Neues tun, ohne Altes zu lassen

Koch Media mischt am Gaming-Markt, aber auch im Film- und Merchandise-Bereich kräftig mit. Wie komplex es ist, von Tirol aus international zu operieren, und welche Chancen digitale und individualisierte Produkte schaffen, erklärt Geschäftsführer Reinhard Gratl.

Was macht den Standort Höfen im Außerfern attraktiv?

REINHARD GRATL: Das ist oberflächlich „Mitten im Nirgendwo“ aus dem Inntal betrachtet eine immer wiederkehrende Frage. Generell ist das Außerfern für ein internationales Gaming-Unternehmen im Herzen Europas auf den ersten Blick ein „unerwarteter“ Standort. Aber wir beschäftigen hier viele verlässliche und langjährige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus aktuell 16 Nationen, die sich durch ihre hohe Qualifikation, Verlässlichkeit und Verbundenheit mit dem Unternehmen auszeichnen und wissen, wie die Dinge laufen. Und wir sind auch laufend dabei, unser Team am Standort Höfen zu verstärken und stetig zu erweitern.

Also hat das Außerfern mit Ihnen eine gute Balance zum in Tirol dominierenden Tourismus?

Wir haben natürlich auch sehr gute Hotels und mehr in der Region. Aber DEN allseits bekannten Tourismus gibt es im Außerfern eigentlich so nicht. Wir haben einen idealen und stabilen Mix an kleinen, mittleren und großen internationalen Unternehmen im Außerfern. Der sanfte Tourismus hat sich in der Region in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Damit haben wir, denke ich, einen ausgewogeneren Mix aus Industrie, Tourismus und Handel als viele andere Regionen. Wir profitieren auch von einer hohen Qualifikation eines einmaligen lokalen schulischen Angebots und können ein tolles berufliches Spektrum bieten.

Welchen Faktor spielt die Digitalisierung dabei?

Einen sehr großen. Für uns ist es immer wichtig, „das Eine zu tun, aber das Andere nicht zu lassen“. In Summe beschäftigen wir derzeit weltweit rund 2.350 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon entwickeln ca. 1.600 große Computerspiele in verschiedenen Studios. Früher haben wir „nur“ Computerspiele ge- und verkauft, aber schnell gemerkt, dass wir damit austauschbar sind und keine Kontrolle über das Produkt haben. Deswegen haben wir selbst zu entwickeln begonnen und in eine internationale Unternehmensstruktur investiert. Das hat Unabhängigkeit geschaffen. Dennoch sind wir der Meinung, dass auch das physische Geschäft Zukunft hat. Wir sind verlässlicher Geschäftspartner für den stationären Handel wie Media Markt, Müller, Amazon, FNAC, Gamestop und viele mehr.

Bietet Ihnen Tirol im Hinblick auf die Digitalisierung alles, was Sie brauchen?

In Österreich glauben wir, dass „Digitalisierung“ mit der Infrastruktur abgehakt ist.Digitalisierung ist aber  weit mehr als Breitbandausbau. Ganz wesentlicher Faktor wären Ausbildungsmöglichkeiten. Wir haben Talent auch in Europa, allerdings muss das gefördert und entwickelt werden. Aber uns fehlen in Österreich Ausbildungsplätze und Möglichkeiten für junge Menschen das notwendige Know-how aufbauen zu können und Erfahrungen zu sammeln. Und dann ist da das Thema der Förderung: Großbritannien bietet Entwicklungsstudios Förderungen mit beachtlichen Steuervorteilen und zieht Talente an. Kein Wunder also, dass viele junge Menschen und auch Investoren dorthin gehen und eine digitale Zukunft aufbauen. Das betrifft nicht nur Spiele, sondern Website-Design, kreative Grafiker, Produkt-Design, Apps-Programmierung und mehr.

Koch Media hat in seiner Laufbahn viele Nischen für sich erobert. Angefangen als reiner Vertreiber von Video-Spielen zählen Sie mittlerweile auch Entwickler und eine eigene Film- Sparte zu Ihrem Portfolio. Und was wird die Nächste sein?

Wir haben gerade jetzt ein Unternehmen in den USA gekauft, das Game-Merchandise herstellt und entwickelt. In Europa bieten wir das schon länger an. Jetzt können wir aber die Märkte in der EU und den USA parallel mit Produkten bespielen, für die wir die Lizenz innehaben. Das macht uns für zukünftige Lizenzgeber besonders interessant. In Höfen wird dafür gerade eine neue Anlage von Aeeon aus Kramsach in Betrieb genommen, mit der wir T-Shirts individuell on-demand bedrucken können.

Geht es dabei darum, eine größere Produktpalette anzubieten?

Früher haben wir zehn T-Shirt-Designs entworfen. Davon konnten wir schlussendlich zwei produzieren – in einer Größen-Verteilung, von der wir angenommen haben, dass sie den Kundenwünschen entspricht. Welche Designs das waren, mussten wir im Vorfeld entscheiden. Jetzt können Kunden auf der Website aus allen Motiven wählen und – wenn der Lizenzgeber das erlaubt – zum Beispiel auch mit ihrem Spieler-Namen personalisieren. Geht die Bestellung ein, wird das T-Shirt am selben Tag mit dem Design, in der bestellten Farbe und Größe in Höfenbedruckt und versandt. Damit bieten wir viel größere Auswahl und reduzieren den Überschuss auf nahezu Null, ebenso wie den Aufwand für Logistik, Lagerhaltung nd mehr. Das senkt nicht nur Kosten, sondern ist auch deutlich nachhaltiger – worauf wir sehr viel Wert legen. Nicht umsonst operieren wir seit diesem Jahr auch CO2-neutral.

