branchen. Die Kundschaften sollen entscheiden, was ihnen lieber ist. Wenn es in manchen Betrieben eine vollständige Impfung der Mitarbeiter gibt, kann ich mir vorstellen, dass sie auch damit werben werden und einen Vorteil daraus schlagen können. Entscheidend über den Erfolg eines Geschäfts wir das aber nicht sein.

Zur Person:

Clemens Happ ist Innungsmeister der Tiroler Friseure und betreibt gemeinsam mit seiner Schwester Birgit Happ den Salon „Friseur Happ" in Hall in Tirol.

„Es kann keine 100-prozentige Sicherheit geben"
Für Clemens Happ wären Konflikte zwischen Arbeitgebern und -nehmern bei einer Impfpflicht vorprogrammiert.

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