„Neue Märkte, neue Chancen“

Vom kleinen Sägewerk zum internationalen Großunternehmen: Thomas Leissing, Finanzchef und Sprecher der Egger Gruppe, über die internationalen Pläne für das Holzunternehmen, herausfordernde Zeiten und die Automatisierung als Antwort auf den Fachkräftemangel.

Herr Leissing, laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte unter europäischen Finanzchefs befindet sich die Stimmung auf einem neuen Tiefpunkt – Wie geht es der Egger Gruppe, eines der erfolgreichsten Unternehmen im Land, das weltweit agiert?

Thomas Leissing: Es wird negativer berichtet, als wir es erleben. Wir sind insgesamt mit der Lage zufrieden. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es trotz wirtschaftlicher Herausforderungen einen Bauboom gibt und unsere Branche insgesamt weniger exponiert ist als etwa die Autoindustrie. Die Auftragslage unserer Kundschaft, die vorwiegend aus der Möbelindustrie kommt, ist nach wie vor gut. Davon profitieren wir. Wir sind mit all unseren Werken sehr gut ausgelastet. Nichtsdestotrotz gibt es einige Märkte, die schwieriger sind, beispielsweise der argentinische, der von einer wirtschaftlichen Rezession geprägt ist.  

Zu den jüngsten Auslandsinvestitionen der Egger Gruppe: Neue Standorte gibt es in Polen und Argentinien, 2020 soll das erste Werk in Amerika eröffnen. Welcher Plan steckt hinter dem Expansionskurs?

Wir setzen auf nachhaltiges Wachstum. Als Familienunternehmen sind wir in der glücklichen Lage, unsere Einnahmen für Investitionen und Wachstum ausgeben zu können – ohne hohe Dividendenausschüttungsquoten berücksichtigen zu müssen. Wir sind über die Jahrzehnte, die es Egger gibt, sukzessive gewachsen: Auf Österreich folgte erst West-, dann Osteuropa inklusive Russland und der Türkei. Um schrittweise weiterwachsen zu können, fassten wir Süd- und Nordamerika als Zielmärkte mit eigenen Produktionsstandorten ins Auge. Der erste Schritt war die Akquisition eines Werks in Argentinien. Nächstes Jahr folgen die USA mit der Inbetriebnahme eines neuen Werkes, das wir derzeit aufbauen.

Welche Erwartungen haben Sie für diese drei neuen Standorte?

Unsere Erwartungen und Strategien unterscheiden sich von Land zu Land, da Wohnen und Bauen sehr stark kulturell geprägt sind. Die Idee für Argentinien war, dort mit unserem Geschäftsmodell für Europa zu wachsen. Die argentinische Wohnkultur ist der europäischen sehr ähnlich. Designstücke und exklusive Möbel sind gefragt. Unsere Zielgruppe sind daher Designer, Tischler und Architekten. Durch die politische und wirtschaftliche Krise ist der Markt allerdings um 20 Prozent geschrumpft. Die Umsätze in unserem neuen Werk blieben hinter den Hoffnungen. Eine Auslastung ist nur durch den Export in die USA möglich. In den USA hingegen gilt es, den Markt erst schrittweise aufzubauen und die europäische Wohnkultur und Art der Möbelproduktion zu verankern. Die USA unterscheiden sich komplett von allen anderen Ländern, in denen wir aktiv sind.

Inwiefern?

Die Amerikaner wohnen ganz anders – sie nutzen Vollholz- und Sperrholzmöbel. Das spiegeln auch die amerikanischen Möbelfabriken wider, die stark veraltet sind und auf einem Stand wie in Europa vor dreißig Jahren. Wir wollen die Möbel- und die Holzwerkstoffindustrie in den USA erneuern. Mit unseren vollautomatisierten und digitalisierten Produktionsprozessen erwarten wir einen Wettbewerbsvorteil. Polen wiederum, wo wir im Juni dieses Jahres einen neuen Produktionsstandort eröffnet haben, ist für uns schon lange ein wichtiger Exportmarkt, da das Land hinter Deutschland und Italien der größte Möbelproduzent Europas ist. Ein eigenes Werk dort war ein logischer Schritt. Dort wollen wir nun den Marktanteil ausbauen.

