Drunter und drüber denken

Foto: Diana Bachler
Elke Barbara Bachler ist bei Georg Fischer in Altenmarkt bei St. Gallen zuständig für das Ideenmanagement.

Drunter und drüber denken

Elke Barbara Bachler ist bei Georg Fischer in Altenmarkt bei St. Gallen zuständig für das Ideenmanagement.

Kreative Methoden können der Schlüssel zur Problemlösung in diversen Branchen sein. Elke Barbara Bachler erklärt, wie Design Thinking und Konsorten funktionieren.

Die deutsche Sprache gilt als besonders präzise. In manchen Fällen geht trotzdem ein Teil der Wortbedeutung im Alltag verloren. Kreativität etwa bedeutet mehr als künstlerisches Schaffen. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff Design, wie Elke Barbara Bachler, Ideenmanagerin  bei Georg Fischer, erklärt: „Wir verbinden Design eher mit Optik, Layout, Ästhetik. Im englischsprachigen Raum umfasst es auch die Funktion.“ Doch damit ist noch nicht Schluss: Verbindet man diese beiden – im regulären Sprachgebrauch nicht ganz ideal definierten – Begriffe, erzeugt man zusätzlich tiefere Bedeutung. Denn daraus hervor geht Design Thinking, eine kreative Problemlösungsmethode.

Umfassendes Denken

Neue Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse zu schaffen, kann darin enden, dass an den KundInnen vorbei entwickelt wird. Design Thinking enthält einige Komponenten, die das verhindern können. „Im Grunde überlege ich mir das Produkt oder die Dienstleistung von Beginn weg ganzheitlicher, denke das Ende mit“, erklärt Bachler. In einem – je nach Präferenz mehr oder weniger strikt eingehaltenen – sechsstufigen Prozess wird schnell konkret gearbeitet. Die Methode fördere etwas mehr Wagemut, so die Expertin. Statt auf Perfektion setzt Design Thinking darauf, rasch Prototypen zu erstellen und diese jenen Personen vorzuführen, die qualifiziertes Feedback geben können.

Die Neuvermarktung des Rades

Die Kernelemente sind in unterschiedlichen Varianten schon vor Entwicklung dieser heute populären Methode eingesetzt worden. Drei Professoren aus Stanford, bekannt als die Schöpfer und wichtigsten Vertreter des Design Thinking, gossen die besten Elemente komplexerer Denkmuster in einen vereinfachten Prozess. Inbegriffen sind Iterationsstufen, nach der Präsentation des Prototyps kann man also bei Bedarf zurück an den Anfang springen.

Informiertes Einfühlen

Am Anfang des Prozesses steht die Herausforderung, zu verstehen, worum es wirklich geht und wo das Problem der KundInnen liegt. Laut Bachler werde beim Aufruf „Sei kreativ!“ oft unterschätzt, dass es erst genaues Zuhören, Informationensammeln und Gespräche mit den involvierten Personen brauche, um voranzukommen. Im Großen liefere Design Thinking einen ausgezeichneten Rahmen, um diesen ganzheitlichen Blick zu schaffen. Zur Erhebung der Details nutzt Bachler gern weitere Kreativmethoden, wie TRIZ oder Brainstorming-Varianten. Während sie sich das Nützliche aus verschiedenen Ideen holt, verfolgen andere Professionelle den Ansatz, eine Methode konsequent zu verwenden.

Geänderter Modus

Gute Kreativitätsmethoden – wie TRIZ oder Biomimicry – können auf bestehende Datenbanken zurückgreifen oder wie Design Thinking von Grund auf starten. Davon unabhängig zeichnen sich für Bachler gute Techniken dadurch aus, dass sie eine Reihe von Betrachtungsweisen unterstützen. Zum Beispiel einen Wechsel zwischen strukturiertem Herangehen und dem Schweifenlassen der Gedanken oder zwischen Detailbetrachtung und bewusstem Blick von außen.

Mit seinen vergleichsweise simplen Abläufen könne mit etwas Übung jeder Design Thinking anwenden, so Bachler: „Richtig methodisches oder kreatives Problemlösen ist eine Trainingsfrage.“ Der sechsstufige Prozess könne wie eine Art Einstiegsdroge wirken: Man lerne in der Folge, wie man einen Prototypen baut, einen aussagekräftigen Sketch anfertigt oder wie ein 3D-Drucker funktioniere.

