Zeit statt Zaster

Bullshit-Jobs, Antiwork-Bewegungen, Bore-Out oder Work-Life-Balance: Das Arbeitsleben ist im Umbruch. Anlässlich des Tags der Arbeit haben wir uns angesehen, was Arbeit eigentlich noch kann.

Wenn meine Großmutter noch leben würde, würde sie den Kopf schütteln. Du schon wieder mit deinen Ideen. Sie war Näherin in einer ungarischen Textilfabrik, wo sie von sechs Uhr in der Früh bis zwei am Nachmittag schuftete, um danach die Hausarbeit zu machen, den Gemüsegarten zu bestellen und die Tiere zu versorgen. Um acht Uhr am Abend schnarchte sie vor lauter Müdigkeit wie ein Dampfer.

Ich wiederum stehe hier im 21. Jahrhundert, die Welt des Sozialismus, wie meine Oma sie kannte, ist längst zerbröselt, auch die meinige wankt ordentlich und ich kann mich mit dem Gedanken des hart Arbeitens nicht anfreunden. Es ist dieser kleine Teufel auf der Schulter, der mir ins Ohr flüstert: Vergebene Lebensmühe. Du kannst dich so fest ins Zeug legen, wie du willst, du wirst an deinem Wohnort – in Innsbruck – nie eine Immobilie besitzen. Geschweige denn einen Garten, in dem du was anbauen oder Hühner halten könntest. Wozu dann hart arbeiten?

Große Resignation.

Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die dieser Logik verfallen ist. In den USA sprechen Wissenschaftler:innen von „the great resignation“, der großen Resignation. Seit Frühjahr 2021 haben dort insgesamt 33 Mio. Menschen ihren Job gekündigt – so viele wie nie zuvor. Im Land, wo hartes Arbeiten als linearer Weg zur Erfüllung des amerikanischen Traumes steht, ist das besonders verblüffend. „Antiwork“ ist der neue Trend, der sich u. a. auf Reddit gut verfolgen lässt. Hier haben sich innerhalb weniger Zeit 1,9 Mio. User:innen unter dem Subreddit „Antiwork“ registriert. Darin tauschen sie sich über Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz, Kündigungen und Möglichkeiten zum Ausstieg aus dem Hamsterrad aus. Auch klassische Medien wie die New York Times berichten über den Uber-Fahrer, der jetzt einen Food-Truck besitzt, und die Pflegerin, die lieber Gemüse anbaut.

Nicht nur in den USA macht sich das Infragestellen der bisher herrschenden Arbeitsmoral breit, wie die stellvertretende Landesgeschäftsführerin des Arbeitsmarktservice Tirol Sabine Platzer-Werlberger erklärt: „Studien zeigen, dass Entlohnung nicht mehr das Haupt-argument für die Stellenwahl ist. Wichtiger werden Arbeitszeiten und Berufe, die zu den Lebensinhalten der Menschen passen.“ Und die Menschen nutzen offenbar die Möglichkeiten, die der Sozialstaat in Österreich dafür bietet. Bildungskarenz ist en vogue: Vergleicht man die genehmigten Anträge des AMS aus Tirol von Feber 2020 (292) und Feber 2022 (349), haben 20 Prozent mehr Menschen die Möglichkeit zur Weiterbildung wahrgenommen. In den Jahren vor 2020 schwankten die Zahlen nie in diesem Ausmaß.

Bitte, keine Existenzängste mehr.

Einer der Menschen, über die Platzer-Werlberger spricht, ist der in Innsbruck lebende Marcell Schrittwieser, 39 Jahre alt. Bis zu seinem 24. Lebensjahr hatte der gelernte Werkzeugmacher schon zehn Jahre Arbeit auf dem Buckel. Nebenher wurde er zu einem der besten Paragleiter der Welt. Was er in der Arbeit nicht bekam – Lob, Anerkennung und das Gefühl von Freiheit –, erfüllte sich in der neuen Sportart. „Ich wusste, das ist meins. In der Arbeit konnte ich mich weder mit der starren Hierarchie anfreunden noch mich mit der Herstellung von Autoteilen identifizieren.“ Er kündigte, holte die Matura nach, studierte und arbeitete als Tandempilot und Kunstflieger für unregelmäßige Einnahmen.

