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KI und Arbeits­plätze – Risiko oder Chance?

„Durch neue Technologien fallen alte Tätigkeiten weg und es entstehen andere.“ Oliver Som

KI und Arbeits­plätze – Risiko oder Chance?

„Durch neue Technologien fallen alte Tätigkeiten weg und es entstehen andere.“ Oliver Som

Künstliche Intelligenz hält immer weiter Einzug in die Arbeitswelt. Wie KI in Unternehmen angewendet wird, ob wir um unsere Arbeitsplätze fürchten müssen und welche Skills in Zukunft gefragt sein werden, beantwortet Innovationsexperte Oliver Som vom MCI.

In welchem Ausmaß wird KI in der Wirtschaft bereits verwendet?

Oliver Som: Genau das haben WissenschaftlerInnen von Fraunhofer Austria kürzlich untersucht. In Österreich sprechen wir von neun bis zehn Prozent der Unternehmen, in denen künstliche Intelligenz in irgendeiner Form genutzt wird. In Deutschland sind es sechs bis sieben. Bei der Qualitätssicherung ist KI schon seit einigen Jahren gang und gäbe. In diesem Bereich nutzt man die Bild- und Mustererkennung. Das heißt, dass die KI darauf trainiert wird, wie ein gutes Bauteil aussieht und wie eines, das man gerne aussortieren würde. Mit der Zeit optimiert sich die KI dann selbst und ist schließlich in der Lage, fehlerhafte Teile eigenständig zu erkennen.

In welchen Branchen ist künstliche Intelligenz am weitesten verbreitet?

Momentan in bestimmten Branchen des produzierenden Gewerbes. Überall dort, wo ich anspruchsvolle Prüfungen oder komplizierte Entwicklungsdesigns der Produkte habe, wie Sondermaschinen oder Spezialbauteile. Außerdem ist KI in der Medizin weit verbreitet. Hier kann sie beispielsweise durch Mustererkennung Hautkrebs sehr zuverlässig erkennen, oft zuverlässiger als ein Arzt oder eine Ärztin. Dann wurde künstliche Intelligenz bei der Entwicklung des Covid­impfstoffs von BioNTech eingesetzt und selbstverständlich auch in den Bereichen IT, Softwareentwicklung und -programmierung.

Werden KIs in Zukunft alle Jobs erledigen können?

Nein. In erster Linie sind das Routineaufgaben und einfachere Wissensarbeiten, die sich gut strukturieren und in Wenn-dann-Muster bringen lassen. Also wenn X der Fall ist, dann tu Y. Das können KI-Lösungen sehr gut und darin werden wir sicherlich eine Verschiebung sehen. Zum Beispiel Sachbearbeitung und einfache Dienstleistungen wie Erstberatungen bei Banken und Anwälten. Webseitenprogrammierung erledigt Chat GPT auf Knopfdruck. Da werden wir erleben, dass bestimmte Tätigkeiten mehr oder weniger stark von KI übernommen und beeinflusst werden.

Welche Aufgaben können nicht von KI übernommen werden?

Das sind vor allem Arbeiten, die das erfordern, was uns Menschen ausmacht. Kreativität, kritisches Denken oder emotionale Intelligenz wird KI in absehbarer Zeit nicht erlernen. Deswegen kann sie in absehbarer Zeit auch keine Aufgaben übernehmen, die sich durch solche Anforderungen auszeichnen. Aber KI kann hierbei als Kreativtool unterstützen.

Muss man sich Sorgen um den Arbeitsplatz machen?

Das muss man differenziert sehen. Diese Debatten sind nicht neu. Das haben wir damals mit den Industrierobotern in den 1980er- und 1990er-Jahren gesehen. Da wurde schon das Ende der Erwerbsarbeit vorhergesagt, was aber nicht eingetreten ist. Tatsächlich zeigt sich aus wissenschaftlicher Sicht auf volkswirtschaftlicher Ebene kein Zusammenhang zwischen neuen Technologien und Arbeitslosigkeit. Durch Innovationen fallen alte Tätigkeiten weg und es entstehen andere. Das könnte sogar ein Hebel sein, um den Fachkräftemangel abzumindern. Menschen, die heute mit solchen Routinetätigkeiten oder einfachen Programmieraufgaben beschäftigt sind, können wir plötzlich in den Bereichen einsetzen, die KI nicht übernehmen kann. Ich sehe es also positiv und glaube, es könnte ein Erfolgsfaktor sein oder zumindest den Fachkräftemangel etwas abmildern. Aber auf individueller Ebene wird es sicherlich Jobverluste geben.

Was kann ich tun, um mich in der Arbeitswelt vom morgen zu behaupten?

Ich glaube, dass eine der ganz wichtigen Zukunftsfähigkeiten der Umgang mit KI sein wird. Es ist entscheidend, dass Menschen sich damit auseinandersetzen und eine KI-Literacy aufbauen, also die Fähigkeit, künstliche Intelligenzen zu bedienen, zu bewerten und kritisch damit umzugehen. Als Innovationsforscher bin ich optimistisch und glaube an die Kraft der neuen Technologien. Aber man muss schauen, dass man die Menschen befähigt, sich weiterzubilden und zu entwickeln. Das Konzept lebenslangen Lernens wird immer wichtiger. Dabei müssen sowohl Hochschulen als auch die Regierung entsprechende Möglichkeiten der Weiterbildung bereitstellen. Gerade im Hinblick auf den Fachkräftemangel könnte Österreich dabei etwas offensiver und mutiger agieren.

Wie wird der Einsatz von KI zukünftig aussehen?

An Chat GPT wird deutlich, wie weit KI-Sprachmodelle schon sind. Was sie sehr gut können, ist Text­generierung, also von routinemäßigen Standardtexten wie Stellenausschreibungen, Werbetexten, Social-Media-Posts. Wir haben eine neue Stufe der Leistungs­fähig­keit und Usability erreicht, und ich glaube, da wird sich kein Unternehmen und keine Branche entziehen können. Von daher ist es nicht allzu gewagt zu vermuten, dass es sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren durch alle Anwendungsfelder ziehen wird. Da spielt aber noch eine Vielzahl von Faktoren wie zum Beispiel die Gesetzgebung mit rein. Wir müssen uns auch als Gesellschaft die Frage stellen, wie wir KI nutzen wollen. Was wollen wir nicht der KI überlassen? Hier sind die Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die Politik gefordert. Rein aus technischer Sicht, würde ich sagen, haben wir in spätestens zehn Jahren eine branchenweite Durchdringung.

Zur Person

Oliver Som ist Professor und Fachbereichsleiter für Innovations- und Technologiemanagement am MCI. Unter anderem berät er die Europäische Kommission in Innovations- und Forschungsfragen. Vor seinem Engagement beim MCI war Som sechs Jahre am Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe tätig.

Aktuelle Studien

Die Investmentbank Goldman Sachs geht davon aus, dass etwa zwei Drittel der derzeitigen Arbeitsplätze zu einem gewissen Grad der KI-Automatisierung ausgesetzt sind.

Laut einer gemeinsamen Studie der Chat-GPT-Schöpfer Open AI und der University of Pennsylvania gehören BuchhalterInnen zu den am stärksten von KI betroffenen Berufsgruppen. Mindestens die Hälfte der buchhalterischen Aufgaben könne mit der Technologie viel schneller erledigt werden.

02. Juni 2023 | Autor: Denis Pscheidl | Foto: Privat

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