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Als Tor nach Bayern vermischen sich in Kufstein wirtschaftliche Aspekte zu einem für Tirol ungewöhnlichen Cocktail. Christoph Hauser, Regionalökonom an der Fachhochschule Kufstein Tirol, erklärt, was diese Kombination aus Industrie, Logistik und Tourismus abseits vom Skisport ausmacht.

Was prägt den Bezirk Kufstein wirtschaftlich?

CHRISTOPH HAUSER: Die lokale Wirtschaft im Bezirk ist durch einen sehr ausgewogenen Branchenmix charakterisiert. Regionale Player wie die Bodner Gruppe oder Riedel Glas werden durch internationale Großbetriebe wie Sandoz oder Stihl ergänzt. Lokale Verwurzelung wird so mit internationaler Ausrichtung kombiniert. Auch als Tourismusdestination ist das Kufsteinerland mit seinen Angeboten im Bereich Kultur, Natur und Sport nicht zu vernachlässigen. Zusätzlich ist der Bezirk in Sachen Bildung breit aufgestellt: von der Kinderkrippe bis zum Hochschul-Abschluss. Diese ausgewogene und in der Form einzigartige Mischung schafft beste Voraussetzungen für hohe Wertschöpfung und entsprechende Einkommen. Mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 2600 Euro wurden 2018 im Bezirk die höchsten Löhne im Bundesland bezahlt. Die Konsequenz: Im Zeitraum zwischen 2011 und 2021 verzeichnete die Bevölkerung in Kufstein mit 10,7 % das höchste Wachstum von allen Tiroler Bezirken.

Mit einem Industrie-Anteil von 24,4 % ist Kufstein Tirols dritt-industriellster Bezirk. Wie ist es dazu gekommen?

Die Anbindung an den Süddeutschen Raum ist seit jeher ein Stärkefeld des Bezirks. Kufstein ist das Tor nach Bayern mit einer Bevölkerung von 13 Millionen Menschen. So wurde bereits 1858 die Eisenbahnstrecke Rosenheim-Innsbruck eröffnet und erweiterte so das Einzugsgebiet der Unternehmen vor Ort. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde durch den Bau einer Wasserleitung aus dem Kaisertal die Elektrifizierung der Stadt Kufstein ermöglicht. Damit war alles angerichtet für eine erfolgreiche Industrialisierung des Standorts. Mittlerweile ist die Verfügbarkeit von Fachkräften und lokalem Know-how natürlich ein wesentlich wichtigerer Faktor für die Neu-Ansiedelung oder auch Gründung von Unternehmen.

Was braucht die Kufsteiner Industrie, um weiter zu wachsen?

Um die Erreichbarkeit zu gewährleisten, ist ein Schwerpunkt auf neue Mobilitätskonzepte unabdingbar. In der Stadt Kufstein errichtet die TIWAG zurzeit ein Wasserstoff-Zentrum, das neue Impulse für Entwicklung und Betrieb von emissionsfreien Fahrzeugen setzen kann. Zusätzlich ist die Förderung von Regionalität und Innovation unerlässlich. Forschung und Entwicklung muss auch in Klein- und Kleinstbetriebe gebracht werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Region zu stärken. Dieser Wissenstransfer kann z. B. über die Innovationsplattform iku erfolgen, die Unternehmen und Forschungsinstitutionen vernetzt. Schließlich brennt natürlich der Fachkräftemangel allen Unternehmern unter den Nägeln.

Also ist der zur Verfügung stehende Talent-Pool nicht ausreichend für die regionale Industrie?

In Kufstein kamen 2020 auf 57 Lehrstellensuchende 112 offene Lehrstellen. Der Talent-Pool ist also eindeutig zu klein, der Wirtschaft im Bezirk stehen immer weniger gut ausgebildete Fachkräfte und Lehrlinge zur Verfügung. Das ist aber kein Kufsteiner Phänomen, sondern eine Herausforderung für ganz Tirol. Händeringend wird Personal im Tourismus, in der Pflege und bei technischen Berufen gesucht.

Was kann getan werden, um hier für Nachwuchs zu sorgen?

