Die Früchte der Zusammenarbeit

Auf dem Areal der alten Straub-Kaserne haben fünf Bauern das Gemüseland Tirol gegründet. Dort nutzen sie die Vorteile der Kooperation und bleiben zugleich selbstständige Unternehmer.

Früher fuhren Heeresfahrzeuge mit Soldaten durch die Tore der ehemaligen Straub-Kaserne in Hall, heute sind es Traktoren mit Karotten. Fünf Gemüsebauern haben das Areal 2013 erworben und die Verwaltungsgesellschaft Gemüseland Tirol gegründet, die ihnen erlaubt, am gemeinsamen Standort Anschaffungen zu tätigen und Synergien zu nutzen. Teilnehmer sind die Produzenten Giner Obst & Gemüse, der Ulrichshof, Gemüse Christof Appler, Plank Gemüse und Gemüse Müßigang.

Die Organisationsform des Gemüselandes erlaubt zugleich, dass alle fünf selbstständig bleiben – laut den Mitgliedern ein einzigartiges Konzept in Österreich. Eine solche Kooperation aufzubauen, war durchaus eine Herausforderung für die Unternehmer, erklärt Walter Plank: „Normalerweise sagt man: Fünf Bauern kriegt man schon unter einen Hut, aber nur, wenn man vier erschlägt.“

GESPRENGTER RAHMEN

Darüber, wie das Gemüseland trotzdem entstehen konnte, sind sich die Bauern einig: „Eigentlich hat uns die Not zusammengeschweißt.“ Alle Hofstellen waren in den Dörfern angesiedelt, jene von Andreas Norz, Walter Plank, Stefan Müßigang und Andreas Giner in Thaur, Christof Applers Betrieb in Rum. Mit den Abnehmern wuchsen auch die Höfe, bis der Platz knapp und das Verkehrsaufkommen problematisch wurden. Über 20 Jahre überlegte man, wie sich Standorte auslagern ließen, immer wieder tauchten Hindernisse auf. Ein Außenstehender schaffte es schließlich, die Landwirte zu einen: Christian Braito erfuhr von der Versteigerung der ehemaligen Straub-Kaserne und schlug sie als gemeinsamen Standort vor. „Wir haben das Fell des Bären verteilt,  bevor wir ihn erschossen haben“, erinnert sich Plank, wie die Bauern damals noch vor Zuschlag die einzelnen Grundstücksflächen diskutierten. Diese ungewöhnliche Herangehensweise bot allen angehenden Mitgliedern die Möglichkeit, Kosten und Aufwand vorab zu kalkulieren. Ende November 2013 bekamen sie den Zuschlag, die Arbeit konnte beginnen.

KLEINGEDRUCKTES

Am Anfang stand die Klärung der Regeln und Zuständigkeitsbereiche. Andreas Giner zeigt sich zufrieden mit dem Ablauf: „Wir haben Kriegszeiten in Friedenszeiten gelöst.“ Mit Braito als Geschäftsführer hatten die Bauern acht Jahre lang einen Partner, der sie nicht nur in diversen rechtlichen Belangen beraten konnte, sondern auch die Reibungspunkte zwischen den Mitgliedern klären konnte. Er unterstützt das Gemüseland auch heute noch in rechtlichen Fragen, seine Verwaltungsaufgaben teilen sich Familienmitglieder der Bauern. Bei Abstimmungen sind die fünf gleichberechtigt, bei Zahlungen gibt es eigene Aufteilungsschlüssel.

Braito, heute Amtsleiter der Gemeinde Rum, beteiligte sich laut den Bauern maßgeblich am ersten wichtigen Infrastrukturprojekt des Gemüselands: Die alte Zufahrt im Süden des Geländes wurde durch einen Zugang im Westen ergänzt, über den man heute ohne Kreuzungen und Ampeln an die Autobahn angebunden ist. Vonseiten der Gemeinde Thaur gab es Skepsis, denn eine Umgehungsstraße zur Autobahn war unerwünscht. Laut Müßigang stimmte Thaur nter der Bedingung zu, dass die Bauern keine Durchfahrtsstraße dulden würden. Plank hebt hervor, dass die umliegenden Gemeinden von der Auslagerung profitieren würden: „Das haben nur wir zusammengebracht, dass wir eine Gewerbefläche erschließen, ohne ein Verkehrsproblem zu erzeugen.“