Ist die weltweite Ausrichtung in einer Zeit, die von wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit geprägt ist, Chance oder Risiko?

Die politischen Entwicklungen, die wir derzeit in verschiedenen Ländern erleben, sehen wir definitiv als Risiko. Nationale Interessen stehen aktuell vor globalen – das wirkt sich negativ auf die gesamte Wirtschaft aus. Es brechen Märkte weg – wie Argentinien oder die Türkei – und der interne Aufwand wächst, etwa in der Kontrolle von Sanktionslisten. Auch die Rohstoffverfügbarkeit wird mitunter aus politischen Gründen schwierig, wie etwa in der Ukraine.

Egger betreibt in Großbritannien zwei Werke. Welche Auswirkungen hat der Brexit auf Ihr Geschäft?

Der Brexit wurde mehrmals verschoben. Entsprechend oft haben wir unsere Lagerbestände hochgefahren, um im Fall von Lieferengpässen aufgrund ungeklärter Zollfragen nicht plötzlich ohne Rohstoffe dazustehen. Bisher sind in Großbritannien keine Auswirkungen zu spüren – im Gegenteil, UK war wider Erwarten einer der Märkte mit der besten Performance. Doch der Brexit wird der Konjunktur in England sicher schaden. Man sieht, selbst ein Unternehmen wie wir, das im Wohnungs- und Bausektor tätig ist, spürt die Auswirkungen politischer Entscheidungen.

Braucht es eine extra Portion Mut, um in einer so instabilen Zeit internationale Wachstumspläne zu verfolgen?

Auf jeden Fall. Es braucht sicher Mut, aber man kann es schaffen – mit einer guten Mannschaft, wenn man die Familieneigentümer hinter sich hat und wenn man Experte auf seinem Gebiet ist. Gleichzeitig bedeuten neue Märkte neue Chancen – das ist der Vorteil. In Österreich und Deutschland hätten wir zu geringe Wachstumschancen.

Sind weitere Auslandsstandorte in Planung?

Derzeit nicht. Aber wir werden schrittweise Asien dahingehend analysieren, ob es Möglichkeiten für weiteres Wachstum gibt. Der asiatische Markt spielt zunehmend eine wichtige Rolle für uns. In Asien und Australien erzielen wir allein durch den Export ein Umsatzvolumen von 250 Millionen Euro jährlich.

Welche Bedeutung hat Tirol als Standort?

Tirol spielt allein aufgrund des Stammsitzes in Sankt Johann eine zentrale Rolle. Hier in Sankt Johann befindet sich unser historisches Werk, unsere Gruppenzentrale und daher sehr viel Know-how in allen Bereichen. Hier arbeiten jene Mitarbeiter, die dabei helfen, Egger europaweit und weltweit zu dem zu machen, was es ist. Hinzu kommt seine Bedeutung als Produktionsstandort. In keinem anderen Werk entsteht eine so große Produktvielfalt wie hier. Auch als Absatzmarkt spielt Tirol eine Rolle, aber aufgrund der Dimension natürlich eine kleinere.

