„Wir wollen ernst genommen und gehört werden“

Lena Glaser berät Unternehmen dabei, ihre Unternehmenskultur zu modernisieren und junge Talente zu gewinnen. Zuletzt hat sie am fünften Tiroler Adlerforum ihre Expertise unter Beweis gestellt und über die Wünsche und Bedürfnisse junger Mitarbeiter:innen aufgeklärt.

Du hast vor fünf Jahren einen gut bezahlten Job als juristische Referentin im Finanzministerium an den Nagel gehängt und dich selbstständig gemacht. Was war der Auslöser für diesen Neustart?

Lena Glaser: Ich bin mit sehr viel Motivation und Engagement in den Beruf gestartet. Nach einigen Jahren habe ich aber entdeckt, dass mir meine Arbeit nicht mehr gut tut. Ich habe gemerkt, dass ich jeden Tag mit Anspannung und Widerwillen ins Büro gehe. Ich war erschöpft und chronisch frustriert. Da habe ich für mich selbst entschlossen, dass das so nicht weitergehen kann. Ich war ja erst Anfang 30! Ich wusste, dass ich etwas grundlegend ändern musste.

Meinen Job aufzugeben, war aber trotzdem eine sehr schwere Entscheidung für mich. Ich bin dabei auf große Widerstände gestoßen, es war ein herausfordernder Prozess für mich, aber auch für mein Umfeld. Rückblickend bin ich aber sehr froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Ich habe im Sommer 2017 Basically Innovative gegründet. Die Idee dahinter war, neue Konzepte der Arbeit sichtbar zu machen und zu zeigen, wie man in Zukunft anders arbeiten kann. Eine weitere wichtige Motivation für mich war, eine Plattform für junge Frauen und ihre Ideen für die Veränderung der Arbeitswelt zu schaffen.

Du berätst Unternehmen und Institutionen, die junge Mitarbeiter:innen besser verstehen und ihre Unternehmenskultur und Arbeitsweise aufbrechen und modernisieren möchten. Was sind die größten Missverständnisse gegenüber jungen Menschen, die dir begegnet sind?

Die häufigsten Vorurteile sind, dass junge Menschen zu hohe Erwartungen hätten, nicht arbeiten wollen und am liebsten alle Influencer:innen werden wollen. Richtige Arbeit wäre nichts für uns, heißt es. Ich frage Führungskräfte dann, ob sie sich schon mal Zeit genommen haben, um mit ihren jungen Mitarbeiter:innen oder ihren eigenen Kindern zu sprechen.  Es gibt so viele engagierte und motivierte junge Menschen, die mit ihrer Arbeit etwas bewegen wollen, sie finden aber einfach nicht die richtigen Rahmenbedingungen dafür. Deshalb wollte ich in diesem Bereich arbeiten, um Brücken zwischen den Generationen zu bauen und diese vielen Missverständnisse abzubauen.

Was zeichnet deiner Meinung nach die Generationen, die nach 1980 geboren wurden, aus? Was fordern sie und wie definieren sie eine sinnvolle Arbeit?

Ich beobachte einen starken Wertewandel bei jungen Menschen. Zugespitzt formuliert würde ich sagen: Junge Menschen arbeiten lieber 30 Stunden die Woche, als einen Dienstwagen zu haben. Es gibt einfach eine Verschiebung der Werte: weg vom Materialismus, hin zur Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Junge Menschen haben den starken Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Man will für Organisationen und Unternehmen arbeiten, die einen ernst nehmen. Außerdem will man Zeit für andere Dinge haben: für die Familie, das Ehrenamt oder Hobbys. Junge Mitarbeiter:innen wollen ihre Ideen einbringen und erwarten, dass Unternehmen den Mut haben, gemeinsam mit ihnen neue Wege zu gehen. Es gibt, glaube ich, für junge Leute nichts Schlimmeres als den Satz: „Wir haben das immer schon so gemacht.“

Meine Generation lässt das Beharren am Status quo einfach nicht mehr gelten. Wenn die Widerstände zu groß werden, dann gehen wir. Loyalität ist nicht mehr einfach als Pflicht der Arbeitnehmer:innen zu verstehen. Unternehmen müssen aktiv etwas dafür tun. Das heißt aber absolut nicht, dass Millennials und nachfolgende Generationen nicht gerne arbeiten. Wir wollen einfach ernst genommen und gehört werden. Wir verlangen, dass für uns Freiräume und Möglichkeiten geschaffen werden, in denen wir uns einbringen und entwickeln können. Wir wollen entsprechend unserer Bedürfnissen arbeiten, mit mehr Freude, Leichtigkeit und Transparenz.