Es vergingen Jahre in verschiedenen Arbeitsverhältnissen und der Inanspruchnahme von zahlreichen Karenzmöglichkeiten. Heute ist Schrittwieser im Alltag zweifacher Papa und seit Jahren nicht mehr am Arbeitsmarkt. Ganz aus der eigenen Tasche finanziert er das mit dem Familienleben nicht: „Meine Freundin ist wohlhabend. Das entspannt natürlich.“ Er rechtfertigt sich im gleichen Atemzug: „Ich weiß wie elitär das ist und wie schwer es andere haben – ich komme ja aus einer Arbeiterfamilie –, deshalb würde ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen wünschen, damit niemand Existenzängste haben muss.“ Einen Job sucht er trotzdem für die Zeit nach der Vaterkarenz: „Ich habe Umweltsoziologie studiert und würde gerne politische Kampagnenarbeit in 20 Stunden machen. Ich bin ein Team-Player und flexibel.“

Flexibilität geht vor.

Flexibilität ist das Stichwort für eine Innsbrucker WG, die lieber anonym bleiben möchte. Alle Namen wurden daher von der Redaktion geändert. Sie sind zu viert, alle um die 30 und haben – außer einer, die beim Gespräch gerade auf Reisen ist – Zeit, Mittwochmittag ein entspanntes Gespräch am sonnigen Balkon zu führen. Was sie verbindet, ist die Liebe zu den Bergen und das Verlangen, Zeit für sie zu haben. Sie haben keine Kinder, kommen aus Deutschland und können pro Kopf von zirka 1.000 Euro im Monat leben.

Henry war vor seiner jetzigen Teilzeit-Anstellung, Vollzeit im Finanzbereich tätig. „Ich habe Überstunden gemacht, hatte viel Verantwortung und war immer nahe dem Burnout.“ Alle im Betrieb waren ausgelaugt, das Arbeitsklima schlecht. Eigentlich wollte er klassisch Karriere machen und in der Hierarchie aufsteigen. Dann beantragte er nach langem Hadern doch eine Bildungskarenz, in der er sich überlegen konnte, wie er künftig arbeiten will, und in der er endlich Zeit für seine handwerklichen Projekte und das Bergsteigen fand. Aktuell ist er in Teilzeit in einem Start-up-Unternehmen beschäftigt, wo ihn seine Kolleg:innen endlich auch inspirieren.

Sein Mitbewohner Andreas hat sich für die Selbstständigkeit entschieden. Während er als Fotograf für eine Firma arbeitete, machte er nebenher seine eigenen Projekte. „Aber die Projekte in der Arbeit und meine Aufträge überlappten sich oft. Irgendwann habe ich nur mehr genörgelt.“ Anfang des Jahres kündigte er. „Jetzt arbeite ich vielleicht manchmal mehr, aber ich mache es für mich und dann, wann ich will.“ Tagsüber nutzt er das schöne Wetter aus und am Abend setzt er sich an den Computer. Das ist Lebensqualität für ihn.

David ist der unsteteste von den WG-Kollegen. „Ich habe mehr Lücken im Lebenslauf als Inhalte“, erzählt er. Der Pädagogikstudent wollte als Wirtschaftsingenieur Karriere machen, dann fing er an zu reisen, arbeitete am Oktoberfest und baute PV-Anlagen in Entwicklungsländern. Diese Arbeit hat ihm wirklich gefallen, aber die Firma strukturierte um und schickte ihn in die europäische Zentrale zum Däumchendrehen. Seine Hausärztin diagnostizierte „Boreout“ („ausgelangweilt sein“, sich nutzlos fühlen) und schickte ihn in den Krankenstand.

In einer Firma mit wirtschaftlichem Leistungsdruck will er nicht arbeiten. Jetzt kellnert er Teilzeit in einer Bar. „Ich bin extrem sparsam. Wenn es hart auf hart kommt, wohne ich im Auto und kann mich von zwei Euro am Tag ernähren.“ Ob er für seinen Lebensstil manchmal auch Kritik einstecken muss? „Aus dem Dorf, aus dem ich komme, finden die einen das saucool, die anderen sagen, ich bin ein Sandler, aus dem eh nix wird. Aber ich habe ein tolles Leben und das ist das Wichtigste.“

„Keinen Moment bereut“.

Dem tollen Leben wollen auch die Chefitäten der 2012 gegründeten Innsbrucker Digitalagentur florianmatthias auf die Sprünge helfen. Vor drei Jahren haben sie die Vier-Tage-Woche in ihrem Betrieb eingeführt. „Ursprünglich war die Vier-Tage-Woche der Wunsch von einer Mitarbeiterin. Sie wollte am Freitag freihaben. Irgendwann dachten wir, eigentlich wollen wir das auch“, so Florian Gapp und Matthias Triendl zu der Motivation dahinter. „Wir haben eine 32-Stunden-Woche bei einem Vollzeit-Lohn umgesetzt. Jetzt haben wir immer ein verlängertes Wochenende.“ Ihre 15 Mitarbeiter:innen können ihren Projekten nachgehen, Sport treiben, Netflix schauen oder einfach einen extra Tag mit der Familie verbringen.