Am Stammwerk investierte das Unternehmen heuer 20 Millionen Euro – unter anderem in die Automatisierung. Wie wichtig sind solche Innovationen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

In unseren neuen Werken, wie in Polen, ist die Produktion dort, wo es möglich ist, bereits vollautomatisiert. Dieses Ziel verfolgen wir schrittweise für all unsere Werke. Um ein Beispiel zu nennen: Hier, im Werk in Sankt Johann, sind zunehmend weniger Stapler zu sehen. Die Platten werden maschinell produziert, automatisch über Rollbahnen ins Hochregallager gebracht und von dort ebenso automatisch den Veredelungsanlagen zugeführt. Stapler werden nur mehr zur Beladung für den Transport zum Kunden eingesetzt. Die Automatisierung, die immer mit Digitalisierung einhergeht, ist aus mehreren Gründen wichtig: Erstens wegen des Arbeitskräftemangels – gerade für relativ einfache Arbeiten findet sich kaum Personal. Es geht nicht darum, Mitarbeiter zu ersetzen, sondern darum, Tätigkeiten, für die wir kaum Mitarbeiter finden und die belastend sind, von Maschinen erledigen zu lassen, etwa in der Verpackung oder bei Transportsystemen. Ein weiterer Grund ist die höhere Veredelung unserer Produkte. Durch die Daten, die generiert werden, können wir Arbeitsprozesse optimieren und die Qualität stetig steigern. Das Ergebnis sind optimale Auslastung, hochwertige Produkte und kaum Beschädigungen.

Sie gelten als einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Wie lassen sich Automatisierung und Arbeitsplatzsicherheit vereinbaren?

Der Standort in Sankt Johann ist in puncto Mitarbeiterzahl in den letzten Jahren stetig gewachsen, obwohl wir automatisiert haben. Die Automatisierung und Digitalisierung wirken sich durchaus auf die Arbeitswelt aus – in der Produktion, in der Verwaltung und in anderen Bereichen. Allerdings werden Arbeitskräfte, deren frühere Aufgaben von Maschinen erledigt werden, für neue Tätigkeiten gebraucht. Mit jeder Automatisierungs- und Digitalisierungswelle in Sankt Johann sind bisher neue Arbeitsplätze entstanden. Es gibt eine Verschiebung und keinen Verlust. Wir bieten Mitarbeitern die Möglichkeit, sich zu schulen und weiterzuentwickeln. Das erfordert eine gewisse Offenheit, ist aber auch eine Chance.

Sie haben den Fachkräftemangel angesprochen. Egger wurde heuer zum Best-Recruiter Österreichs in der Holzbranche ausgezeichnet. Gelingt es durch die Bemühungen in der Personalarbeit auch, den kompletten Fachkräftebedarf zu decken?

Wir können unseren Fachkräftebedarf decken. Doch während sich etwa früher auf eine Lehrstelle fünf Bewerber gemeldet haben, sind es heute nur mehr zwei. Wir sind gefordert, uns mehr zu bemühen, Stichwort Employer Branding. Aber allein als Unternehmen werden wir es nicht schaffen, den Fachkräftemangel in den Griff zu bringen. In Österreich und ganz Europa muss es gelingen, das Thema Lehre richtig zu positionieren und das Bild der Lehre aufzuwerten. Gelingt uns das nicht, haben wir ein Problem.

Abschließend noch zu einem Thema, das aktuell die ganze Welt bewegt: den Klimawandel. Unternehmen werden zunehmend gefordert, einen Beitrag zu leisten. Was trägt Egger Holz zum Klimaschutz bei?

Nachhaltigkeit spielt bei uns nicht nur eine Rolle, weil es derzeit Trend ist, sondern weil unser Geschäftsmodell auf Kreislaufwirtschaft aufbaut. Wir beziehen Holz, unseren Hauptrohstoff, aus nachhaltiger Forstwirtschaft von kontrollierten Lieferanten. Dabei verarbeiten wir unter anderem minderwertiges Holz – auch Schadholz, wie wir es heuer aufgrund der Borkenkäferplage in großen Mengen hatten. Auch Nebenprodukte werden weiterverarbeitet. Wir sehen es als Problem, dass Holz in Form von Pellets oder Hackschnitzeln verbrannt wird. Dafür ist es zu schade. Wir sind für Verwenden, statt Verbrennen. Erst mit den Reststoffen, die bei der Spanplattenproduktion anfallen und nicht stofflich weiterverwertet werden können, erzeugen wir mit Biomassekraftwerken Wärme und Ökostrom. An all unseren Standorten – mit Ausnahme von Russland und Argentinien – sind wir weitgehend frei von fossilen Brennstoffen. Darüber hinaus bestehen 30 bis 40 Prozent der Spanplatten aus alten Möbeln, die wir über die Altholzsammlung beziehen. Diese Kreislaufwirtschaft ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Wo ist noch Luft nach oben?