Testen im Kleinen

Wo Design Thinking angewandt wird, hängt in erster Linie davon ab, wie offen Unternehmen ihm gegenüberstehen. In der Automobilindustrie kann die Methode helfen, nicht nur die eigentliche Funktion eines Bauteils zu bedenken, sondern auch, wie es gestaltet werden muss, um optimaler produzierbar zu sein. Ein ganzheitlicher Ansatz kann den Bau eines Autos deutlich erleichtern. Die Arbeit mit Prototypen funktioniert auch mit Dienstleistungen in der Tourismusbranche: Neue Events oder Geschäftsmodelle können an einem einzelnen Standort getestet werden, ehe man sie auf die gesamte Hotelkette umlegt. Sollte etwas nicht wie gedacht funktionieren, spart sich der Betreiber Zeit, Energie und Geld.

Berührungsängste

„Die wirklich interessanten Innovationsansätze findet man oft dort, wo man Bedürfnisse entdeckt, die dem Kunden nicht wirklich bewusst sind“, ist Bachler überzeugt. Um zu den Problemstellungen und Wünschen vorzudringen, müsse man aber erst die Berührungsängste mit Veränderung überwinden. Hier kommt laut der Expertin der Einfühlungsaspekt der Methode zum Tragen. Denn kenne man den Antrieb hinter den bestehenden Lösungsansätzen, hole man die Teilnehmenden ganz anders ab. Kämen die richtigen Leute unter Leitung einer externen Moderation zusammen, entwickeln sie die Änderungsansätze rasch selbst: „Dir wird nichts aufoktroyiert, sondern du bekommst Spaß daran.“ Das gemeinsame Entwerfen von Prototypen in Workshops baut durch das spielerische Element auch Hürden zwischen Abteilungen ab.

Über den Tellerrand

Bei allen Stärken des Design Thinking ist es für Bachler kontraproduktiv, dass die Methode als eierlegende Wollmilchsau angepriesen wird. Ihr Potenzial verpuffe förmlich, wenn man durch den implizierten Leistungsdruck die spielerische Komponente aus der Gleichung nimmt. Statt den Heiligen Gral unter den Problemlösungsansätzen zu suchen, kann es Sinn machen, sich zusätzlicher Methoden zu bedienen. TRIZ und Funktionsanalyse für technische Fragestellungen, Mindmapping, wenn man allein arbeitet, Brainstorming und Brainwriting in der Gruppe. Bachler fasst zusammen: „Es gibt für jede Situation, Persönlichkeit und Aufgabe eine Methode.“

TRIZ

Eine stark technisch orientierte Analyse, bedeutet in der Langform aus dem Russischen übersetzt so viel wie „Die Theorie des erfinderischen Problemlösens“, basiert auf Patentschriften.

Biomimicry

Diese Strategie nimmt sich für innovative Lösungen die Natur zum Vorbild, sowohl bei physischen Produkten als auch bei Denkmustern wie der Biomimicry Design Spiral.

Die sechs Stufen des Design Thinking

  1. Rahmenbedingungen und Problem des Kunden werden definiert, man schafft ein gemeinsames Verständnis der Aufgabenstellung.
  2. Persönlicher Kontakt mit dem Kunden, bei dem dessen Bedürfnisse analysiert werden. Analyse der bisherigen Lösungen des Kunden. Hier stellt sich heraus, ob man das Problem richtig erkannt hat.
  3. Kombination aus den Erkenntnissen der ersten beiden Schritte. Die Eindrücke werden gebündelt und ein Rahmen erstellt, innerhalb dessen sich die Lösung bewegen kann.
  4. Nun werden Ideen gesammelt, bewertet und priorisiert. Hier darf man sich gern von anderen Branchen inspirieren lassen.
  5. Es wird konkret: Der erste Prototyp wird gebaut. Er muss weder perfekt noch fertig sein, zweckmäßig reicht aus.
  6. Der Kunde bekommt den Prototypen zum Testen. Je nach Feedback wird der Prototyp variiert, die Lösung umgesetzt oder auch der Prozess von Neuem gestartet.


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