Die Agenturchefs sind sich sicher, dass in ihrer Branche, in der die kreative Arbeit nicht linear gemessen werden kann, strikte Bürozeiten keinen Sinn machen. „Dieses Modell ist ein Stressmedikament, die magische Tablette gegen Burnout und ein Mitarbeiter-Bindungsmagnet. Wir haben weder finanzielle Einbußen gehabt noch Klient:innen, die deshalb nicht mehr mit uns arbeiten wollen. Die Vorteile überwiegen klar.“ Sie selbst haben den Schritt nie bereut und würden das allen Unternehmen in der Kreativbranche empfehlen: „Man braucht nur Mut und Strukturiertheit.“

Ob ihnen aufgrund dieser Lockerheit eine gewisse Autorität gegenüber den Mitarbeiter:innen abgeht? „Wenn wir früher ängstlich geworden sind und Autorität eingefordert haben, ist das immer nach hinten losgegangen. Das Wichtigste ist, gute Mitarbeiter:innen zu finden, die was leisten und an die man glaubt.“

Gapp spinnt zum Schluss des Gesprächs den Gedanken der Vier-Tage-Woche weiter: Wäre die Arbeit am Ende vielleicht auch in drei Tagen machbar? Was ihn hindert, das umzusetzen? „Gute Frage. Es braucht vielleicht mehr Management und weniger Chaos. Ich schreib’ die Dre-Tage-Woche gleich auf meine Liste.“

Zeit für Familie und Karriere.

Kreativbranche okay, aber was ist mit dem Rest? Die Innsbrucker Kinderärztin, Alejandra Rosales, 39 Jahre, arbeitet in der Klinik. Aktuell ist sie mit ihrem zweiten Kind in Elternkarenz und erzählt davon, dass sie immer schon viel gearbeitet hat. Sie liebt ihren Job, und bevor sie eine Familie gegründet hat, hat sie in der Woche 50 bis 60 Stunden gearbeitet. Bei ihrem ersten Kind versuchte sie nach der Karenz ein Arbeitszeitmodell zu finden, das für die Klinik, für die Kollegenschaft und für sie gut ist.

Gescheitert ist die Sache zum Schluss am Technischen. Die geblockte Arbeitszeit und der Zeitausgleich, wie sie das eigentlich schon ausgemacht hatte, konnte im Zeiterfassungssystem nicht registriert werden. „Wenn man als Frau im Beruf nur einige Stunden am Tag arbeitet, ist das fürs Privatleben gut, aber fürs Arbeitsleben nicht.“ Sie würde sich bessere Strukturen wünschen. „Ideal wäre eine flexible Arbeitszeit. Dass man, wenn es notwendig ist, mehr Zeit in der Arbeit verbringt und dafür, wenn es nicht so viel zu tun gibt, weniger vor Ort ist. Man könnte sich auch mehr gegenseitig vertreten und als Team arbeiten, damit jeder mehr Freizeit hat.“

Die Kluft.

Der Wunsch nach solcher Flexibilität kommt vor allem aus der gebildeten Mittelschicht. Sabine Platzer-Werlberger vom AMS sagt: „Wir merken in der täglichen Beratung, dass die Work-Life-Balance immer mehr zum Thema wird. Man muss aber sagen, dass eine Kluft zwischen gut ausgebildeten Fachkräften und Menschen mit prekären Dienstverhältnissen besteht.“

Der Chef des Österreichischen Gewerkschaftsbundes Tirol Philipp Wohlgemuth sieht flächendeckend flexiblere Möglichkeiten auch für jene, die nicht die gebildete Mittelschicht sind: „Arbeitszeitverkürzung wäre auch in der Industrie möglich, beispielsweise in Form einer sechsten Urlaubswoche. Arbeitszeitverkürzung heißt ja nicht, dass die wöchentliche Arbeitszeit sinken muss, sondern kann auch mehr Urlaubsanspruch bedeuten.“ Er meint außerdem, es könnte auch ein probates Mittel gegen Arbeitslosigkeit sein, da die vorhandene Arbeit gerechter verteilt wird.