Das Thema Arbeitskultur auf Augenhöhe spielt in deiner Arbeit eine wichtige Rolle. Warum tun sich die Verantwortlichen in österreichischen Unternehmen schwer mit dem kritischen Input junger Mitarbeiter:innen?

Es liegt sicher daran, dass das keine gelebte Praxis bei uns ist und Führungskräfte der Mindset dafür fehlt. Weil sie es einfach nie gelernt haben und damit überfordert sind. Die Ausbildung in Schule und Studium und die Unternehmenskultur hierzulande sind von jeher von einer sehr hierarchischen Top-down-Struktur geprägt, in der viel delegiert und kontrolliert wird. Die Begegnung auf Augenhöhe zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter:innen hat bei uns keine Tradition – anders wie zum Beispiel in der nordischen Arbeitskultur. Es gibt Wirtschaftsbereiche auch bei uns, in denen man da schon weiter ist, aber in vielen Unternehmen kennt man das einfach nicht.

Wie können es Unternehmen dann schaffen, junge Mitarbeiter:innen zu rekrutieren und vor allem langfristig zu halten?

Dafür ist ein Kulturwandel notwendig, und der funktioniert nicht von heute auf morgen. Für den braucht es ein langfristiges Engagement und vor allem müssen Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt werden. Unternehmen, die das Thema „Neues Arbeiten“ ernst nehmen, investieren auch in diese Veränderung.

Am Anfang steht immer eine Analyse der Ausgangslage: Wo steht das Unternehmen, was sind seine Stärken, was funktioniert schon gut. Kein Betrieb ist nur gut oder schlecht. Es gibt in jeder Firma Entwicklungspotenziale. Oft werden diese erkannt und vorangetrieben von Idealist:innen aller Altersgruppen, die mitgestalten möchten – aber oft einfach nicht die Entscheidungsmacht haben, in Arbeit untergehen und/oder mit ihrem Engagement ignoriert werden.

Dann folgt die Definition eines Zieles: Wo wollen wir mit unseren Maßnahmen hin? Für diesen Prozess muss sich das Unternehmen Zeit nehmen und im besten Fall Mitarbeiter:innen aus den verschiedenen Hierarchiestufen und externe Expert:innen mit einbinden, um die notwendigen Veränderungen breit zu diskutieren und Möglichkeiten für die Mitgestaltung zu schaffen. Nur dann können solche Change-Prozesse von Erfolg gekrönt sein.

Nach einer erfolgreichen Analyse muss eine Strategie formuliert werden, die es dann schrittweise umzusetzen gilt. Begleitend dazu ist eine transparente Kommunikation nach innen und außen absolut notwendig. Wobei auf die Perspektive und Sprache der betroffenen Gruppen Rücksicht zu nehmen ist. Bei all diesen Prozessen helfe ich. Ich habe dafür Werkzeuge entwickelt, um mit Playfulness und Leichtigkeit maßgeschneiderte Lösungen für jedes Unternehmen zu finden. Mein Motto ist dabei: Raus aus dem Hamsterrad, aber mit Feingefühl.

Kann man heutzutage als Unternehmen noch darauf verzichten, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?

Wir befinden uns in einer sehr weitreichenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation. Es gilt aufzuwachen und etwas zu tun. Natürlich kann man die Corporate Social Responsibility nur als Marketingtool sehen, ich warne aber davor. Ich möchte Mut machen, dass soziale Verantwortung und der Einsatz für soziale und ökologische Themen sich absolut für die Unternehmen auszahlen. Wichtig ist auch hier zu evaluieren, welche Initiativen gibt es bereits vor Ort oder im Unternehmen und für welche Themen will man sich engagieren. Auch in diesem Fall sind eine genaue Analyse, eine genau definierte Strategie und Ressourcen erforderlich. Die notwendige Transformation, die uns bevorsteht, verlangt den Menschen und den Betrieben sehr viel ab, deshalb muss sich jeder von uns überlegen, was sie oder er mit ihren Mitteln machen kann, um etwas zu bewegen.