Es gibt Bereiche mit Verbesserungspotenzial, etwa im Verkehr. Wir sind zwar um umweltbewusste Logistiksysteme bemüht, allerdings können wir diese Herausforderung nicht als Unternehmen allein bewerkstelligen. Wir wären froh, wenn wir gerade in Tirol mehr mit der Eisenbahn transportieren könnten. Was den Verkehr betrifft, so braucht es mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Maßnahmen wie das sektorale Fahrverbot oder Blockabfertigung sind zu kurzfristig gedacht und eine Belastung für die Wirtschaft und Tirol als Industrie­standort.

Immer mehr Branchen greifen auf Holz zurück – als Alternative zu fossilen Brennstoffen, oder etwa als Rohstoff in der Bau- oder Textilindustrie. Kann Egger seinen Holzbedarf auch in Zukunft decken?

Das ist ein wichtiges Thema, das auch unsere Unternehmensstrategie beeinflusst. Wir müssen verschiedene Wege einschlagen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Zum einen wollen wir uns verstärkt auf Premiumprodukte ausrichten. Durch die höhere Wertschöpfung, die wir dadurch erzielen, sind wir in der Lage, steigende Holzpreise zu kompensieren. Für sehr einfache Produkte wird Holz in Zukunft vielleicht zu teuer. Zum anderen arbeiten wir sehr eng mit unseren regionalen Lieferanten und sind auch Dienstleister für Waldbesitzer, um die Versorgung zu sichern. Wir sind zuversichtlich, dass wir unseren Bedarf auch künftig decken können, aber nicht ohne Bemühungen. Der Wald steht im Moment unter Druck: durch die Windwürfe im letzten Jahr, die Schneemengen, die Borkenkäfer. Wir sind Partner des Forstes und müssen gemeinsam langfristige Lösungen finden. Es kann nicht weiterlaufen wie bisher.

Im Zusammenhang mit der Holzbeschaffung in Osteuropa wird immer wieder die Legalität des Holzes infrage gestellt. Wie kann Egger sicherstellen, dass nur legal geschlägertes Holz in seinen Werken verarbeitet wird?

Hier gilt bei uns eine Nulltoleranzpolitik. Unser Holzeinkauf arbeitet nach sehr strengen Richtlinien, insbesondere der Europäischen Holzhandelsverordnung. Diese beinhaltet ein Sorgfaltspflichtsystem mit Risikobewertung für alle Lieferanten. Wir dokumentieren im Holzeinkauf lückenlos und gehen gegen jeden Versuch krimineller Machenschaft vor. Außerdem lassen wir unser rechtmäßiges und verantwortungsvolles Handeln beim Einkauf von Holz auch von unabhängigen Dritten prüfen und zertifizieren.

Herr Leissing, werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie Egger in zehn oder zwanzig Jahren?

Wir wollen weiterhin wachsen – zwischen drei und fünf Prozent pro Jahr, wie in den letzten Jahren. Die Voraussetzungen dafür haben wir mit den neuen Werken in Polen und den USA, aber auch mit stetigen Investitionen in all unsere Standorte, geschaffen. Nun wollen wir diese Investitionen nutzen. In fünf Jahren gilt es dann, neue Ideen für weiteres Wachstum zu entwickeln.

„Neue Märkte, neue Chancen“
Thomas Leissing, Finanzchef und Sprecher der Egger Gruppe

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