Nicht so sicher, was die positiven Auswirkungen von verkürzter Arbeitszeit bei gleichem Lohn angeht, ist sich die Wirtschaftskammer Tirol. Präsident Christoph Walser: „Die fehlenden Stunden müssen ersetzt werden. Das erfordert Überstunden mit zusätzlichen Kosten für den Arbeitgeber und vielleicht sogar zusätzliche Arbeitskräfte, die derzeit kaum zu finden sind.“

„Zurück in die Steinzeit“.

Worin sich ÖGB und Wirtschaftskammer einig sind, ist, dass das Arbeitszeitgesetz geändert werden muss. Wie – darin herrscht Meinungsverschiedenheit. Während der WK-Präsident noch flexiblere Rahmenbedingungen will und die Forderung der Arbeitszeitverkürzung „in der aktuell angespannten geopolitischen Lage“ als falsches Signal sieht, beharrt der ÖGB-Chef darauf, sie weiterzuführen. Aus Wohlgemuths Sicht würde das einen „enormen volkswirtschaftlichen Nutzen“ – mehr Motivation, mehr Produktivität und weniger Krankenstandstage – bringen. Die jüngsten Gesetzesänderungen, z. B. den Zwölf-Stunden-Tag, nennt er einen Schritt „zurück in die Steinzeit“. Außerdem gibt es in seinen Augen für moderne Arbeitszeitmodelle in Österreich, wo die Arbeitszeit im EU-Vergleich höher ist als der Durchschnitt – 38,8 Stunden statt 38 Stunden die Woche –, noch viel Luft nach oben.

Die Bildungskarenz

Die Bildungskarenz gibt es seit 1998 in Österreich. Das Weiterbildungsgeld wird vom AMS bezahlt (55 % des Einkommens) und ist eine Sozialleistung, die von Personen bezogen werden kann, die ein aufrechtes Dienstverhältnis haben. Es ist für Weiterbildungen im Beruf gedacht (es muss nachgewiesen werden, dass man zumindest 20 Stunden an einer Weiterbildungsmaßnahme teilnimmt), im tatsächlichen Arbeitsalltag wird sie aber oft als verlängerte Kündigung genutzt.

Die Island-Studie

Eine großangelegte Studie wurde von der Stadtverwaltung Reykjavík zwischen 2015 und 2019 durchgeführt. Bei gleichbleibendem Lohn wurde die Arbeitszeit von Personen des öffentlichen Dienstes – 2.500 Personen (1 Prozent der Bevölkerung) – von 40 auf 35 Stunden verkürzt. Die Auswirkungen unter anderem: gleiche Produktivität (oder sogar mehr), mehr Zufriedenheit, aber auch mehr Hilfe im Haushalt. Dies entfachte weltweit eine öffentliche Debatte über Arbeitszeiten. Spanien, Japan und Neuseeland haben eigene Studien in Auftrag gegeben.

Das Arbeitszeitgesetz

Österreichs Arbeitszeitgesetz stammt aus dem Jahr 1969. Die letzte große Änderung zur Verkürzung der Arbeitszeiten wurde vor 47 Jahren durchgeführt – also 20 Jahre, bevor das Internet für die Öffentlichkeit (1989) zugänglich gemacht wurde. 1975 einigte man sich auf die 40-Stunden-Woche (davor 45-Stunden-Woche). Begleitet von heftiger Kritik der Gewerkschaften wurde 2018 unter Türkis-Blau das Gesetz geändert: Statt dem 10-Stunden-Tag (Maximalarbeitszeit) wurde der 12-Stunden-Tag und damit die 60-Stunden-Woche verankert.

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    „Wichtiger werden Arbeitszeiten und Berufe, die zu den Lebensinhalten der Menschen passen.“ Sabine Platzer-Werlberger, AMS Tirol

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    „Die Vier-Tage-Woche ist ein Stressmedikament, die magische Tablette gegen Burnout und ein Mitarbeiter-Bindungsmagnet.“ Florian Gapp und Matthias Triendl

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    „Wenn man als Frau im Beruf nur einige Stunden am Tag arbeitet, ist das fürs Privatleben gut, aber fürs Arbeitsleben nicht.“ Alejandra Rosales, Kinderärztin an der Klinik Innsbruck

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    „Ich wusste, Paragleiten ist meins. In der Arbeit konnte ich mich weder mit der starren Hierarchie anfreunden, noch mich mit der Herstellung von Autoteilen identifizieren.“ Marcell Schrittwieser, gelernter Werkzeugmacher

Zeit statt Zaster
In den USA sprechen Wissenschaftler:innen von "the great resignation", der großen Resignation.

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