Unternehmen muss bewusst sein, dass kaum ein junger Mensch, vor allem Angehörige der Gen X und Gen Z, in einem Betrieb arbeiten will, in dem soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz nicht wichtig sind und in dem nur darüber diskutiert wird, wie man noch mehr Profit auf Kosten des Menschen und Planeten herausschlagen kann.

Wenn Unternehmen in Zukunft erfolgreich sein und motivierte und begabte Mitarbeiter:innen haben wollen, müssen sie soziale und ökologische Themen ernst nehmen und Stellung beziehen.

Müssen jetzt also alle Unternehmen „grün“ werden?

Um das Thema Nachhaltigkeit, in allen Facetten von der ökologischen, sozialen und ökonomischen,   wird, glaube ich, kein Unternehmen herumkommen. Aber: Es bringt nichts, sich irgendwelche zeitgeistigen Schlagworte auf die Website zu schreiben, wenn die Arbeitnehmer:innen an ihrem ersten Tag gleich erkennen müssen, dass das nur leere Worte waren. Change-Prozesse müssen wirklich ernst genommen und authentisch betrieben werden, sonst kann man es gleich bleiben lassen. Wer jetzt nicht handelt, vergibt eine wichtige Chance, und es kann sein, dass Unternehmen dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft einbüßen.

Was ist die Aufgabe von Führungskräften der Zukunft und welche Qualitäten müssen sie mitbringen?

Ich habe vor ca. zwei Jahren einen Workshop mit Schüler:innen eines Gymnasiums in Wien gemacht. Für die war ganz klar, dass sie eine Führungskraft haben wollen, die für sie wie ein:e Mentor:in und Vorbild ist. Führungskräfte, die jetzt schon in diesen Positionen arbeiten, sind wirklich angehalten, sich weiterzubilden und diese Kompetenzen zu entwickeln, um dieser Rolle und den Erwartungen neuer Generationen von Arbeitskräften gerecht werden zu können. Es ist ja auch im Eigeninteresse von Unternehmen, auf diese Veränderungen vorbereitet zu sein.

Was ganz zentral ist: Unternehmen müssen lernen, schon beim Recruiting ihren Blick zu öffnen, wer als Führungskraft der Zukunft in Frage kommt. Konkret geht es hier auch vor allem um junge Frauen, von denen es einfach zu wenige in Führungspositionen gibt. Sie bringen das Engagement, die Ausbildung und die Talente mit. Unternehmen sollten in ihren eigenen Reihen nach solchen Personen Ausschau halten und auch im Recruiting gezielt darauf schauen, jungen Frauen die Chance zu geben, sich zu Führungskräften zu entwickeln. Gerade viele sehr selbstkritische und reflektierte junge Frauen trauen sich das einfach nicht zu, obwohl sie alle Qualitäten mitbringen. Sie gilt es einzuladen und ihnen Raum zu geben, damit sie ihre Talente und Stärken einbringen können. Das bringt alle Unternehmen wirtschaftlich und menschlich nach vorne.

Welchen Rat würdest du jungen Menschen mitgeben, die gerade am Anfang ihres Karrierewegs stehen?

Stelle dir die richtigen Fragen und lasse dich nicht von Erwartungen anderer leiten: Was brauche ich? Was will ich? In welchem Bereich will ich arbeiten? Wo sind meine Stärken und worin bin ich gut? Hole dir Unterstützung von einer Mentorin oder Coach, suche den Austausch mit Gleichgesinnten, spreche mit Menschen, die in Bereichen arbeiten, die dich wirklich interessieren. Wer umfassend informiert ist und sich selbst wirklich gut kennt, tut sich leichter und wird automatisch in die richtige Richtung gehen.

ZUR PERSON

Lena Glaser ist Expertin für neues Arbeiten, Juristin, Unternehmensberaterin und Gründerin von Basically Innovative – Future Lab & Business Consulting.

www.basicallyinnovative.com

  • Lena-Glaser-Adler-Forum

    Lena Glaser veröffentlicht bald ihr erstes Sachbuch, das im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erscheinen wird.

„Wir wollen ernst genommen und gehört werden“
„Junge Menschen arbeiten lieber 30 Stunden die Woche, als einen Dienstwagen zu haben.“ Lena Glaser, Expertin für Neues Arbeiten

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