Es gibt nicht die eine „große“ Lösung, wohl aber eine Kombination von verschiedenen Initiativen. Lehre muss attraktiver und auch besser entlohnt werden. Darüber hinaus sollten Unternehmen auch Employer-Branding mit Schwerpunkt auf betrieblicher Nachhaltigkeit praktizieren. Die Fachkräfte der Zukunft wollen nicht nur eine gut bezahlte, sondern auch sinnstiftende Tätigkeit ausüben. Auch neue Zielgruppen bieten wertvolle Talente. Durch das Angebot von Potenzialanalysen können Schulabbrecher wieder in den Karriereweg integriert sowie Maturanten und Akademikern neue Perspektiven in unterschiedlichen Branchen aufgezeigt werden. Diese Maßnahmen sollten gemeinsam mit Bildungsinstitution wie der Fachhochschule Kufstein entwickelt werden, um betriebliche Praxis organisch mit qualifizierter Ausbildung zu verknüpfen.

Auch Transport und Verkehr spielen eine große Rolle. Nur Landeck hat einen höheren Prozentsatz an Logistik und Transportunternehmen. Geht das Hand in Hand mit dem Industrie-Sektor?

In den letzten drei Jahrzehnten ist es in Kufstein zu einer enormen Konzentration von Firmen im Bereich Logistik und Spedition gekommen. Der Bezirk profitiert hier natürlich von seiner Lage bzw. Funktion als Brückenkopf zwischen Innsbruck und dem Großraum München. Der Wirtschaftszweig unterstützt Industriebetriebe mit vielfältigen Dienstleistungen wie „Just-in-time“-Lieferungen oder auch den Transport von großen Volumina. Insofern kann von einer symbiotischen Beziehung zwischen den beiden Partnern gesprochen werden. Gerade im Hinblick auf eine mögliche Regionalisierung von Lieferketten sowie Re-Industrialisierung Europas ermöglicht die Präsenz der Logistik-Branche sowie die Erreichbarkeit des Standorts spannende Impulse für das Verarbeitende Gewerbe in der Region.

Im Tourismus hebt sich Kufstein vom Rest Tirols ab. Vor der Pandemie wurden im Sommer im Schnitt gut zehn Prozent mehr Nächtigungen verbucht, als im Winter. Woran liegt das?

Wiederum ist es die Lage, die dafür verantwortlich ist. Diesmal allerdings bedingt durch die topographischen Eigenschaften vor Ort und die damit einhergehenden natürlichen Begrenzungen für große Skigebiete. Kufstein hat hier aus der Not eine Tugend gemacht. Verstärkt wurde im Tourismus auf Angebote im Bereich Kultur und Veranstaltungen sowie Erholung und Gesundheit gesetzt. Damit lässt sich die Beliebtheit der Sommersaison erklären, die für Tirol in dieser Form einzigartig ist.

Kufstein ist auch bei Tagesgästen sehr beliebt. Erzählen die Übernachtungszahlen dementsprechend nur die halbe Wahrheit, was den Erfolg des Kufsteiner Tourismus betrifft?

Gerade kulturelle Angebote ziehen verstärkt Tagesgäste an. Somit geben die Nächtigungszahlen nur begrenzt Auskunft zur Attraktivität der Destination. Allerdings wird die Herausforderung gerade darin bestehen, durch solche Veranstaltungen den Gästen einen längeren Aufenthalt in der Region schmackhaft zu machen. Die Voraussetzungen dafür sind in jedem Fall gegeben.

Kann der Tiroler Tourismus, der ja zusehends mehr Wert auf das Sommer-Geschäft legt, hiervon noch etwas lernen?

Mit dem Tiroler Weg setzt die strategische Ausrichtung des regionalen Tourismus seit einem Jahr voll auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit. Auf diesem Weg ist das Kufsteinerland bereits etwas vorausgegangen. Im Rahmen der seit Mai 2021 laufenden Restart-Kampagne wird das Sujet Natur gemeinsam mit den lokalen Unternehmen über Social-Media-Kanäle bespielt. Zusätzlich werden durch einen naturbezogenen Themenwanderweg und eine Waldbadestation neue Akzente gesetzt. Die Tourismusbranche im Bezirk ist mit ihrem Schwerpunkt im Bereich Gesundheits- und Naturtourismus also bestens aufgestellt und kann auch eine Vorbildfunktion ausüben.

Zur Person:

Christoph Hauser hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Innsbruck, sowie am Queensland Institute of Technology in Brisbane, Australien studiert. In seiner Doktorarbeit befasste er sich mit den Auswirkungen sozialer Einstellungen und Netzwerke auf regionale Innovationsraten. Seit 2018 ist er als Professor für Volkswirtschaftslehre und Statistik an der FH Kufstein Tirol tätig.

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„Die Nächtigungszahlen geben nur begrenzt Auskunft zur Attraktivität der Destination.“ Christoph Hauser

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