GEMEINSAM STÄRKER

In der Folge wurden das Gesamtareal und die einzelnen Bereiche der Bauern weiterentwickelt. Neue Brauch- und Trinkwasserleitungen wurden gelegt, ein Tiefbrunnen gegraben, Strom-, Gas- und Glasfaseranbindung für jedes Gebäude geschaffen. Im Kern des Areals wurde eine eigene Tankstelle errichtet, die Hallenfläche hat sich seit der Übernahme durch die Landwirte verdoppelt. Keines der alten Gebäude wurde abgerissen, stattdessen hauchte man der alten Bausubstanz neues Leben ein. Durch den Tiefbrunnen konnten ein Wärmerückgewinnungssystem für Warmwasser und Kühlung durch Wasser  aufgebaut werden. Auf den Dächern erstreckt sich eine Photovoltaikanlage, die laut den Betreibern lange Zeit die größte Westösterreichs war und das Gemüseland rechnerisch autark macht.

Die Grundstücke der Bauern am Areal sind zwar eigenständige Einheiten und alle Betriebe firmieren nach wie vor unter eigenem Namen, zwischen ihnen wandern aber Güter, Maschinen und helfende Hände. Die Einkäufe werden gemeinsam getätigt, alles geht an eine Lieferadresse. Bei fehlenden Materialien hilft man sich rasch aus, die Logistik als Ganzes wurde einfacher und effizienter. Selbst bürokratische Themen wie Genehmigungen sind im Verbund sinnvoller abwickelbar, da es nur einen statt fünf Behördengänge braucht.

MEHRWERT AM GELÄNDE

Was zu fünft an Investitionen möglich ist, wäre allein kaum zu bewältigen gewesen. Besonders im Bereich der angeschafften Maschinen lohnte es sich, zusammenzulegen. Schon in der Anfangsphase errichteten die Bauern eine der österreichweit modernsten Wasch- und Sortieranlagen für Karotten. Mittels Bild und Video analysiert sie das durchlaufende Gemüse und sortiert es vollautomatisch je nach festgelegten Merkmalen in Container. Die neu angeschaffte Krautputzanlage kann in der Stunde vier Tonnen Kraut vom Feld fertig für den Handel aufbereiten. Auch andere Maschinen, etwa Kompoststreuer, die bei Einzelpersonen selten gebraucht werden, kommen durch Teilen zu effizienterer Auslastung. In erster Linie sind es Lebensmittel, die das Areal verlassen, es haben sich aber auch einige Betriebe außerhalb der Landwirtschaft angesiedelt. Dies geht zurück auf eine Auflage der Gemeinde Hall, die darauf bestand, dass sich im Gemüseland auch andere Gewerbetreibende einmieten konnten. Bei der Auswahl achteten die Bauern auf Synergien, erklärt Müßigang: „Wir haben geschaut, dass Betriebe herkommen, bei denen wir einen Nebennutzen haben.“ Von der Mechanikerwerkstätte etwa oder dem Schlosser am Gelände profitieren alle Betriebe.

UNRUHIGE ZEITEN

Die geschaffenen Synergien könnten dieses Jahr besondere Relevanz erhalten, denn der Gemüseanbau droht teurer und aufwendiger zu werden. Die Preise für Energie, Dünger und Rohstoffe sind massiv gestiegen, auch die Verfügbarkeiten sind unklar geworden. „Mittlerweile reden wir gar nicht mehr darüber, was ein Dünger kostet, sondern, ob wir ihn kriegen oder nicht“, so Müßigang. Ende letzten Jahres hatte man damit noch nicht gerechnet, erinnert er sich: „Im Winter dachten wir, heuer bekommen wir ein ruhiges Jahr, heuer läuft mal alles. Und heuer läuft genau gar nichts.“ Noch ist unklar, wie viele Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland anreisen werden, was besonders im Fall von langjährigen Mitarbeitenden schmerzt. Europaweit gäbe es Personalengpässe in der Landwirtschaft, erklären die Bauern. Während die Lohnnebenkosten in Deutschland gesunken seien, habe man in Österreich diesbezüglich massive Ausgaben – sofern man Menschen für die Arbeit findet. „Normalerweise wäre es das Gescheiteste, gar nichts zu produzieren, weil das billiger wäre“, fasst Müßigang die Situation zusammen, allein schon wegen der Handelspartner sei das aber keine Option. Gewisse Einschnitte seien zu befürchten, wenn die Arbeitskräfte für Pflege und Ernte ausblieben, erklärt Andreas Norz: „Alles, was mit viel Handarbeit verbunden ist, wird sicher weniger. Oder die Qualität wird leiden.“