Mit der Übernahme durch die mittlerweile börsennotierte Embracer Group 2018 ist Ihr Netzwerk noch einmal gewachsen. War dieses Ausmaß der Diversifikation und Internationalisierung chon vor dem Merger geplant?

Wir waren auch davor sehr international aktiv. Was sich verändert hat – und das war genau der richtige Zeitpunkt mit Embracer als richtigem Partner – ist, dass wir durch die Börsennotierung neue Möglichkeiten bekommen haben und deutlich mehr investieren konnten, um Studios zu akquirieren. In unserer Branche geht es weniger darum, Fabriken zu kaufen, sondern darum, Menschen zubegeistern, zu motivieren, gemeinsam an einem tollen Projekt zu arbeiten. Und da
ist der Wettbewerb um das Talent sehr groß. Zugleich müssen wir Freiheiten, Vertrauen und ein inspirierendes Umfeld bieten. Programmierer und Designer sind Künstler, so wie Musiker. Wenn in einem Studio 200 Personen drei Jahre lang an einem Spiel arbeiten und entwickeln, ist es eine Riesen-Management-Aufgabe. Und dabei haben wir mit Embracer einen hervorragenden Partner, der uns das nötige Vertrauen schenkt.

Die Marktverschiebung hin zu Digitalen und den Rückgang bei physischen Medien haben Sie ja bereits angesprochen. Wie gehen Sie damit um?

Das stimmt so nicht ganz. Der Verkauf physischer Datenträger geht nicht zurück, er bleibt stabil. Allerdings verschiebt sich der physische Produktmix auf verschiedene und neue Hersteller. Wobei natürlich klar ist, dass das digitale Geschäft gewaltiges Potential hat, weil wir im digitalen Segment weltweite Rundum- Verfügbarkeit ohne Logistikkosten, Lagerhaltungskosten und mehr haben. Aber, selbst wenn das physische Geschäft langfristig weniger wird, müssen wir uns rechtzeitig neue Produkte und Märkte suchen. Und das ist derzeit das physische Merchandise-Geschäft. Für uns bedeutet das, eine Alternative zu bieten. Der Gaming-Markt ist größer denn je – wir müssen uns jetzt um die notwendige Infrastruktur kümmern und mit hohem Individualisierungs- und Qualitätsanspruch begeistern. Und, wie schon gesagt, das eine tun, aber das andere nicht lassen.

Zur Person

Reinhard Gratl hat an der Universität Innsbruck studiert und an der Universität St. Gallen (HSG) promoviert. Seit 1997 ist er Teil des Koch-Media-Managements. Er leitet zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Klemens Kundratitz von Höfen die erfolgreiche Koch-Media-Unternehmensgruppe mit einem konsolidierten Umsatz von über € 500 Mio., einem jährlichen zweistelligen Umsatzwachstum, weltweit 2.350 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen an über 30 Standorten und 45 Firmenbeteiligungen. Die Koch-Media-Gruppe ist seit dem letzten Jahr auch CO2- neutral und investierte seit Juli 2021 rund € 15,5 Mio. in den Ausbau des Standortes Höfen.

Übernahme

2018 ließ sich der schwedische börsennotierte Computerspiel-Konzern Embracer Group (früher THQ Nordic) die Koch-Media-Gruppe ganze 121 Millonen Euro kosten. Das Tiroler Unternehmen operiert auch seither komplett eigenständig, ist damit Teil der Embracer Group mit derzeit weltweit mehr als 10.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Oscar-reif

Seit 2003 ist Koch Media auch als Distributor für Home Entertainment aktiv. Besonders bezahlt  hat sich dieses Engagement 2020 gemacht: Mit der vierfachen Oscar-Auszeichnung des Films „Parasite“, dessen Rechte im deutschsprachigen Raum bei Koch Films liegen, hat Koch damit unter anderem einen internationalen Überraschungs-Hit im Portfolio.

Hochsicherheit

Als EMEA Vertriebspartner von Activision in ganz Europa außer Großbritannien und Italien war Koch Media im vergangenen Jahr auch die Distribution des aktuellsten Titels der Call-of-Duty-Computerspiel-Reihe verantwortlich. Für den Launch-Tag musste die termingerechte Logistik für rund eine Million physischer Kopien abgewickelt werden – inklusive der Bewachung der „heiß“ begehrten Spiele.

  • Koch2

    „Wir haben einen idealen und stabilen Mix an kleinen, mittleren und großen internationalen Unternehmen im Außerfern.“ Reinhard Gratl

  • Koch1

    Doch bald bekommt der altgediente „Mitarbeiter“ interne Konkurrenz. In einer neu errichteten Halle wird ein automatisches Versandlager mit rund 22.000 Boxen, das auf bis zu 60.000 Boxen nachgerüstet werden kann, Platz finden.

  • Koch3

    Computer-Spiele, DVDs, T-Shirts, Fanartikel aller Art und mehr warten im Lager in Höfen auf den Versand.

  • Koch4

    Seit mittlerweile fast 30 Jahren tut bei Koch Media der selbst entwickelte „Amadeus“ seinen Dienst: Der Lager-Roboter unterstützt die Logistik-Abteilung dabei, täglich zwischen 55.000 und 60.000 Artikel zu versenden.

Neues tun, ohne Altes zu lassen
„Großbritannien bietet Entwicklungsstudios Förderungen mit beachtlichen Steuervorteilen.“ Reinhard Gratl, Geschäftsführer Koch Media

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