GUT ABGEDECKT

Trotz der Herausforderungen, die das aktuelle Jahr stellt, denkt man an die Weiterentwicklung des Areals, etwa durch weitere eingemietete Unternehmen. Bei Gemüseland selbst wälzt man bereits Pläne für einen nächsten Schritt: die Errichtung von Gewächshäusern. „Wir sind in einem ungeschützten Raum zum Produzieren, weil alle Nachbarländer der EU bessere Ausgangsbedingungen haben als wir“, attestiert Müßigang. Mit den Gewächshäusern wolle man die Eigenversorgung mit Tomaten, Gurken, Paprika, Salaten und Ähnlichem gewährleisten. So könne man auch auf kleinem Raum noch Wertschöpfung erzeugen. Auf die Bedenken, dass Gewächshäuser nicht zum Tourismusland Tirol passen würden, haben die Landwirte eine Antwort: „Wir wollen ja nicht in Obergurgl ein Glashaus aufstellen. Aber im Inntal, wo Tausende Hektar Gewerbeflächen sind, muss das für die Tiroler Landwirtschaft einfach möglich sein.“

Den Themen Eigenversorgung und Ernährungssicherheit kam zuletzt wieder mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu. „Dass es bei uns gescheiter wäre, Skifahren, Jagen und Wandern zu gehen, wird schon passen“, so Plank. Aber: „Im Endeffekt ist es wichtig, dass es eine Landwirtschaft gibt. Die kurzen Wege werden wichtig, wenn Lieferketten abreißen, und wir haben gesehen, wie schnell sowas geht.“

Gemüseland Tirol in Zahlen

  • 350 Menschen arbeiten auf dem Gelände von Gemüseland Tirol.
  • Im Jahr werden 400.000 Kubikmeter Wasser verbraucht. Der Spitzenverbrauch liegt bei 100 Sekundenlitern.
  • Das Areal hat eine Fläche von 100.000 Quadratmetern.
  • Eine Million Liter Diesel wird im Jahr benötigt.
  • Die Photovoltaikanlage liefert 1,15 Megawatt Leistung.

Mehr als nur Arbeitskräfte

Der Krieg in der Ukraine führt nicht nur zu einer Preissteigerung und Verknappung landwirtschaftlicher Ressourcen. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer, oft langjährige, teils nicht ersetzbare Mitarbeitende, können ihr Land entweder nicht verlassen oder befinden sich auf der Flucht. Rund 250 von ihnen hätten dieses Jahr für Gemüseland Tirol arbeiten sollen. Die Thaurer Bauernschaft blieb nicht untätig, in den Mitarbeiterunterkünften brachten sie teils die Frauen und Kinder ihrer Mitarbeiter unter. Hilfe vor Ort leisteten sie mit sechs Lkw-Ladungen an Hilfsgütern, die sie teils persönlich an die Grenze fuhren und ihren Leuten sowie deren Angehörigen übergaben.

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    „Eigentlich hat uns die Not zusammengeschweißt.“ Das Team von Gemüseland Tirol

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    „Alles, was mit viel Handarbeit verbunden ist, wird sicher weniger. Oder die Qualität wird leiden.“ Anderas Norz

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    „Man sagt: Fünf Bauern kriegt man schon unter einen Hut, aber nur, wenn man vier erschlägt.“ Walter Plank

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    „Normalerweise wäre es das Gescheiteste, gar nichts zu produzieren, weil das billiger wäre.“ Stefan Müssigang

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    „Wir haben Kriegszeiten in Friedenszeiten gelöst.“ Andreas Giner

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    Im Verbund konnten die Bauern in eine von Österreichs modernsten Wasch- und Sortieranlagen für Karotten investieren.

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    Im Verbund konnten die Bauern in eine von Österreichs modernsten Wasch- und Sortieranlagen für Karotten investieren.

  • Gemuseland-Tirol9

    „Eigentlich hat uns die Not zusammengeschweißt.“ Das Team von Gemüseland Tirol

Die Früchte der Zusammenarbeit
Kooperation ohne Verlust von Selbstständigkeit – das hebt Gemüseland Tirol von anderen landwirtschaftlichen Zusammenschlüssen ab.

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